Gesundheit : Statt langer Wartezeit Sofortzulassung am Computer

Tilmann Warnecke

Das Studentenleben kann manchmal ganz schön hart sein. 400 Studenten quetschen sich in einen Hörsaal, in den eigentlich nur 150 Leute passen. Der Kommilitone zur Linken hat die Morgendusche vergessen, der zur Rechten hat seinen Hund mitgebracht. Die Wartezeit für die Professoren-Sprechstunde dehnt sich. Und das Mensaessen schmeckt auch nicht so recht.

Zum Thema Online Spezial: Uni-Start Diese Unannehmlichkeiten des Uni-Alltags werden Nikola Ulrich bei ihrem Studium wohl erspart bleiben. Sie kuschelt während der Vorlesung nicht mit Kommilitonen im Hörsaal, sondern höchstens mit ihrer Maus am heimischen Computer. Lästiges Parkplatzsuchen entfällt: Denn Nikola Ulrich geht nicht in die Hochschule, sondern die Uni kommt übers Internet zu ihr. Das Einstöpseln des Modemkabels in die Telefonbuchse genügt, und schon verwandelt sie ihre Wohnung in die Hochschule.

Nikola Ulrich hat sich zu Beginn dieses Wintersemesters für den ersten Online-Studiengang an einer deutschen Fachhochschule eingeschrieben. Passend zum Medium Internet studiert sie virtuell Medieninformatik. Angestrebter Abschluss: Bachelor nach drei, Master nach fünf Jahren.

Bisher, so das Fazit der 21-Jährigen nach wenigen Wochen WWW-Studium, "bin ich mit der Organisation des Studiums sehr zufrieden". Nun ist die Idee des Fernstudiums an sich nicht neu. Bei der konventionellen Variante wühlt sich der Student am heimischen Schreibtisch jedoch meist einsam durch Papierberge, die ihm zugeschickt werden. Ulrich und ihre Kommilitonen dagegen begrüßt nach dem Einloggen ins Internet zuerst ein so genanntes Blackboard, die elektronische Ausführung der guten alten Schultafel. Dort hinterlassen Dozenten und Studenten Termine und Links, die beim Studium weiterhelfen. Chat-Rooms und Diskussionsforen zu den Lerneinheiten ersetzen den Tratsch am Kaffeeautomaten - hier erörtern Studenten ihre Probleme, egal, ob die Teilnehmer gerade in Berlin oder Konstanz sitzen. Auch an Homepages für die Studenten ist gedacht, damit sie sich wenigstens via Bildschirm kennen lernen. Professoren und Tutoren erreichen die Studenten via E-Mail.

"Ganz wichtig" findet Ulrich die Kontaktmöglichkeiten zu ihren Mitstreitern, denn so ganz geheuer scheinen ihr die Vorteile des häuslichen Studiums doch nicht zu sein: "Ich habe ein bisschen Angst, vor dem Rechner zu sitzen und nichts zu verstehen." Außerdem, so schwant ihr, "verlangt dieses Studium einem wohl sehr viel Selbstdisziplin ab". Denn jeder erfahrene Student weiß, dass zu Hause die meisten Ablenkungsmöglichkeiten lauern: Fernsehen, Telefonieren, Putzen, Einkaufen haben schon so manche Seminararbeit hinausgeschoben.

Ob die Entwickler der Lernsoftware deswegen die virtuellen Figuren Markus und Melanie erfunden haben? Die springen über den Bildschirm und feuern ihre leibhaftigen Kommilitonen mit aufmunternden Sprüchen an, falls das Lernen einmal schwer fallen sollte. Den Lehrstoff laden die Studenten von einem Zentralserver in Lübeck auf ihren eigenen PC. Die Lehrveranstaltungen heißen bei ihnen nicht Seminare, sondern Module, die sie nach und nach am Bildschirm bearbeiten. Bücher benutzen die Studenten nur noch als Ergänzung zum online dargereichten Material.

Videostreams vermitteln beispielsweise die Entwicklungsgeschichte der Programmiersprache Java, Audiostreams erzählen Wissenswertes zu Grundlagen des Programmierens. Sogar an didaktische Kniffe ist gedacht: Damit die Studenten nicht wahllos im Lehrstoff hin- und hersurfen, werden die Kapitel sukzessive freigeschaltet.

Entwickelt wurde der Online-Studiengang Medieninformatik im Rahmen des Projektes "Virtuelle Fachhochschule". 13 Hochschulen in ganz Deutschland beteiligen sich daran. In Berlin bietet die Technische Fachhochschule (TFH) den Studiengang in Kooperation mit dem Institut für Weiterbildung an; auch Nikola Ulrich ist dort eingeschrieben. "Wir erschließen uns eine neue Welt", sagte TFH-Präsident Gerhard Ackermann zur Begrüßung, bei der sich alle Berliner Beteiligten persönlich einfanden. Die meisten der 22 TFH-Studenten treibt allerdings weniger Pioniergeist zum Online-Studium, sondern ein handfestes Interesse. Nikola Ulrich hätte für ein Präsenzstudium zehn Semester Wartezeit in Kauf nehmen müssen, was ihr verständlicherweise zu lange dauert. Kommilitone Thomas Barmeyer arbeitet nebenher bei Siemens, und "da ist ein Studium von zu Hause aus zeitlich besser zu koordinieren".

Wer das virtuelle Studieren als Ergänzung zum bestehenden Studium nutzen will, hat eine größere Auswahl. Neben der Virtuellen Fachhochschule bietet bisher allein die Fernuniversität Hagen komplette Studiengänge übers Internet für Studienanfänger an. In Bayern können sich alle Studenten an der "Virtuellen Hochschule in Bayern" einschreiben und dort Kurse in den Ingenieurwissenschaften, in Medizin, Informatik und Wirtschaft belegen. In einem virtuellen Gen-Labor, das die Uni Oldenburg entwickelt, führen bald Studierende per Mausklick gentechnische Experimente durch.

Grenzenlos wird das Studium mit Hilfe des World Wide Web dennoch zunächst nicht. Nikola Ulrich muss neben den Online-Lerneinheiten an mehreren Wochenenden bei Präsenzterminen in der TFH erscheinen. Dann sprechen die Professoren besonders knifflige Themen durch. Die Abschlussklausuren schreiben die Studenten ebenfalls ganz konventionell unter Aufsicht der Dozenten, um Schummelversuchen vorzubeugen. Wer also davon träumt, sein Studium mit dem Laptop auf dem Schoß unter Südseepalmen zu absolvieren , muss enttäuscht werden.

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