Gesundheit : Statt Konkurrenzkampf kollegiale Atmosphäre - "In den USA muss jeder Student der beste sein"

Colin Guthrie King

Was wohl denken andere Menschen über uns? - In der Rubrik "Gästebuch" lassen wir von nun an in lockerer Folge ausländische Gast-Studierende zu Wort kommen. Sie sollen einen kritischen Blick auf ihren Uni-Alltag in Deutschland werfen: Warum studiert es sich hier besser oder schlechter als zu Hause?

"Unser deutsches Universitätsleben amerikanisiert sich, wie unser Leben überhaupt", glaubte vor achtzig Jahren ein prominenter deutscher Wissenschaftler feststellen zu können. Jener Wissenschaftler war Max Weber, dessen Rede von der Amerikanisierung der deutschen Universitäten mich früh zum Nachdenken über die Verwandtschaft des deutschen Hochschulsystems mit dem eigenen, amerikanischen brachte. Eigentlich stand Webers Rede über die Wissenschaft als Beruf am Beginn meiner deutschen Bildungsreise. In den gemütlichen Institutsbibliotheken der Universität Freiburg hatte ich sie zuerst gelesen, später nahm ich sie immer auf die Reise mit - zuerst nach Bonn und Köln, dann an die Berliner Universitäten. Wie der Zufall es wollte, folgte ich dabei einigen Stationen Webers. Und ich kam zu dem Ergebnis, dass er - zum Glück - mit seiner Ansicht bis heute nicht Recht hat.

Es ist natürlich, das Vertraute im Fremden zu suchen, wenn auch nur als ersten Schritt der Annäherung. Ich habe sowohl an einem kleinen, privaten College auf dem Land studiert, als auch an einer großen, öffentlichen Universität in der Stadt. Doch trotz dieser unterschiedlichen Erfahrungen hatte ich Mühe, das mir vertraute Bildungssystem im deutschen wiederzuerkennen. Das fing bei der Universitätsverwaltung an. In den USA kam ich mit ihr kaum in Berührung, in Deutschland wurde sie mir zu einem Schreckgespenst. Beim ersten Besuch in einem deutschen Immatrikulationsbüro fand ich wenig von jener rationalisierten Betriebsbürokratie, von der Weber einst gesprochen hatte. Ich kam mir vielmehr wie ein gemeiner Nichtbürger bei einer römischen Provinzverwaltung vor - der Verwaltungssprache nicht mächtig und jedem Stempelträger unterworfen. Es war ein ganz neues Gefühl der Ohnmacht. Aber mit Übung und der Hilfe osteuropäischer Kommilitonen, denen kleine Zettel mit Stempeln noch vertraut sind, lernte ich bald dazu. Schließlich habe ich alle Etappen mysteriös verzahnter Papierwettläufe geschafft und konnte anfangen, zu studieren.

Der Dozent fragte uns!

So erschien ich am Semesteranfang in meinen Seminaren und Übungen, gut ausgeschlafen, mit meinem ganzen Ehrgeiz ausgerüstet und bereit, mich mit einem großen Lesepensum und vielen Hausarbeiten tapfer zu schlagen. Ich wurde enttäuscht. Erstens, waren die Studenten viel zu entspannt und freundlich. Bald verstand ich auch warum. Der Dozent betrat den Raum und schaute gelassen in unsere Runde. Er teilte einen Semesterplan aus und fragte uns, was wir davon hielten. Er fragte uns! Er war also gar nicht dazu da, uns streng zu lenken und unaufhaltsam anzutreiben, sondern wir sollten mit ihm zusammenarbeiten. Ohne Prüfung.

