Gesundheit : Stammzelltisch

Bürger und Biomedizin: Geteilte Ansichten

Adelheid Müller-Lissner

„Nicht ganz weit entfernt von den Diskussionen im Bundestag“, so lautete das Urteil von Bundestagspräsident Wolfgang Thierse, als er Anfang der Woche ein „Bürgervotum“ zur Stammzellforschung entgegennahm. Das 17-seitige Papier ist das Ergebnis einer „Bürgerkonferenz“, zu der sich die Teilnehmer im Verlauf der letzten Monate mehrmals am Wochenende trafen.

Wie die Parlamentarier, die sich im Januar 2002 mit dem Stammzellgesetz schwer taten, so konnten auch die zwölf Teilnehmer der Bürgerkonferenz, die zuletzt das Bürgervotum verfassten, sich nicht in allen Punkten einig werden. Wie die Parlamentarier, so suchten auch sie den Kompromiss. „Wir können unser Votum nicht in knackiger Form vorlegen“, sagte deshalb ihre Sprecherin Claudia Carl bei der Übergabe des Votums an Thierse.

Keine gemeinsame Meinung entwickelten sie zum Beispiel zu der Frage, ab wann der Embryo als Mensch betrachtet werden muss. Für acht der Teilnehmer ist dies der Fall, sobald Samen- und Eizelle verschmolzen sind. Eine Minderheit von vier Gruppenmitgliedern sieht den Zeitpunkt der Einnistung in die Gebärmutter als entscheidend an. Einigkeit bestand trotzdem in der Ablehnung der Herstellung von Embryonen und der Spende von Eizellen allein zu Forschungszwecken. Eine Minderheit von zwei Bürgern billigte aber das therapeutische Klonen zur Gewinnung von Stammzelllinien.

Eine klare Pattsituation bestand bei der Einschätzung der Gesetze, die heute den Umgang mit embryonalen Stammzellen in Deutschland regeln. „Unsere Botschaft ist hier zweigeteilt“, sagte Carl. Die Hälfte der Teilnehmer empfindet diese Gesetzeswerke als tragfähig und ausgewogen und tritt dafür ein, dass ihr Inhalt international vertreten wird. Die andere Gruppe hingegen wünscht sich „eine vorsichtige Öffnung zugunsten der embryonalen Stammzellforschung“.

Einmütig äußerten die Teilnehmer ihre Präferenz für die Forschung und Therapie mit „adulten“ Stammzellen, die Erwachsenen oder Kindern entnommen wurden. „Sie sind das mildere Mittel.“

Vor der Abfassung ihres Votums hatten die zwölf Bürger Experten aus der Stammzellforschung, Philosophen, Theologen, Juristen und Politiker befragt. Unter diesen befand sich kein dezidierter Verfechter der Forschung mit embryonalen Stammzellen. „Wir hatten eigentlich erwartet, dass es mehr kracht“, sagte Sprecherin Claudia Carl.

Das Votum ist nicht repräsentativ und es ist schon gar nicht als Volksabstimmung zu verstehen. Christoph Tannert vom Max-Delbrück-Centrum (MDC) in Berlin-Buch, dessen Arbeitsgruppe die Bürgerkonferenz in Zusammenarbeit mit dem Forschungszentrum Jülich veranstaltet hatte, kommentierte: „Die Vielfalt des Meinungsspektrums spricht aber dafür, dass wir die gesellschaftliche Spannbreite getroffen haben.“

Befragt, was sich für sie durch die Teilnahme an der Bürgerkonferenz verändert habe, meinte die Sprecherin Claudia Carl, ihr Vertrauen in die Forscher sei eindeutig gewachsen. Einen anderen Nebeneffekt hat in den letzten Wochen wohl eher ihre Umgebung bemerkt: „Beim Mittagessen mit Kollegen habe ich alle verrückt gemacht mit Fragen wie: Wann beginnt eigentlich menschliches Leben?“

Mehr im Internet unter:

www.mdc-berlin.de

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