Gesundheit : Sterbende Sprachen: Ein Verlust für die Welt

Katharina Kramer

"Ich habe Kinder und viele Freunde, aber wirklich sprechen kann ich mit niemandem", sagt Marie Smith. Die 83-Jährige aus Anchorage im Süden Alaskas ist die letzte Sprecherin des Eyak. In ihrer kleinen Wohnung besucht sie Michael Krauss, ein Linguist, der das Jahrhunderte alte Eyak gelernt hat. Manchmal fällt es der Frau schwer, sich an Klang, Wörter und Geschichten zu erinnern. Dann bleibt ihr nichts übrig, als Selbstgespräche zu führen: "Ich möchte Eyak dann einfach nur wieder hören."

Diese Situation kann sich kaum vorstellen, wer Deutsch oder Englisch spricht, so Dafydd Gibbon, Sprachforscher an der Universität Bielefeld. "Wer eine aussterbende Sprache spricht, ist völlig entwurzelt. Ihre Tradition und Kultur sind diesen Menschen nicht mehr zugänglich." Oft seien sie Opfer militärischer oder politischer Unterdrückung. Von den rund 6000 Sprachen der Welt werden schätzungsweise zwei Drittel in den nächsten 100 Jahren sterben, so Gibbon. Alle zwei Wochen verschwindet eine Sprache für immer von unserem Globus. "Ein solches Sprachensterben hat es in der Geschichte der Menschheit noch nie gegeben", betont der britische Sprachwissenschaftler David Crystal, Autor des Buches "Language Death". Das Sprachenlexikon Ethnologue stuft derzeit schon 415 Sprachen als fast ausgestorben ein, rund 50 Menschen teilen Marie Smiths Schicksal.

Das Dilemma ist: Die Sprachenvielfalt ruht auf den Schultern Weniger, denn 96 Prozent der Sprachen werden von nur vier Prozent der Menschen gesprochen. 885 Millionen Menschen sprechen dagegen das chinesische Mandarin als einen der Sprach-"Riesen". Auch Spanisch hat 332 Millionen Sprecher, Englisch 322 Millionen oder Arabisch 220 Millionen. Ihnen stehen zahlreiche Zwerge gegenüber: 5000 Sprachen haben weniger als 100 000 Sprecher, 1500 weniger als 1000. Das Sprachensterben betrifft alle Kontinente, allerdings "ballen sich Sprachen rund um den Äquator, und hier sterben auch die meisten", erläutert Crystal. Vier Länder beherbergen mehr als ein Drittel aller Zungen: So hat Papua-Neuguinea 817 Sprachen, Indonesien 731, Nigeria 470, Indien immerhin noch 407.

Dagegen ist Europa von Babel weit entfernt: nur 225, also drei Prozent aller Sprachen sind hier beheimatet. Das bedeutet aber nicht, dass unser Kontinent vom Sprachensterben verschont bliebe: Allein im EU-Raum sind 17 Sprachen gefährdet, darunter Baskisch, Irisch, Okzitanisch, schottisches Gälisch und Bretonisch. In Deutschland sind das Romanes der deutschen Sinti und Roma mit 70 000 Sprechern sowie das Sorbische mit 60 000 Sprechern bedroht. Für das nur von 11 000 Menschen beherrschte Friesisch sieht die Studie nur schwache Überlebenschancen.

Sprachen sind schon immer gestorben. Das ist nicht neu: Latein, Phönizisch, Ägyptisch und Etruskisch dominierten in der Antike große Reiche. "Aber es sind noch nie so viele Sprachen so schnell gestorben, und es kommen kaum neue hinzu", unterstreicht Crystal. Einen Grund sieht er im Kolonialismus: "Wir ernten jetzt, was 400 Jahre lang gesät wurde." So gab es in Australien noch vor etwa 100 Jahren über 5000 Sprachen. Sie wurden auf wenige Hundert dezimiert, berichtet Sprachwissenschaftler Claude Hagège, Autor von "Halte à la Mort des Langues": "Die Kinder der Ureinwohner wurden aus ihren Familien gerissen und in Heime gesteckt, wo für den Gebrauch der Muttersprache demütigende Strafen verhängt wurden." Wirtschaftliche Gründe zwingen viele, Englisch, Französisch, Chinesisch, Spanisch, Arabisch oder Russisch zu benutzen, da sozialer Aufstieg in weiten Teilen der Erde an eine dieser Sprachen gebunden ist. "Sie haben die Wahl zwischen Armut und der Aufgabe ihrer Sprache", erklärt Gibbon, der seit 18 Jahren Sprach-Feldforschung in Afrika betreibt.

Auf einer Versammlung beriet ein kenianischer Stamm, ob sie ihr Yaaku aufgeben und nur noch das wirtschaftlich dominante Masai sprechen sollten. Sie wählten ihre Sprache ab. "Etwas Ähnliches passiert in Europa", unterstreicht Hagège, "wenn große Unternehmen Englisch zur Firmensprache erklären."

Wahrheitsliebende Kommunikation

"Sprachen zeigen die Möglichkeiten des menschlichen Geistes", betont Gibbon. "Sie geben eine Antwort auf die Frage: Was vermag der Mensch?" So haben Bauern auf Mali etliche Bezeichnungen für ein und dasselbe Tier, je nachdem, ob es läuft oder sich versteckt, jung oder alt ist. Im Tuyuca Brasiliens und Kolumbiens zeigt die Endung der Verben an, ob man die entsprechende Handlung selbst gesehen, selbst gehört, selbst vermutet, selbst geschlossen oder aber von jemand anders gesagt bekommen hat. Das ist eine außerordentlich wahrheitsliebende Form der Kommunikation, meint der englische Linguist R.M. Dixon, die sich grundlegend auf menschliche Beziehungen auswirke und so manchen europäischen Politiker auf den Pfad der Tugend zurückbrächte. Nur wenige hundert Sprachen haben eine Schrift. "Daher ist es wichtig, so viele Sprachen wie möglich zu dokumentieren, bevor sie unwiederbringlich verschwinden", betont Crystal.

Politischer Wille und Investitionen könnten Sprachen auch neues Leben einhauchen: Erfolgs-Stories wie Hebräisch, Navaho und Walisisch hätten das bewiesen. Einen Hoffnungsschimmer sieht der Linguist dort, wo viele das Herz der Globalisierung vermuten: im Internet. Der Englisch-Anteil im Web sei von 100 Prozent auf 60 Prozent gefallen, 1500 Sprachen erhöben inzwischen im Cyberspace weltweit ihre Stimme. Trotzdem: Lässt man den Dingen einfach ihren Lauf, ist laut Crystal nicht auszuschließen, dass in 500 Jahren nur noch eine einzige Sprache auf dem Erdball widerhallt: "Das wäre für das Geistesleben die größte Katastrophe, die die Welt je gesehen hat."

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