• Stipendien sollen die Forscher-Elite aus Osteuropa binden Auf Dauer ist Deutschland nur für wenige Wissenschaftler interessant

Gesundheit : Stipendien sollen die Forscher-Elite aus Osteuropa binden Auf Dauer ist Deutschland nur für wenige Wissenschaftler interessant

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Von Thomas Veser

Deutsch beherrschte Tomasz Wicherkiewicz schon vor seinem Forschungsaufenthalt an der Universität Bielefeld. Inzwischen ist der polnische Sprachwissenschaftler aus Poznan auch in den Minderheitensprachen Plattdeutsch und Friesisch sattelfest. Nach seiner Rückkehr wird Wicherkiewicz an der Posener Universität die neue Europäistik-Abteilung leiten und sich den polnischen Minderheitensprachen, etwa dem Kaschubischen, widmen.

Wicherkiewicz gehört zu einer siebenköpfigen Gruppe ost- und mitteleuropäischer Wissenschaftler, die mit dem Roman-Herzog-Forschungsstipendium einen mehrmonatigen Aufenthalt an einer deutschen Hochschule verbrachten. Während die Humboldt-Stiftung den Aufenthalt organisierte, lieferte die Hertie-Stiftung das nötige Geld – rund acht Millionen Mark.

Schwerpunkt Polen

Nachwuchsforscher aus Polen kommen besonders zum Zuge. Damit besinnt sich die Humboldt-Stiftung auf ihren nsgeber, den Naturforscher Alexander von Humboldt. Wer ein solches Stipendium beantragt, darf nicht älter als 34 Jahre sein und verpflichtet sich für mindestens ein Jahr in Deutschland. Ausgestattet ist es mit monatlich zwischen 1850 und 2500 Euro. Doch noch attraktiver für die Nachwuchsforscher sind ausgewiesene Schwerpunkte an den Universitäten.

So wählte die Physikerin Malgorzata Wierzbowska, die zum zweiten Mal nach Deutschland kommt, nun Würzburg. Dort wurde ein europaweit einmaliger Schwerpunkt für ihr Fachgebiet Supraleitung eingerichtet. „Abgesehen von einem deutlich besseren Ausrüstungsstandard kann man in Deutschland ungestörter und ruhiger forschen als in Polen", berichtete die 31-Jährige bei einem Erfahrungsaustausch im württembergischen Kloster Schöntal. An polnischen Hochschulen herrsche ein ausgeprägtes Hierarchiedenken vor: „Junge Forscher, die sich nicht bedingungslos unterordnen, haben bei uns so gut wie keine Karrierechancen."

Ohne ausländische Hilfe hätte die Physikerin aus Torun ihren Forschungsschwerpunkt schwerlich vertiefen können. Bisher bietet in Polen nur die Stiftung der Polnischen Wissenschaft Auslandsstipendien an. Der Andrang sei gewaltig, berichteten Teilnehmer, die Fördergelder mit 9000 Euro pro Jahr und Teilnehmer eher bescheiden. Nun locken auch Österreich und die Schweiz Forscher aus dem Osten mit Stipendien: Aber Wien räumt ausschließlich Spitzenforschern eine Chance ein, die Eidgenossenschaft bietet pro Land gerade einmal zwei Stipendien an.

Der Andrang ist vorbei

Dass die Humboldt-Stiftung vermehrt ausländische Nachwuchsforscher über Stipendien für Deutschland begeistern will, hat nicht zuletzt mit der Furcht zu tun, die USA und Japan könnten langfristig Ost- und Mitteleuropas Forscherelite abwerben. Angesichts der zunehmenden Konkurrenz stellt sich Manfred Osten, Generalsekretär der Humboldt-Stiftung, die Frage, „ob wir überhaupt noch attraktiv genug sind". Dass sich nicht mehr qualifizierte Bewerber um ein Roman-Herzog-Stipendium beworben haben, hat ihn bei der zweiten Vergaberunde überrascht. Waren viele Stiftungsstipendiaten nach dem Fall des Eisernen Vorhangs während der frühen neunziger Jahre gar nicht mehr in ihre Heimat zurückgekehrt, „hat sich die Situation inzwischen normalisiert. Der Brain-Drain ist vorbei", berichtet Osten.

Dafür ist der Linguist Tomasz Wicherkiewicz das beste Beispiel; die Supraleitungsspezialistin Malgorzata Wierzbowska hingegen weiß schon jetzt, dass es diesen Schwerpunkt in Polen nirgends gibt. „An einer kleinen Universität könnte ich ausschließlich Lehrverpflichtungen übernehmen, das aber bedeutet: Forschung ade."

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