Gesundheit : Sterbendenpflege: Trost und Linderung in der letzten Lebensphase

Rosemarie Stein

Der Dauerschmerz, die Übelkeit und die Atemnot der Kranken im letzten Stadium ihres Krebsleidens waren so qualvoll, dass sie nur noch sterben wollte. Die Klinik hatte sie als "ausbehandelt" entlassen. Ihr Mann fühlte sich hilflos, der Hausarzt mit seinen nie lange anhaltenden Spritzen auch. Dann brachte eine Nachbarin einen Zettel mit der Telefonnummer der "Zentralen Anlaufstelle Hospiz" in Berlin.

Nach zwei Tagen wünschte die Kranke sich nicht mehr den Tod; sie war dankbar für jeden Tag, der ihr noch blieb, denn sie war fast schmerzfrei und wurde kompetent und liebevoll gepflegt. Ein Arzt von "Home Care" war gekommen und dann eine Schwester eines Pflegedienstes, beide spezialisiert auf die palliative Versorgung Todkranker, die sich ganz auf die Linderung ihrer Beschwerden konzentriert und ihre individuellen Bedürfnisse berücksichtigt.

Die Beschwerden, die vor allem viele Krebskranke in der späten Phase ihres Leidens haben, lassen sich fast immer so weit bessern, dass ihnen die letzte Lebenszeit wieder lebenswert ist und sie den Tod nicht mehr herbeisehnen, sagte der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin, Eberhard Klaschik. Palliativmedizin ist somit die beste Antwort auf die Frage nach Euthanasie. Klaschik sprach auf der zweiten bundesweiten Fachtagung "Palliative Care" in der Wannsee-Akademie Berlin und des Arbeitskreises "Palliative Pflege" seiner Fachgesellschaft.

Von "fehlender Unterstützung trotz regelmäßiger Lippenbekenntnisse seitens der Politik" liest man im Protokoll einer der Tagungsarbeitsgruppen, die einen Forderungskatalog vorlegte. Der Nachholbedarf ist in der Tat groß und die Unterstützung gering, zeigten Vorträge und Diskussionen. Noch schlechter als in Deutschland ist die Situation offenbar nur in den Niederlanden.

Bei uns tat sich nach einigen Pioniergründungen offiziell erst einmal gar nichts, aber es entstand eine Bürgerbewegung von unten, berichteten Marina Kern, Pflegeleiterin des von Klaschik gegründeten Bonner Zentrums für Palliativmedizin, und Gerda Graf, Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft Hospiz. Überall bildeten sich Gruppen mit dem Ziel, dem trostlosen Sterben etwas entgegenzusetzen. Sie begannen, Angehörige zu unterstützen, damit Todkranke die letzte Lebensphase zu Hause verbringen können. Und für die, deren häusliche Umgebung das nicht zuließ, versuchten sie Hospize zu gründen, als gastliche kleine Häuser mit exzellenter Palliativpflege und mit Behandlung durch den Hausarzt oder, wenn möglich, einen Palliativmediziner.

Freiwillige Helfer

In Deutschland gibt es nach Angaben Gerda Grafs jetzt etwa 85 stationäre Hospize und rund 800 registrierte Hospiz-Gruppen mit mehr als 15 000 Ehrenamtlichen. Diese Gruppen genügen aus Mangel an Unterstützung allerdings nur selten den Qualitätsansprüchen der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin. Hinzu kommen noch neun Tageseinrichtungen und 65 Palliativstationen. Das klingt imponierend, deckt aber bei weitem nicht den Bedarf. Berlin ist mit vier Palliativstationen, zwei Hospizen, 13 auf Palliativmedizin spezialisierten Home Care-Ärzten und 15 ambulanten ehrenamtlichen Hospiz-Diensten relativ gut dran.

Auf der Tagung wurde eine umfassende palliative Versorgung gefordert. Für noch wichtiger hält Martina Kern die Sensibilisierung für eine palliative Sichtweise. Wenn Heilung oder Lebensverlängerung nicht möglich ist, lautet die Frage nicht mehr: Was kann ich alles tun? Sondern: Was braucht dieser Mensch? Für die palliative Versorgung ist der Patient Mittelpunkt.

Klaschik ist der bisher einzige Lehrstuhlinhaber Deutschlands für das neue Fach. Drei weitere Lehrstühle für Palliativmedizin konnten noch nicht besetzt werden: Es fehlt an Experten. Immerhin bietet Klaschiks Zentrum am Bonner Malteser-Krankenhaus Kurse in "Palliative Care" für Ärzte, Psychologen und Pflegekräfte an. Pflegende können auch in der Wannsee-Akademie eine entsprechende Zusatzqualifikation erwerben.

Neben dem oft fehlenden Fachwissen ist die mangelhafte Finanzierung das Hauptproblem der palliativen Versorgung. Das zeigte eine Podiumsdiskussion der Experten mit Vertretern der Politik und der Krankenkassen. Zwar werden seit 1998 die Hospize bei zehn Prozent Selbstbeteiligung von Kranken- und Pflegeversicherung finanziert; für die ehrenamtlichen Helfer, die Schulung und Supervision brauchen, gibt es aber keinerlei Mittel. Ein Gesetzentwurf, der das ändern soll, liegt auf Eis.

Die ambulante palliative Versorgung kann die notwendige Qualität offenbar nur erreichen, weil Pflegekräfte und Ärzte kostenlos mehr arbeiten. Eindrucksvoll schilderte Cornelia Rothe, Leiterin eines ambulanten Berliner Pflegedienstes, die vielerlei Tätigkeiten, die unerlässlich sind, um einen aus der Klinik entlassenen Schwerkranken gut zu versorgen. "Und für das alles zahlt die Krankenkasse 27 Mark, genauso viel wie für eine Heparin-Injektion!" Der Katalog der bezahlten Einzelleistungen enthält zwar Dinge wie "Absaugung obere Luftwege", "Dekubitus-Behandlung" oder das Legen eines Urinkatheters, bezahlt aber werden Vorgespräche, Kontakte mit Kostenträgern und selbst nächtliche Notfalleinsätze bei Sterbenden, die etwa in Atemnot geraten sind, kaum.

"Ein ähnlicher Pflegedienst, der auch gut mit uns zusammengearbeitet hat, ist schon pleite gegangen", sagte Home Care-Arzt Schindler. Und drei vorbildliche, zum Teil mehrfach preisgekrönte Modellprojekte zur häuslichen Palliativversorgung Todkranker "gehen gerade den Bach runter", nachdem die Startförderung endete. Dazu gehört auch der Berliner "Palliativmedizinische Konsiliardienst" zur Beratung der Hausärzte, der aber mit Hilfe der AOK vielleicht wiederbelebt werden kann.

Auf der Tagung gründeten Ärzte und Pflegekräfte den "Förderverein Palliativzentrum Berlin-Brandenburg". Zu seinen Zielen gehören der Aufbau eines Palliativzentrums "mit den Aufgaben Forschung, Lehre und Versorgung auf den Gebieten der Palliativmedizin, der Palliativpflege und der ehrenamtlichen Begleitung Sterbender" sowie die Entwicklung eines regionalen palliativmedizinischen Versorgungsverbundes.

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