Gesundheit : Sterbehilfe: Michael de Ridder im Interview: "Wir brauchen eine neue Medizinkultur"

In Holland wurde letzte Woche das Euthanasie-Geset

Michael de Ridder (53) ist Leitender Oberarzt der Rettungsstelle und Aufnahmestation des Berliner Urban-Krankenhauses. Der Internist spricht sich nicht gegen aktive Sterbehilfe aus. Trotzdem ist er gegen ein Euthanasiegesetz wie in den Niederlanden: "Die Fragen, die sich am Lebensende bei schwersten aussichtslosen Leiden ergeben können, sind so diffizil und so verschiedenartig, dass ein Gesetz dem nicht gerecht werden kann."

In Holland wurde letzte Woche das Euthanasie-Gesetz verabschiedet, das Ärzten unter bestimmten Umständen die Tötung auf Verlangen eines schwer leidenden Patienten gestattet. Auch viele Deutsche sind nach verschiedenen, allerdings umstrittenen Umfragen dafür, dem Arzt die aktive Sterbehilfe auf Verlangen eines Todkranken gesetzlich zu erlauben. Warum ist nach Ihrer Meinung dieser Wunsch so verbreitet?

Ich glaube, dass er auf ein schweres Defizit unserer Medizin zurückzuführen ist. Sie wird ihrem Auftrag nicht gerecht, Kranken am Lebensende die Hilfe zu leisten, die sie erwarten können. Das heißt, die palliative - lindernde - Medizin wird völlig vernachlässigt, zu Gunsten einer fast ausschließlich kurativen, nur auf Heilung oder Lebensverlängerung fixierten Medizin.

Wenn aber jeder Heilungsversuch sinnlos geworden ist? Passiert es noch immer, dass Kranke, die für die Ärzte erkennbar schon im Sterben liegen, noch künstlich ernährt oder beatmet werden?

Ganz sicher; die Archive der Kliniken sind voll von solchen Krankengeschichten. Das verwundert auch nicht. Eine Medizin, die nur den Heilungsauftrag sieht und Ärzte fast nur in diesem Sinne ausbildet, muss am Lebensende zwangsläufig versagen.

Indem sie das Sterben verlängert oder sagt: "Wir können nichts mehr für Sie tun?"

Ein katastrophaler Satz - eine Bankrotterklärung der Medizin! Der Ruf nach aktiver Sterbehilfe erklärt sich aber auch durch den Wandel vom paternalistischen Arzt, der für den unmündigen Patienten entscheidet, hin zur Autonomie, zur Selbstbestimmung des Patienten. Angesichts der Möglichkeiten der modernen Medizin sagen viele: Das möchte ich nicht für mich. Ich will über mein Lebensende selbst entscheiden, weil ich mich durch die Intensivmedizin eher bedroht fühle. Denn sie gehorcht ihren eigenen Gesetzen und nimmt auf mich, mein Leiden und meine Ängste keine Rücksicht.

Um solcher sinnlosen Überbehandlung am Lebensende vorzubeugen, brauchte es aber nicht den Ruf nach aktiver Sterbehilfe, denn da geht es doch schlicht um passive Sterbehilfe. Und erklären sich die Umfrageergebnisse nicht zum Teil aus der häufigen Verwechslung dieser beiden Formen?

Möglicherweise. Wir müssen unterscheiden: Passive Sterbehilfe bedeutet, dass sich das Behandlungsziel ändert. Es geht nicht mehr um sinnlos gewordene Versuche zur Lebensverlängerung, sondern darum, den Kranken in seiner letzten Lebensphase von Schmerzen und anderen Leidensformen möglichst zu befreien. Bei der aktiven Sterbehilfe dagegen wird der Tod eines unerträglich Leidenden auf dessen Wunsch vom Arzt absichtlich beschleunigt, zum Beispiel durch eine Injektion.

Wie lässt sich das Verlangen nach aktiver Sterbehilfe, also nach Tötung, überflüssig machen? Durch weiteren Ausbau der Palliativmedizin? Eine andere Ausbildung der Ärzte?

Ich glaube, wir brauchen eine neue Medizinkultur - angesichts der wissenschaftlich technischen Entwicklung und angesichts einer immer älter werdenden Bevölkerung. Es ist sicherlich primär Aufgabe der Ärzteschaft, die Weichen neu zu stellen - "care" statt "cure", heißt es im Englischen. Aber es ist auch Aufgabe der Politiker und anderer gesellschaftlicher Gruppen, dafür zu sorgen, dass die Ressourcen besser verwendet werden. Wir haben unendlich viele Ressourcen, es gibt noch immer eine gewaltige Verschwendung im Gesundheitswesen, wir könnten ohne Mehraufwand eine hervorragende Palliativmedizin betreiben.

Hätten wir sie schon, würden also die Ärzte die Qualen Todkranker optimal lindern und sie in Frieden sterben lassen, wäre passive Sterbehilfe nicht die Ausnahme, sondern die Regel: Glauben Sie, dass dann die Rufe nach aktiver Sterbehilfe verstummen würden?

