Gesundheit : Stimme des Zorns

Unser Gehirn ist darauf geeicht, Ärger und Aggression bei anderen zu orten

Peter Spork

Das zarteste Liebesgedicht weckt keine romantischen Gefühle, wenn es wütend vorgetragen wird. Der abgehackte Klang übertönt den Inhalt. „Ich mag dich nicht“, ist seine Botschaft. Forscher von der Universität Genf fanden jetzt heraus, warum: Unser Gehirn ist regelrecht darauf geeicht, verärgerte Stimmen zu erkennen und scheint sie sogar unbewusst in einem Gewirr vieler Laute zu orten.

Das Team um die Psychologen Didier Grandjean und David Sander spielte auf beide Ohren von Testpersonen verschiedene bedeutungslose Worte mit gleicher Lautstärke aber wechselnder Betonung und zufälliger Reihenfolge. Gleichzeitig beobachteten die Neurowissenschaftler die Aktivität des Gehirns mit einer speziellen Art der Kernspin-Tomographie, die den Sauerstoffbedarf der Hirnbereiche misst.

Die Resultate, die das Fachblatt „Nature Neuroscience“ veröffentlichte, entlarven zwei Wahrnehmungszentren für den Klang des Zorns: Sie liegen etwa auf Höhe der Ohren mitten in den Hörzentren der Großhirnrinde.

Die Areale dienen als akustisch erregbare Alarmzentren, sagen die Forscher: „Sie sind vermutlich genau darauf eingestellt, sozial und emotional hervorstechende Signale von Artgenossen herauszufiltern.“ Solange die Fantasieworte im normalen Versmaß daherkamen, passierte in den Alarmzentren nichts. Sobald aber eines der Ohren mit den typischen, stakkatoartigen Lauten eines wütenden Menschen beschallt wurde, sprangen sie an. Dass es völlig egal ist, ob die Testpersonen gerade auf das aggressive Signal lauschten oder nicht, ermittelten Grandjean und Kollegen mit einem Trick. Die Probanden mussten auf eines ihrer Ohren besonders achten, um grammatikalische Eigenschaften der dort gehörten Worte zu beschreiben. Die akustisch erregbaren Emotionsfilter arbeiteten aber unterhalb dieser bewussten Ebene und reagierten auf Signale aus dem anderen Ohr genauso gut.

Die Forscher vermuten nun, es sei gerade die Funktion der neu entdeckten Zentren, die Aufmerksamkeit eines abgelenkten Zuhörers gezielt auf eine Schallquelle zu richten, von der vielleicht eine Bedrohung ausgehe. Dafür spreche, dass es ein ähnliches Alarmzentrum auch im Sehsystem gibt: Es reagiert hochsensibel und wie ein Filter auf ängstliche Gesichter.

Wenn sich ein Redner auf einer Party also Gehör verschaffen möchte, sollte er ein paar wütende Silben fallen lassen. Schon dürfte ihm die Aufmerksamkeit anderer sicher sein. Mit synthetischen Geräuschen lässt sich das Gehirn jedoch nicht überlisten. Es muss schon eine menschliche Stimme ertönen, damit es reagiert: In einem zweiten Experiment testeten die Genfer Psychologen Kunsttöne, die sie entweder in der Höhe oder in der Stärke einzelner Komponenten veränderten, ganz so wie es ärgerliche Menschen mit ihrer Stimme machen. Der Alarm im Ohr blieb aus.

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