Gesundheit : Sternenbahnhof in der Steppe

Stolz der russischen Seele: Vor 50 Jahren entstand der Raketenstartplatz Baikonur

Rainer Kayser

Baikonur ist ein Ort, an dem der Abschied von der Erde nicht schwer fällt. So lautet ein Bonmot russischer Kosmonauten. Fernab jeder größeren Stadt in der kasachischen Steppe gelegen, trotzt der Weltraumbahnhof im Sommer Temperaturen von bis zu 50 Grad, im Winter bis minus 25 Grad. Vor 50 Jahren lag hier nur das kleine Dorf Tjuratam an der Kreuzung zweier Bahnstrecken. Heute ist Baikonur mit einer Größe von 125 mal 85 Kilometern, Dutzenden von Startrampen und fünf Kontrollzentren der größte Weltraumbahnhof der Welt.

Und der Stolz der russischen Volksseele, für die Baikonur immer noch die einstige Größe der verlorenen Sowjetunion widerspiegelt. Der Bau „war eine Heldentat für ein Volk, dass gerade einen verheerenden Krieg überstanden hatte“, betonte Präsident Putin aus Anlass der Jubiläumsfeiern zum 50-jährigen Bestehen. Wobei er verschwieg, dass der Bau keine wissenschaftliche, sondern eine militärische Maßnahme war.

Denn Sergej Korolew, der Kopf der sowjetischen Raketenforschung, benötigte 1955 einen geeigneten Startplatz für seine neue Interkontinentalrakete R-7. Die Umgebung des bis dahin genutzten Testgeländes Kaputsin Yar bot keinen Platz für die benötigten Radioleitstationen. Korolew erschien die menschenleere kasachische Steppe ideal – und mit der Bahnkreuzung war bereits das nötige Minimum an Infrastruktur vorhanden.

Aus dem Nichts stampften die sowjetischen Baubrigaden in wenigen Monaten Montagegebäude, Raketentestplätze und Startrampen aus dem Boden. Am 15. Mai 1957 erfolgte der erste Probestart der R-7. Knapp fünf Monate später schoss eine modifizierte R-7 zum Schrecken der Amerikaner mit „Sputnik“ („Begleiter“) den ersten Satelliten in die Erdumlaufbahn. Der nächste Triumph kam 1961, als die Sowjets mit Juri Gagarin den ersten Menschen ins Weltall entsandten.

Es gab auch Tragödien. So kamen am 24. Oktober 1960 bei der Explosion einer neuartigen Interkontinentalrakete rund 100 Menschen ums Leben, darunter auch Mitrofan Nedelin, Chef der sowjetischen Raketentruppen. Den Rat seiner Experten missachtend, hatte Nedelin unter Zeitdruck auf einem Start der noch unausgereiften R-16-Rakete beharrt.

Den Wettlauf zum Mond verlor die Sowjetunion zwar, doch seit Mitte der 1970er Jahre dominierte sie mit ihren langlebigen Raumstationen „Saljut“ und „Mir“ die bemannte Raumfahrt. Erst mit dem Zerfall der Sowjetunion drohte das Ende des stolzen Sternenbahnhofs: Als Kasachstan 1991 unabhängig wurde, befand sich Baikonur plötzlich auf fremdem Territorium. Schwierige Verhandlungen über die Nutzung begannen. Wirtschaftliche Probleme führten zu teilweise chaotischen Zuständen: Gehälter wurden nicht gezahlt, die Strom- und Wasserversorgung brach zeitweilig zusammen, Einrichtungen wurden geplündert.

1994 pachtete Russland das Gelände für jährlich 115 Millionen Dollar von Kasachstan. Seither hat sich Baikonur von den schweren Zeiten des Umbruchs erholt und befindet sich sogar wieder in einem bescheidenen Aufschwung. „Viele Anlagen sind dem Verfall preisgegeben“, berichtete der amerikanische Astronaut Michael Foale, „aber die benutzten Gebäude sind auf dem neuesten Stand.“

Es ist ein Treppenwitz der Weltraumgeschichte, dass die im Kalten Krieg im Westen als primitiv belächelte russische Raketentechnik dank ihrer Robustheit und Zuverlässigkeit nach dem Untergang des realen Sozialismus zum Kassenschlager wurde. Umgebaute SS-18-Interkontinentalraketen befördern heute von Baikonur aus regelmäßig kommerzielle Satelliten aus aller Welt in die Erdumlaufbahn. Von einem Reporter befragt, warum denn in Baikonur niemand nach einem Start klatsche, wie es am Cape Canaveral üblich ist, zuckte ein russischer Techniker mit den Schultern und antwortete: „Warum? Das ist doch Routine!“

Eine Routine, von der inzwischen sogar die bemannte amerikanische Raumfahrt abhängt: Seit dem Absturz der Raumfähre „Columbia“ vor zwei Jahren sind die unverwüstlichen „Sojus“-Raumschiffe die einzige Möglichkeit, Astronauten zur Internationalen Raumstation ISS zu bringen. Ein Zustand, den der NasaChef Michael Griffin „völlig unakzeptabel“ findet. Deshalb beschleunigt er den Bau des „Crew Exploration Vehicle“, das die Shuttle-Flotte ablösen soll.

Auch die Russen planen für die Zukunft: Auf dem Reißbrett gibt es bereits Pläne für das teilweise wiederverwendbare Raumschiff „Klipper“, das bis zu sechs Kosmonauten ins All befördern soll. In Baikonur entsteht ein neuer Startkomplex für die neue Trägerrakete „Angara“, mit der „Klipper“ ins All fliegen soll. Damit will sich Russland die Teilnahme an künftigen bemannten Missionen zu Mond und Mars sichern.

„Klipper“ soll nicht nur der Forschung dienen: Auch an zahlende Passagiere ist gedacht. Denn im Gegensatz zu den Amerikanern gibt es bei der russischen Raumfahrtbehörde keine Berührungsängste mit dem aufkeimenden Weltraumtourismus. Von Baikonur aus sind schon Dennis Tito und Mark Shuttleworth zu ihren Touristenaufenthalten an Bord der ISS aufgebrochen. Ein weiterer Touristenflug mit einer „Sojus“-Rakete zur ISS könnte noch 2005 stattfinden.

Der russische Raumhafen wird also auch künftig eine wichtige Rolle spielen. Übrigens: Baikonur war zunächst nur ein Tarnname, um die westlichen Geheimdienste irrezuführen. Das echte Städtchen Baikonur liegt 320 Kilometer nordöstlich. Das Raumfahrtgelände wurde erst 1995 offiziell Baikonur getauft.

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