Gesundheit : Stonehenge in Sachsen-Anhalt

Die Himmelsscheibe stammt aus einer Anlage der Bronzezeit – ist es das älteste Observatorium der Menschheit?

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Von Marion Kerstholt

Sie ist ein Kunstwerk aus Gold und Bronze, eine archäologische Sensation. Aber nicht nur das. Die prächtige Sternenscheibe wurde vor 3600 Jahren vermutlich als astronomische Karte benutzt. Und jetzt ist auch das Rätsel um ihre Herkunft gelöst: Zwei Raubgräber fanden die Scheibe im Sommer 1999 auf dem 252 Meter hohen Mittelberg bei Nebra in Sachsen-Anhalt.

Dort befand sich zur Bronzezeit – vor etwa 3600 Jahren – „das älteste Observatorium der Menschheit“, vermutet Wolfhard Schlosser, Experte für archäologische Astronomie an der Ruhr-Universität in Bochum. Der Platz mit einem Durchmesser von 200 bis 350 Metern war aus Angst vor weiteren Räubern zuvor streng geheim gehalten worden.

Die kreisförmige Stelle „kann in eine Reihe mit der Steinkreis-Anlage von Stonehenge, südwestlich von London gestellt werden“, sagt Harald Meller, Landesarchäologe von Sachsen-Anhalt, bei einer Ortsbesichtigung. Zur Bronzezeit war der Ort auf dem Gipfel des Mittelberges vermutlich vollständig abgeholzt, sodass man zur Sonnenwende freie Sicht auf den Sonnenuntergang über dem Brocken im Harz hatte. Außerdem konnte man am 1. Mai beobachten, wie die Sonne hinter der höchsten Erhebung des Kyffhäuser-Gebirges verschwand. An diesem Tag feierten die Kelten das Beltaine-Fest. Die Walpurgisnacht, die heute noch auf dem Brocken gefeiert wird, geht auf diesen Festtag zurück.

In der Sternenscheibe sehen die zuständigen Archäologen ein „Benutzerhandbuch“ für die Anlage bei Nebra. Die zwei Kilogramm schwere Bronzeplatte mit einem Durchmesser von 32 Zentimetern, trägt Goldauflagen in Form von Sonne, Mond und Sternen. „Die Sternenscheibe ist die erste und einzige konkrete Darstellung des Himmels im vorgeschichtlichen Europa“, betont der Landesarchäologe Meller. „Ein Jahrhundertfund!“

Eine Gruppe von sieben der insgesamt 29 Sterne auf dem Objekt stellt vermutlich die Konstellation der Plejaden dar. Das Siebengestirn war vor 3600 Jahren am herbstlichen Sternenhimmel zu beobachten.

Doch fast hätte die Öffentlichkeit das einzigartige Stück niemals zu Gesicht bekommen. Wie der Tagesspiegel bereits im Mai berichtete, wurde die Scheibe nach ihrer illegalen Ausgrabung nicht dem Land Sachsen-Anhalt übergeben. Ihm gehören laut Gesetz sämtliche archäologischen Ausgrabungsstücke. Stattdessen verkauften die Räuber die Scheibe für 15 000 Euro an Mittelsmänner. Sie boten die Bronzescheibe auf dem archäologischen Markt an.

„Zwei Herren aus Köln und München kamen mit schlechten Fotos und verlangten 500 000 Euro“, erinnert sich Wilfried Menghin, Direktor des Museums für Vor- und Frühgeschichte in Berlin. Menghin hatte aber kein Interesse an Hehlerware: Er meldete den Fall dem Landeskriminalamt von Sachsen-Anhalt.

Letztlich kaufte ein Oberstudienrat aus Neuss die Sternenscheibe für 350 000 Euro. Zusammen mit einer Bekannten wendete er sich an den Landesarchäologen Meller, um dem Land Sachsen-Anhalt das Fundstück zu verkaufen. Meller stimmte zum Schein zu.

Am 23. Februar 2002 fand eine fingierte Übergabe der Bronzescheibe in einer Hotelbar in Basel statt. Dort nahm die Polizei den Oberstudienrat fest. Meller erhielt die Scheibe als rechtmäßiger Besitzer.

Zurück in der Heimat wurde der prächtige Fund im April zunächst für vierzehn Tage im Landesmuseum für Archäologie ausgestellt. 15 000 Besucher sahen die Neuheit in Halle.

Anschließend untersuchte das Landesamt für Archäologie das Ausstellungsstück näher. Bis zu diesem Zeitpunkt war der Fundort der Scheibe nicht genau geklärt. Es wurde vermutet, dass der Fund – es gehören noch zwei Schwerter, zwei Randleistenbeile, ein Meißel und mehrere Armreifen dazu – bei Sangerhausen in Sachsen-Anhalt ausgegraben wurde.

Zusammen mit dem Landeskriminalamt grenzten die Wissenschaftler den Fundort anhand von Bodenproben ein. Aber den entscheidenen Tipp gab der Polizei ein Hehler, der sich im Juli 2002 stellte.

Die Priesterkönige der Bronzezeit könnten die Bronzescheibe mit ihrer Himmelsdarstellung genutzt haben, um den Zeitpunkt der Ernte zu bestimmen. Löcher im Rand der Scheibe lassen vermuten, dass sie auf einen Umhang genäht war. Die Herrscher könnten solch ein Kleidungsstück bei ihren rituellen Zeremonien getragen haben.

Im August 2002 haben die Archäologen mit weiteren Ausgrabungen am Mittelberg begonnen. Sie sollen die Bedeutung der Anlage klären. „Leider haben die Raubgräber hier schon dramatische Zerstörungen angerichtet“, beklagt Meller. Trotzdem konnten schon über 100 weitere Fundstücke aus der Bronzezeit gesichert werden. Darunter auch ein 2700 Jahre alter Wendelring, der als Halsschmuck diente. Vermutlich werden die Arbeiten in Sachsen-Anhalt noch ein bis zwei Jahre dauern. Anschließend soll an dem Platz eine Touristenattraktion entstehen.

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