Vielleicht nicht ganz, aber sie würden zu einem Randphänomen werden. Ich kann keine Zahlen nennen, aber es gibt vereinzelt Leidenszustände, die sich nicht ausreichend palliativ behandeln lassen, selbst wenn man alle Möglichkeiten ausschöpft. Und damit meine ich nicht nur die Schmerztherapie, sondern die Behandlung aller Symptome, auch die Zuwendung zum Sterbenden mit seinen Ängsten und in seiner Verlassenheit.

Denken Sie da an bestimmte Krebs- und Nervenleiden im fortgeschrittenen Stadium?

Ob ein Leiden so unerträglich ist, dass der Wunsch nach aktiver Sterbehilfe verständlich wird, hängt nicht nur von der Krankheit ab, sondern auch von der Frage: Was ist das für ein Mensch, der hier leidet? Wie bewusst ist ihm das? Was macht er sich für Gedanken? Mentales Leiden kann viel stärker sein als physisches Leiden. Das ist zu berücksichtigen. Und dass hier Ausnahmen möglich sein sollten, davon bin ich überzeugt. Denn die Rechtfertigung einer individuellen Handlung bedeutet nicht notwendigerweise, dass Gesellschaft und Politik sie grundsätzlich billigen. Solche Ausnahmen wären kein Dammbruch.

Aber machen nicht auch in Deutschland Ärzte längst solche Ausnahmen, leisten also einem Menschen in verzweifelter Lage auch jetzt schon manchmal aktive Sterbehilfe?

Ja; davon wird kaum gesprochen, aber eine Umfrage unter 466 Ärzten hat 1996 bestätigt, dass ein bis acht Prozent - Klinikärzte weniger, Praxisärzte mehr - solchen Wünschen nachgeben.

Sollte es nicht dabei bleiben? Oder brauchen wir, wegen der Rechtssicherheit für die Ärzte, ein Euthanasiegesetz wie die Niederlande mit all seinen Gefahren? Etwa der Gefahr des Dammbruchs oder des Drucks auf den Sterbenskranken, der niemandem mehr zur Last fallen will oder soll?

Diese Frage müsste in erster Linie die Ärzteschaft selbst beantworten. Mir wäre eine Regelung ohne Gesetz lieber. Denn die Fragen, die sich am Lebensende bei schwersten aussichtslosen Leiden ergeben können, sind so diffizil und so verschiedenartig, dass ein Gesetz dem nicht gerecht werden kann. Wenn wir eine Situation hätten, in der die Patienten maximales Vertrauen in die Ärzteschaft und in die Medizin haben könnten, die ihnen am Lebensende angeboten wird, dann könnten wir auf ein solches Gesetz verzichten. Wenn aber die Palliativmedizin - wie in den Niederlanden und in nicht ganz so extrem starkem Maße auch bei uns - weiter so vernachlässigt wird wie bisher, dann wird man vielleicht ohne ein solches Gesetz nicht auskommen.

Ein Gesetz nach niederländischem Vorbild?

Nein; dieses Gesetz und vor allem auch die in den Niederlanden schon geübte Praxis ist keinesfalls nachahmenswert. Das Laisser-faire-Verhalten eines Teils der holländischen Ärzteschaft ist nicht zu tolerieren. Dort wurden zum Beispiel auch psychisch Kranke, etwa Depressive, auf ihr Verlangen getötet, die autonom gar nicht entscheiden konnten.

Nach einer niederländischen Untersuchung töteten Ärzte ja sogar in einem Jahr etwa tausend Kranke, die sich meist nicht mehr äußern konnten, ganz ohne ihr Verlangen.

Das ist nicht zu akzeptieren. In jedem einzelnen Fall aktiver Sterbehilfe muss eine autonome Entscheidung des Patienten nach streng festgelegten Kriterien gesichert sein. Das ist die Grundvoraussetzung.

Das heißt, die Ärzte dürften auf keinen Fall in die Nähe der Nazi-Euthanasie geraten, der Tötung als "lebensunwert" angesehener körperlich oder geistig Behinderter - auch dann nicht, wenn die Zahl der Altersdementen immer mehr zunimmt?

Keinesfalls. Ökonomische Gründe dürfen niemals zum Maßstab ärztlichen Handelns werden, ob zu Beginn oder am Ende des Lebens. Dem Arzt muss es allein um das Wohl des Patienten gehen. Dass die Justizministerin Däubler-Gmelin aktive Sterbehilfe mit Euthanasie im Nazi-Sinne gleichgesetzt hat, das grenzt für mich an Demagogie. Was in der Nazi-Medizin geschah, die nach einem Programm systematischen Mordens vorging und die Autonomie des Individuums außer Kraft setzte, ist substanziell verschieden von dem, was ein Arzt tut, wenn er tatsächlich aktive Sterbehilfe leistet. Ich glaube, dass die Ärzte, die es getan haben, es aus wirklicher Empathie, einem Mitleiden mit dem Patienten taten.

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