Gesundheit : Steven Hawking: Zeitreisen in die Vergangenheit

Paul Janositz

Einem Zitat von Shakespeare, dem wohl bekanntesten Dichter über die Jahrhunderte, entlieh Stephen Hawking, der wohl bekannteste Physiker der Gegenwart, seinen Buchtitel. "Ich könnte in eine Nußschale eingesperrt sein und mich für einen König von unermesslichem Gebiete halten", sagt Hamlet. "Das Universum in der Nußschale" nennt Hawking sein neues Werk, das erklären soll, wie das Weltall entstanden ist, wie weit Zeit und Raum reichen, und wie alles einmal enden könnte. Mit dem genialen Dichter verbindet den 59-jährigen Physiker der literarische Erfolg.

Das 1988 erschienene Sachbuch "Eine kurze Geschichte der Zeit" stürmte in kürzester Zeit an die Spitze der Bestsellerlisten, wurde in über 30 Sprachen übersetzt und kam mit schätzungsweise 20 Millionen verkauften Exemplaren in das Guiness-Buch der Rekorde. An diesen Erfolg wird der Inhaber des Isaac-Newton-Lehrstuhls an der britischen Universität Cambridge mit seinem schön bebilderten Buch wohl nicht mehr anknüpfen können. Zu schwierig ist die Materie, zu komplex sind die Denkgebäude. Und viele Weltraum-Interessierte, die sich Hawkings Erstling gekauft und doch nicht gelesen haben, werden sich zurückhalten.

Vielleicht ist das ein Fehler. Denn lernen kann man aus dem neuen Hawking viel. Das Buch, bei dem Hawkings Doktorand Thomas Hertog mitgearbeitet hat, ist mit bunten Illustrationen und ausführlichen Erklärkästen leserfreundlich angelegt. Das Buch sollte leichter verständlich sein als die "linear" aufgebaute "Zeit-Geschichte", erklärt Hawking. Wer damals in den ersten Kapiteln stecken geblieben sei, habe keine Chance gehabt, die interessanten Dinge im hinteren Teil zu verstehen. Das neue Buch sei deshalb "wie ein Baum" aufgebaut. Die beiden ersten Kapitel bildeten den Stamm, von dem die übrigen Abschnitte wie Äste abzweigten, die beliebig bestiegen werden könnten.

Das Konzept trägt in der Tat, das Buch lädt zum Blättern und Schmökern ein. Die Abbildungen, meist Visualisierungen skurriler Details aus Relativitäts- oder Quantentheorie, lockern den Text auf. Dieser allerdings ist kompliziert, trotz aller Bemühungen um Verständlichkeit. Wäre es anders, wäre die Weltformel vielleicht schon gefunden. Immerhin war es Hawking, der vor rund zwanzig Jahren prophezeite, bis zum Ende des Jahrhunderts wäre die allumfassende Theorie gefunden. Heute verweist der Astrophysiker auf das Ende des 21. Jahrhunderts.

Einiges hat Hawking zur Erkenntnis beigetragen, beispielweise schon 1970 mit der Erklärung des Urknalls, der als "Singularität unendlicher Dichte" den Anfang des Universums begründet habe. In seiner späteren wissenschaftlichen Arbeit suchte der Theoretiker immer wieder nach der Verbindung zwischen der Allgemeinen Relativitätstheorie und der Quantenmechanik. Erstere gilt für den Makrokosmos, die mit Augen sichtbare, erlebbare Welt, letztere für den Mikrokosmos der elementaren Teilchen.

Albert Einstein, der Begründer der Relativitätstheorie, weigerte sich zeitlebens, die aus der Quantentheorie folgende Unschärferelation zu akzeptieren. Demnach kann bei Elementarteilchen nicht gleichzeitig Ort und Geschwindigkeit exakt bestimmt werden, sondern nur mit einer gewissen Unschärfe. "Gott würfelt nicht", sagte Einstein. Zusammen mit seinem Kollegen Roger Penrose wies Hawking nach, dass - ginge es nach der Allgemeinen Relativitätstheorie - die Zeit in einem Schwarzen Loch enden würde. Damit wären sowohl der Anfang wie auch das Ende der Zeit undefinierbare Zustände. Manche Forscher sahen darin - so Hawking - ein Indiz für die Freiheit Gottes, den Anfang des Universums nach seinem Gusto zu regeln. Andere Wissenschaftler jedoch, unter ihnen auch Hawking, meinten, für den Ursprung des Weltalls müssten dieselben Gesetze gelten wie für das Geschehen zu allen anderen Zeiten. Dem Beweis, so Hawking, sei er mit seinen Überlegungen näher gekommen, auch wenn sich der Ursprung des Universums immer noch nicht vollständig erklären lasse.

Das Auffälligste am Weltraum ist, dass er immer weiter und weiter reicht. Das Hubble-Teleskop gibt den Blick frei auf Milliarden von Galaxien mit Milliarden von Sternen, von denen viele von Planeten umkreist werden. Obwohl das Universum immer gleich aussieht, verändert es sich dennoch fortwährend, es expandiert.

Für die spannende, unerklärte Zeit des Anfangs verweist Hawking auf die Theorie von Richard Feynman, wonach es für das Universum nicht nur eine sondern unzählige "Geschichten" gibt. Er arbeite daran, Einsteins allgemeine Relativitätstheorie und Feynmans Vorstellungen zu einer einheitlichen Theorie zu verbinden, die alles beschreibe, was im Kosmos passiert. Hawking sieht das Universum eingebettet in einen vieldimensionalen Raum, der zahllose weitere Welten birgt.

Doch trotz Hawkings Talent, Kompliziertes anschaulich darzustellen, trotz der interessanten Geschichten, die er aus abstrakten Theorien und mathematischen Gleichungen zaubern kann, bleiben viele Details für physikalische Laien nur schwer verständlich. Wurmlöcher und Raumzeitkegel sollen erklären, dass Zeitreisen möglich sind. "Reisen in die Vergangenheit müssen möglich sein, aber die Wahrscheinlichkeit ist sehr gering", sagt der seit Jahrzehnten an den Rollstuhl gefesselte Wissenschaftler. Eine unheilbare Nervenkrankheit, Amyotrophe Lateralsklerose, hat ihn fast vollständig gelähmt. Beraubt auch seiner Stimme kann er nur noch zwei Finger der linken Hand krümmen. Trotzdem zeigt der Vater dreier Kinder aus zwei Ehen viel Energie und Humor. Auch aus diesem Grund ist Hawking ein bewundernswerter Autor.

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