Gesundheit : Stiften

Von Christoph Markschies, Präsident der Humboldt-Universität

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„Friedericus rex Apollini et musis“ steht in goldenen Lettern über dem Giebelportikus der Staatsoper und wer der lateinischen Sprache kundig ist, entnimmt der Inschrift, dass König Friedrich der Große jenes Opernhaus dem Gott Apollon und den Musen gestiftet hat. Zeitweilig fand man solche historischen Reminiszenzen in Berlin ganz und gar nicht passend, da hatte man auf Betreiben der FDJ die Stiftungsinschrift durch die schlichte Angabe „Deutsche Staatsoper“ ersetzt.

Ganz analog steht noch heute über dem Portal des gegenüberliegenden Gebäudes „Humboldt Universität“ und nicht die alte, vermutlich von Schinkel mitgestaltete Stiftungsinschrift „Universitati Litterariae Friedricus Guilelmus III Rex a. CICICCCCVIIII“, die auf die Gründung von 1809/1810 verwies. Da zudem über der Hauptfassade des Alten Museums am Lustgarten ebenfalls eine lateinische Inschrift angebracht ist, die auf diesen König verweist, könnte man annehmen, alle wesentlichen Stiftungen in Berlin vor der Novemberrevolution von 1918 seien durch Monarchen erfolgt. Und so hört man gelegentlich auch, es sei gar nicht verwunderlich, dass es in Berlin vergleichsweise wenige Stiftungen gebe, da früher entweder die Monarchen oder das jüdische Bürgertum gestiftet hätten und beide im zwanzigsten Jahrhundert verschwunden seien.

Nun wird niemand bestreiten, dass es in Berlin nie eine bürgerliche Stiftungskultur in dem Ausmaß gab, wie es etwa für die Hansestadt Hamburg charakteristisch war und ist. Aber ein wenig täuscht der Eindruck. So gelang es dem Berliner Kirchenhistoriker und Wissenschaftsorganisator Adolf von Harnack, die an der Preußischen Akademie unternommene kritische Ausgabe aller griechischen christlichen Schriftsteller der ersten Jahrhunderte durch eine großherzige Stiftung der Witwe eines Berliner Bauunternehmers abzusichern. Die nach dieser Frau, Elise Wentzel-Heckmann, benannte Stiftung überlebte Inflation und Nachkriegszeit und hat vor gar nicht langer Zeit einen Band der Ausgabe weitgehend finanziert.

Und so gibt es bis heute eine Reihe bürgerliche Stiftungen des neunzehnten Jahrhunderts in Berlin. Um freilich das zu sichern, was einst Könige und Witwen von Bauunternehmern stifteten, muss sich in der Stadt noch viel stärker wieder eine Stiftungskultur entwickeln. Es gibt bewegende Ansätze – die Rettung der Musikalienhandlung Riedel zählt dazu. Man muss gar nicht Hunderttausende stiften, oft reicht ein kleiner Beitrag, damit es auch hinter dem Portikus der Staatsoper fein aussieht – oder hinter dem Hauptportal der Humboldt-Universität.

Der Autor ist Kirchenhistoriker und schreibt an dieser Stelle jeden zweiten Montag über Werte, Wörter und was uns wichtig sein sollte.

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