Gesundheit : Sternchen oder Herzchen

Wie Grundschüler ans Lesen herangeführt werden: mit Karten, Ratespielen – und Reisen ins Mittelalter

Claudia Keller

Hanna sitzt mit drei Freunden auf dem Gang im „Kabuff“. Sie liest ihnen ihre selbst geschriebene Geschichte vor. Als sie fertig ist, machen sich Fabio und Louis daran, ein Mittelalter-Quiz zu lösen. In einer Ecke des Klassenzimmers lernen ein paar Mädchen ein Frühlingsgedicht auswendig, während in einer anderen Ecke Mitschüler sich Karten eines Mittelalter-Kartenspiels vorlesen. Es ist elf Uhr, die Klasse 4b der Werbellinsee-Grundschule in Berlin-Schöneberg hat eine ganz normale Deutschstunde mit Leseförderung.

Vor dreißig Jahren lief Lesenlernen noch so ab, dass reihum jeder Schüler zwei Sätze aus dem Deutschbuch vorlas. Punkt. Heute heißen die Erfolgsformeln an den Grundschulen „verbundener Deutschunterricht“, „differenziertes Lernen“, „Projektunterricht“. Das haben jetzt auch die Iglu-Forscher empfohlen. Die Werbellinsee-Grundschule hat damit so viel Erfolg, dass sie sich vor Anmeldungen kaum retten kann.

Was steckt hinter den neupädagogischen Formeln? Projektunterricht bedeutet, dass sich für die 28 Viertklässler im Moment alles um das Thema „Mittelalter“ dreht. Im Sachkundeunterricht wurden die geschichtlichen Grundlagen eingeführt, im Museumsdorf Düppel haben sich die Kinder mittelalterliche Kutten angezogen. Bei dem Ausflug wurden Fotos gemacht. Im Deutschunterricht werden dazu nun kleine Texte geschrieben. „Ich wollte nicht vor 800 Jahren leben“, steht unter einem Foto, „weil man den ganzen Tag arbeiten musste und weil man auf Holzbetten schlafen musste“.

Hanna hat den Ausflug in ihrer Geschichte ins Fantastische weitergesponnen: zu einer verzauberten Zeitreise. In ihrem Notizblock stehen in Schreibschrift recht komplizierte Sätze wie „Es wurde mir prophezeit, dass die Menschen anders aussehen als wir“. Oder: „Er empfing uns freundlich, gar nicht, wie man es von einem Zauberer erwartet hätte.“

Das Mittelalter hält auch Einzug in die Rechtschreibung: In den vergangenen Wochen wurden die Vergangenheitsformen geübt und in Diktaten über den Ausflug nach Düppel überprüft. „Lesen muss Spaß machen“, sagt Ulla Helmer, die Klassenlehrerin. „Wenn ich die Kinder dazu bringe, dass jeder zwei Seiten Quizaufgaben liest und mit dem Nachbarn diskutiert, warum Steinhäuser besser sein könnten als Holzhäuser, und im Wörterbuch nachschlägt, ist das doch toll.“ Verbundener Deutschunterricht heißt eben, dass alles miteinander verbunden ist: Lesen, Schreiben, Sprechen.

Nach einer halben Stunde Arbeit in Gruppen kommen alle wieder zusammen. Dann trägt ein Mädchen von den Auswendiglernern das Gedicht vor. Sie ist ein „Sternchenkind“, sie gehört zu den Besseren. Während die Sternchenkinder als Hausaufgabe noch ein Gedicht auswendig lernen sollen, müssen die „Herzchenkinder“ einen Text lesen. Damit auch die schwachen Leser Erfolgserlebnisse haben, nimmt Hellmer sie dran, um überschaubare Aufgabenstellungen vorzulesen. Die Unterteilung in Herzchen und Sternchen ist die Voraussetzung dafür, um die Kinder da abholen zu können, wo sie stehen. Es ist die Grundlage für „differenziertes Lernen“.

Müssen nicht am Ende des Schuljahres alle Schüler auf dem gleichen Niveau sein? Nein, sagt Hellmer, später würden ja auch nicht alle aufs Gymnasium gehen. Und sie zählt noch einmal die unterschiedlichen Methoden der Leseförderung auf: Quiz lesen, Gedichte lesen und lernen, Geschichten vorlesen, Karten des Kartenspiels lesen, dazu kommt Diskutieren und Schreiben.

In den ersten und zweiten Klassen, dort, wo das Lesen oft von null auf gelernt wird, gibt es noch viel mehr Leseanreize. Je nachdem, welches Thema gerade behandelt wird, legen die Schüler mit den Lehrern „Lesekarteien“ an: Karteikarten mit Bildern und kleinen Texten dazu. Die werden immer wieder gelesen, jedesmal gibt es einen Eintrag in den „Lesepass“. In jeder Klasse liegen zu jedem Thema stapelweise Bücher in unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden. Außerdem gibt es jede Menge Lesespiele und Lesequizze und oft kommen „Lesemütter“ in die Klassen. Das sind Eltern, meistens Mütter, die den Kindern vorlesen. Selbst die Frühstückspause wird genutzt: Während die Kinder ihre Stullen kauen, lesen die Lehrer vor - aus den Lieblingsbüchern der Kinder. Die bringen sie von zu Hause mit.

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