Gesundheit : Stefan Wolle zieht eine kritische Bilanz der 60er Jahre - Sturm auf Havemanns Vorlesungen

Heiko Schwarzburger

Mehr als zehn Jahre liegt die friedliche Revolution in Ostdeutschland zurück. Im vergangenen Herbst jagte deshalb ein Festakt den anderen. Überall war von Historie die Rede. Nur an der Berliner Humboldt-Universität (HU) blieb es merkwürdig still. Fast schamhaft vermieden ihre Offiziellen jeden Hinweis auf die zweifelhafte Rolle der DDR-Hauptstadtuni unter Ulbricht und Honecker. Vor 1989 war die HU eine Kaderschmiede und ein Ort von politischen Repressalien gegen Systemkritiker.

"Weil an unserer Universität so wenig darüber geredet wird", so der Inhalt der Vorlesungsankündigung, organisierte die Initiative für Hochschulpolitik der HU in diesem Semester eine Veranstaltungsreihe zur Geschichte der Universität. Stefan Wolle von der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur packte das heiße Eisen an und referierte über die HU während der 60er Jahre. Wolle selbst hatte von 1971 an an der Universität Geschichte studiert. 1972 wurde er aus politischen Gründen "zur Bewährung in die Produktion" geschickt. Erst 1976 konnte er sein Studium beenden.

Stefan Wolle zeichnete die Humboldt-Universität im Spagat zwischen den hohen wissenschaftlichen Zielen der Dozenten und dem Herrschaftsanspruch der SED-Führung. "Man konnte nicht kritische Wissenschaftler heranbilden, die jede Autorität ihres Fachgebietes hinterfragen und sich zugleich unwidersprochen der dogmatischen Ideologie der SED beugen", sagte er. "Das war schizophren."

Zu Beginn der 60er Jahre stand, wie im Westen auch, ein Generationswechsel an. Junge Leute, die den Krieg nur aus den Erzählungen ihrer Eltern kannten, drängten an die Universitäten. Popbands wie die Beatles oder die Rolling Stones waren Vorreiter einer ungeahnten Jugendkultur, die geradezu in die Vergötterung alles Jugendlichen mündete. Gleichzeitig setzte weltweit ein Modernisierungsschub ein, Wissenschaft und Forschung gewannen an Bedeutung. In der Sowjetunion schritt eine zögerliche Entstalinisierung voran. Nach dem Mauerbau und der Kubakrise folgten zaghafte Zeichen der Entspannung. 1963 trat das erste Teststoppabkommen der Atommächte in Kraft. Vor allem in Prag und Budapest wurden Rufe nach einem modernisierten Sozialismus laut, die Vorboten des Prager Frühlings. Die Stalinallee in Ost-Berlin wurde in Karl-Marx-Allee umbenannt, das Stalindenkmal über Nacht in eine Figur für den Tierpark Friedrichsfelde umgeschmolzen.

Doch Walter Ulbricht wollte am Führungsanspruch der SED nicht rütteln. Deshalb zielte die so genannte dritte Hochschulreform seit 1965 darauf, die SED-Strukturen an den DDR-Hochschulen weiter zu festigen. Die Institute und Fakultäten wurden als Relikte einer bürgerlichen Welt abgeschafft oder in ihrer Entscheidungskompetenz stark eingeschränkt. Im Oktober 1968 vereinte die Leitung der HU die 169 Institute und sieben Fakultäten zu insgesamt 23 Sektionen. Fortan stand dem Rektor ein von der SED dominierter "gesellschaftlicher Rat" zur Seite. "Der Rektor vertrat die Universität zwar offiziell nach außen", meinte Wolle. "Aber der erste Sekretär der SED-Kreisleitung war de facto der mächtigste Mann in der Hochschule."

Stefan Wolle konzentrierte sich bei seinem Vortrag auf das Schicksalsjahr 1968, in dem viele ostdeutsche Intellektuelle ihre Hoffnungen auf einen Aufbruch in der DDR begraben mussten. Die Studentenunruhen in Paris und West-Berlin wurden vom Einmarsch der Truppen des Warschauer Vertrages in Prag überschattet. An den DDR-Universitäten folgte eine Welle politischer Repressalien. Viele Wissenschaftler und Studenten der HU flogen aus den Seminaren.

"Schon der Verdacht einer konterrevolutionären Meinungsäußerung reichte aus, um unter politischen Druck zu geraten", beschrieb Stefan Wolle die damalige Situation. "Wer einmal von der Humboldt-Universität verwiesen war, hatte kaum eine Chance, in Jena oder Leipzig weiter studieren zu können." Oft waren verpfuschte Biografien die Folge und lebenslange Berufsverbote.

"Nach dem Ende des Prager Frühlings kam die Zeit der Karrieristen", sagte Wolle. "Viele mittelmäßige Wissenschaftler wollten ihre fachlichen Defizite durch verstärktes politisches Engagement ausgleichen." Dennoch bescheinigte er zahlreichen Dozenten vor allem des akademischen Mittelbaues, dass sie trotz des politischen Druckes versuchten, ihren Studenten ein solides Fachwissen zu vermitteln. "Die fachliche Ausbildung in der Medizin, in den Naturwissenschaften und in der Technik war mindestens ebenso gut wie in der alten Bundesrepublik", betonte er. "Sonst wären die vielen Übersiedler aus Ostdeutschland in der westdeutschen Wirtschaft niemals so schnell untergekommen."

Als Universität in der DDR-Hauptstadt Berlin stand die HU zwar stark unter staatlicher Kuratel und der Beobachtung durch das Ministerium für Staatssicherheit. Dennoch gab es in Ost-Berlin zahlreiche Nischen, die gewisse Freiheiten ermöglichten. Der Wirtschaftshistoriker Jürgen Kuczynski hielt viel beachtete Vorlesungen zur Analyse der Ökonomie im Westen und der sozialistischen Staaten. Robert Havemann konnte bis 1964 seine berühmten Vorlesungen zu "Naturwissenschaftlichen Aspekten philosophischer Probleme" halten, die von den Studenten geradezu gestürmt wurden. Der Chemiker erhielt daraufhin Berufsverbot, von 1976 an wurde er unter Hausarrest gestellt. Obwohl Wolle Havemann nicht namentlich erwähnte, so hängt die Entstehung wichtiger oppositioneller Gruppen untrennbar mit dessen Namen zusammen. Robert Havemann war ein Freund von Wolf Biermann. Biermann wiederum galt als Frontmann der Untergrundopposition in Jena.

Auch in anderem Sinne schrieb die HU gesamtdeutsche Geschichte: Rudolf Bahro studierte hier von 1954 bis 1959 Philosophie. Danach kehrte er dem Stalinismus jedoch den Rücken. Seine Dissertation wurde 1964 abgelehnt, "wegen mangelnder Wissenschaftlichkeit", wie es offiziell hieß. 1978 erschien sein regimekritisches Buch "Die Alternative". Ein Jahr später wurde Bahro in den Westen abgeschoben, wo er maßgeblichen Anteil an der Gründung der Grünen Alternativen Liste hatte. Nur wenige Tage nach der Grenzöffnung im November 1989 kehrte er nach Ost-Berlin zurück und baute an der HU die Arbeitsgruppe Sozialökologie auf. Bahros letzte Vorlesungen waren unter den Studenten ein ähnlicher Renner wie seinerzeit die Auftritte Robert Havemanns.

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