Gesundheit : Starchirurg Barnard: Der Meister des Herzens ist tot

Paul Janositz

Er war ein Pionier im wahrsten Sinne des Wortes, wagemutig, neugierig und Experte ersten Ranges. Als der bis dahin fast unbekannte südafrikanische Chirurg Christiaan Barnard vor fast 34 Jahren seine Pioniertat vollbrachte, stand die Welt Kopf, ähnlich wie später vielleicht nur bei der Mondlandung. Jetzt ist der wohl bekannteste Herzchirurg der Welt im Alter von 78 Jahren am Sonntag auf Zypern gestorben. Ein in sein Hotel herbeigerufener Arzt habe den Tod Barnards festgestellt, erklärte der zypriotische Gesundheitsminister Frixos Savvides. Der Arzt verbrachte - wie öfters - auf der Insel seinen Urlaub. Die Todesursache stehe noch nicht fest, sagte Savvides weiter.

Die erste gelungene Herztransplantation bei einem Menschen war damals nicht nur eine medizinische Sensation. Es war gleichzeitig der Sprung in eine neue Dimension menschlichen Hoffens. Das Herz, Symbol für Seele und Liebe, konnte verpflanzt werden, und neues Leben möglich machen, wo früher der Tod unausweichlich war. "Sein Herz hörte auf zu schlagen", klassischer Text auf Traueranzeigen, war zum erstenmal nicht gleichbedeutend mit Sterben.

Gemüsehändler bekommt neues Herz

Als "Sprung ins kalte Wasser" bezeichnete Barnard die fünfstündige Operation vom 3. Dezember 1967 im Groote-Schuur-Hospital in Kapstadt, die dem 55-jährigen Louis Washansky ein neues Herz bescherte. Der am 8. November 1922 in dem Wüstenstädtchen Beaufort-West geborene, südafrikanische Chirurg, Sohn eines protestantischen Missionars, schnitt dem todgeweihten Gemüsehändler das kranke Herz heraus und setzte ein frisches ein, das von der hirntoten Denise Durvall stammte. Als Barnaard die künstliche Herzpumpe abstellte, die die Zeit des Eingriffs überbrückte, zeigte das Elektrokardiogramm perfekte Kurven. Das transplantierte Herz schlug regelmäßig.

Der Eingriff galt als Erfolg, auch wenn der Patient nach 18 Tagen an einer Lungenentzündung starb. Das körpereigene Immunsystem hatte sich gegen das fremde Organ des 25-jährigen Unfallopfers gewehrt. Barnards zweiter Patient, der Zahnarzt Philip Blaisberg, hielt wesentlich länger durch - fast zwanzig Monate. Obwohl die Transplantation als Therapiemöglichkeit damals stark umstritten war, fand Barnard eine ganze Reihe von Nachahmern. In vielen Ländern der Welt, vor allem in den USA, wurden weitere Herztransplantationen durchgeführt, zum Teil mit erstaunlichen Ergebnissen.

Drei Tage nach Barnards Ersttat nähte ein Chirurg in New York einem weiblichen Säugling ein neues Herz ein. Barnaards wissenschaftlicher Rivale Norman L. Shumway aus Palo Alto transplantierte zwischen Januar und Oktober 1968 sechs Herzen, übertroffen nur von dem Texaner Cooley, der in acht Monaten 17 Herzen verpflanzte, darunter eines von einem Schaf. Dieser Versuch endete mit einem Fiasko.

Nachdem der Glanz der Sensation verblasst war, sah die Bilanz allerdings eher mager aus. Wurden 1968 weltweit noch 102 Transplantationen in 52 Kliniken durchgeführt, so sank die Zahl in den siebziger Jahren auf jährlich rund zwanzig Eingriffe. Dies lag vor allem daran, dass es gegen die Abwehrreaktion des Körpers noch kein richtiges Rezept gab. Den Durchbruch brachte um das Jahr 1980 der Wirkstoff Cyclosporin, der die Abstoßung des fremden Organs unterdrückt. In kurzer Zeit erlebte die Transplantationsmedizin einen ungeahnten Aufschwung.

Dass eine solche Entwicklung durch einen südafrikanischen Chirurgen und nicht von den USA ausging, war überraschend. Allerdings hatte Barnard nach Studium, Promotion und Assistenzzeit in Kapstadt an der Universität von Minnesota eine chirurgische Fachausbildung bekommen. In den USA führte er auch seine erste Herzoperation durch, bevor er 1958 nach Kapstadt zurückkehrte.

Nach einer kurzen Zeit als praktischer Arzt arbeitete Barnaard als chirurgischer Assistent an der "Medical School" der Universität Kapstadt. 1958 nahm er am Groote-Schuur-Hospital die erste Operation am geöffneten Herzen eines Mädchens vor. Im gleichen Jahr wurde er Direktor der chirurgischen Forschungsabteilung der Universität Kapstadt. 40-Jährig wurde er zum Professor für Thoraxchirurgie ernannt und nahm bis zur ersten Transplantation weit über tausend Herzoperationen vor.

Seit Barnards Pioniertat wurden weltweit schätzungsweise mehr als 40 000 Herzen verpflanzt, davon über 5000 in Deutschland. Die Überlebensrate liegt heute bei 80 bis 85 Prozent nach einem Jahr und bei 70 Prozent nach fünf Jahren. Ein großes Problem ist der Mangel an Spenderherzen. Gut ein Drittel der Patienten, die ein neues Herz brauchen, sterben während der Wartezeit. Als Alternative arbeiten die Mediziner an kleinen, zuverlässigen Blutpumpen, die im Brustkorb implantiert das eigene Herz unterstützen können. Ersatzherzen von Tieren sind bisher nicht als Alternative erkennbar.

Mit Affenherzen gescheitert

Barnard gab sich nicht mit seinen ersten Erfolgen zufrieden. 1971 machte er erneut von sich reden, als er einem Patienten ein Herz und beide Lungenflügel transplantierte. Allerdings blieb der Erfolg aus, denn der Patient starb wenig später. Eine weitere spektakuläre Operation gelang Barnard 1974, als er ein Spenderherz übertrug, ohne das kranke Organ des Empfängers zu entfernen. Der Patient überlebte nur 111 Tage. Spätere derartige "Huckepack"-Transplantationen waren erfolgreicher. Zwei Versuche, dieses Verfahren mit Affenherzen vorzunehmen, scheiterten 1977. Nachfolger Barnards als medizinischer Leiter des Groote-Schuur-Hospitals wurde der deutsche Herzchirurg Bruno Reichart, der zuvor am Münchner Klinikum Großhadern tätig war.

Auch nach Aufgabe seiner Operationstätigkeit blieb Barnard, der schon lange an Arthritis litt, der Medizin treu. Er leitete eine Klinik auf der griechischen Insel Kos und befasste sich als Wissenschaftler in Oklahoma mit Alterungsproblemen.

Barnard starb am Sonntag 78-jährig im Urlaub auf Zypern an den Folgen eines Herzinfarktes.

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