Diese Aufgabenverteilung kam mir seltsam vor. Auf dem College war es durchaus üblich, in der ersten Woche mit einem Lesepensum von 400 Seiten nach Hause zu gehen - Tendenz steigend. Und ich war daran gewöhnt, in jeder Lehrveranstaltung zwei große Prüfungen pro Semester abzulegen. Zweistündige Prüfungen mit Fragen wie "Nennen Sie 100 Daten zur Geschichte der Beziehung der Kolonialmächte zu den Ureinwohnern Nordamerikas und schreiben Sie drei erläuternde Sätze zu jedem Datum". Nicht, dass solche Aufgaben uns unbedingt zu kundigeren oder besseren Wahrheitssuchern gemacht hätten. Aber Erkenntnis war nicht so sehr das Ziel, eher nachweisbare Wissensvermittlung. Erst im Rückblick erkenne ich das eigentliche, moralische Ziel meiner amerikanischen Bildung: Uns zu arbeitstüchtigen, fleißigen Menschen zu machen, die bewusst mit Zeit umgehen und sich vor großer Belastung nicht scheuen.

Im Unterschied dazu fiel mir das Interesse an der "Sache selbst" unter deutschen Studenten und Wissenschaftlern äußerst positiv auf. Natürlich kann man viel über die "Sache selbst" reden, ohne den Aufsatz über das eigentliche Thema der heutigen Sitzung gelesen zu haben. (Es ist im übrigen eine an der deutschen Universität hochentwickelte Kunst, über Veröffentlichungen zu reden, die man nicht gelesen hat.) Aber anstatt mit einander einen ständigen Konkurrenzkampf um benotetes Wissen zu führen, können deutsche Wissenschaftler meistens in kollegialer Atmosphäre nach einem gemeinsamen Verständnis streben. Das Ideal ist ja Erkenntnisproduktion, nicht nur Wissensvermittlung. Offene Kritik gibt es dabei fast immer, aber deswegen schämt man sich nicht vor ihr. In einem amerikanischen Seminar dagegen kann auch sachliche Kritik schnell persönlich oder moralisierend wirken, denn jedem Studenten ist ganz klar das Ziel vorgegeben, der beste zu sein.

Sobald ich die fast schon kulturell geprägte positive Einstellung zur Wissenschaft, dieses Interesse an der "Sache selbst" verstanden und verinnerlicht hatte, lernte ich auch die großen Freiheiten des deutschen Systems als Vorzug kennen. Nie zuvor wurde mir so viel Verantwortung für meine eigene fachliche und geistige Entwicklung zugetraut wie hier. Damit ist der in meiner Sicht größte Vorzug der deutschen Universität verbunden: Ihre Offenheit, die sie sich eben deshalb leisten kann, weil sie den mündigen Menschen als Ausgangspunkt hat und nicht erst als Endprodukt, wie das typische amerikanische Liberal Arts College.

Es ist diese Offenheit der Universität gegenüber Menschen verschiedenen Alters und sehr unterschiedlicher sozialer Herkunft, die Weber 1919 kaum hätte voraussehen können. Sie ist ein Vermächtnis einer Universitäts- und Gesellschaftsreform, die erst 50 Jahre später kam. Die Öffnung der deutschen Universität zu einem breitflächigen Kontakt mit der Gesellschaft erscheint mir als ein großes Positivum aus jener Zeit. Die Universität gewann durch ihre Reform entscheidend an Gestaltungskraft für die Gesellschaft; die Gesellschaft profitierte direkter und schneller von der Universität.

Wissenschaft statt "Corporate identity"

Man wird allerdings lange warten, bis sich "Corporate identity" und die mit ihr verbundenen Haltungen in einem so inklusiven System entwickeln. Dafür sind die Werte von Gemeinschaft und Wissenschaft umso wichtiger - Werte, deren schwierige Vermittlung der überlasteten deutschen Universität sogar noch gelingt! Korporatistische und wahrhaft betriebliche Organisationen wie zum Beispiel die viel gerühmten Elite-Universitäten der Vereinigten Staaten können natürlich ihren individuellen Kunden und Wissenschaftlern effektiver dienen. Doch darüber hinaus dienen sie vor allen Dingen - sich selbst.Zum Autor: Colin Guthrie King stammt aus Freedom, Maine, USA. Er studiert seit Oktober 1998 Philosophie, Politikwissenschaft und Altgriechisch an der Humboldt-Universität zu Berlin. In den Vereinigten Staaten studierte er in Colgate University (Hamilton, New York) und an der City University of New York.

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