Gesundheit : Streicheleinheiten für die Seele

Massage hilft Depressiven

Hartmut Wewetzer

Schmerzen. Im Kopf. Im Nacken. Man ist starr, leblos, fühlt nichts mehr. Wie versteinert. So sprechen Depressive, wenn sie über sich und ihren Körper berichten. Gefangen in tiefer, grundloser Traurigkeit, jenseits von Lust und Sinnlichkeit. Und gefangen in einem Körper, der nichts Angenehmes mehr registrieren kann. Sollte man solchen Menschen mit sanfter Massage, mit Einölen, Streicheln und Kneten helfen können? Mit Wellness also? „Erst habe ich gedacht, die meisten Kranken würden eine Massage ablehnen“, sagt der Mediziner Bruno Müller-Oerlinghausen von der Berliner Charité rückblickend. „Aber dann stellte sich heraus, dass es den meisten ganz erstaunlich gut tat.“

Müller-Oerlinghausen ist alles andere als ein Alternativmediziner. Als Vorsitzender der Arzneikommission der deutschen Ärzteschaft legte er sich sogar mit vielen der Alternativheiler an, weil er, ganz korrekt-nüchterner Preuße, wissenschaftliche Belege für die Wirksamkeit ihrer Verfahren forderte. „Das geht nicht“, sei ihm stets erwidert worden, erinnert sich Müller-Oerlinghausen. Gleichzeitig hatte ihn schon immer gestört, wie berührungsfeindlich und verkopft die Psychiatrie war. So schlug Müller-Oerlinghausen zwei Fliegen mit einer Klappe. Er testete ein alternativmedizinisches Verfahren – Wellness-Massage – streng wissenschaftlich auf seine Wirksamkeit. Zugleich tat er etwas gegen die Körperfeindlichkeit der Seelenheiler.

Insgesamt 32 depressive Patienten bekamen entweder eine leichte einstündige Massage oder nahmen an Entspannungsübungen teil. Es stellte sich heraus, dass beides ein positives Resultat hatte, ganz besonders aber die Massage. Angespanntheit, Unruhe, depressive Stimmung und körperliche Verspannung gingen zurück. Weiterer Vorteil: Um die Massagetechnik zu erlernen, ist keine komplizierte Ausbildung nötig.

„Viele Patienten haben zu der Masseurin gesagt: Bei Ihnen spüre ich wirklich, dass Sie etwas von Ihrer Sache verstehen!“ Müller-Oerlinghausen sieht dieses Lob auch als Kritik an der herkömmlichen Psychiatrie. „Wir könnten mehr machen, als Medikamente verabreichen, ab und zu ein Gespräch zu führen oder Beschäftigungstherapie zu verordnen“, sagt er selbstkritisch. „Deshalb ist diese Studie so provozierend.“

Mehr im Internet unter:

www.miami.edu/touch-research

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