Gesundheit : Streit um die Akademie

Wer im Ausland sprechen darf: Bund und Länder verschieben Plan für nationale Gelehrtengesellschaft

Uwe Schlicht

Eine nationale Akademie der Wissenschaften wird seit 15 Jahren befürwortet, aber sie ist bis heute nicht eingerichtet worden. Die Erwartung, dass die Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung am Montag auf ihrer letzten Sitzung grünes Licht für die Gründung geben würde, habe sich nicht erfüllt.

Die „Deutsche Akademie der Wissenschaften (DAW)“ sollte in Fragen nationaler Bedeutung Politik und Gesellschaft in Deutschland beraten. Im Ausland sollte diese Akademie gegenüber den berühmten Gelehrten-Vereinigungen in den USA, Schweden, Frankreich, Russland und Großbritannien die deutsche Wissenschaft mit einer Stimme vertreten. An diesem Vertretungsanspruch mit einer Stimme haben sich die Interessengegensätze festgefahren. Im letzten Augenblick hat die Allianz der deutschen Wissenschaftsorganisationen erklärt, die Deutsche Akademie solle keine „Außenvertretung mit Machtanspruch“ sein. Ein solches Mandat würde die eingespielte Außenvertretung der Deutschen Forschungsgemeinschaft, der Max-Planck- Gesellschaft, der Helmholtz-Gemeinschaft und der Hochschulrektorenkonferenz schwächen, heißt es in einem Schreiben, das vom Präsidenten der Max-Planck-Gesellschaft, Peter Gruss, unterzeichnet ist. Die Deutsche Akademie könne nur eine wertvolle Rolle übernehmen, indem sie bestehende Lücken bei der Vertretung in internationalen Akademieorganisationen schlösse. Peter Gruss nennt als Beispiel allein den „Inter-Academy Council“. Die Vertretung gegenüber den anderen berühmten Akademien im Ausland wollen sich Mitglieder der Allianz selbst vorbehalten.

Bundeswissenschaftsministerin Annette Schavan (CDU) bekannte sich in der BLK ausdrücklich zur Gründung einer nationalen Akademie. Bei der ersten Sitzung der neuen Wissenschaftskonferenz, die ab Januar 2007 die BLK ablösen wird, solle darüber abschließend beraten werden. Zuvor sollten die Mitglieder der Allianz ihre Positionen noch einmal aushandeln. Es müsse klar sein, „dass die Vertretung der deutschen Akademien die erste Stimme international hat“, sagte Schavan.

Beschlossen hat die BLK dagegen, eine nationale Akademie der Technikwissenschaften in die gemeinsame Förderung von Bund und Ländern aufzunehmen. Die Acatech war 2002 gegründet worden und soll künftig jährlich voraussichtlich mit sechs Millionen Euro gefördert werden.

Enttäuscht wurde die Leibniz-Gemeinschaft. Nachdem die Deutsche Forschungsgemeinschaft und die Max- Planck-Gesellschaft von Bund und Ländern einen Zuwachs in Höhe von drei Prozent für 2007 erhalten haben, soll die Leibniz-Gemeinschaft nur eine Steigerung in Höhe von 2,3 Prozent erhalten. Die 84 Institute der Leibniz-Gemeinschaft können im kommenden Jahr mit 774 Millionen Euro rechnen. Den geringeren Zuwachs für die Wissenschaftsorganisation, die besonders stark in den neuen Ländern vertreten ist, erklärten Schavan und der rheinland-pfälzische Wissenschaftsminister Jürgen Zöllner (SPD) mit bereits finanzierten großen Bauvorhaben.

Die BLK hat auch beschlossen, vier neue Einrichtungen in die Leibniz-Gemeinschaft aufzunehmen. Das sind das Deutsche Rheuma-Forschungszentrum in Berlin, das Zentrum für zeithistorische Forschung in Potsdam, die hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung und das Zentrum für Marine Tropenökologie an der Uni Bremen. Das Berliner Naturkundemuseum ist also wieder nicht in die Leibniz-Förderung aufgenommen worden, obwohl die zur Humboldt-Universität gehörende Einrichtung dringend Hilfe bräuchte: Die Teilruine hat einen Investitionsbedarf von über 100 Millionen Euro. Der Berliner Senat habe wählen können, welche Institution in die Bund-Länder-Förderung aufgenommen werden solle – und sich für das Rheuma-Forschungszentrum entschieden.

Schwierig bleibt auch die im Jahre 2000 in Lissabon von den Ministerpräsidenten der EU vereinbarte Steigerung der Aufwendungen für Forschung und Entwicklung auf drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts bis 2010. Deutschland wendet bisher 2,5 Prozent auf. Die 0,5-Prozent-Lücke hat es jedoch in sich: Sie bedeutet einen Mehraufwand von 11 Milliarden Euro, der sich bei weiterem Wirtschaftswachstum sogar noch auf 15 Milliarden Euro steigern kann. Die Bundesregierung hat für das Lissabon-Ziel bereits zusätzlich sechs Milliarden Euro zur Verfügung gestellt. Sie erwarte, dass auch die Länder und die Wirtschaft entsprechende Beiträge leisten, sagte Schavan. Wissenschaftsminister Zöllner sah sich jedoch auf Nachfrage nicht in der Lage, die bisher geleisteten Zuwächse der Länder zu beziffern.

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