Gesundheit : Streitobjekt Gesamtschule: Wirtschaft bekam keine Munition für Bildungskampagne

Bärbel Schubert

"Wenn ich mir eine Schule wünschen dürfte, wäre das eine Gesamtschule, die nicht den ideologischen Ballast ihrer Geschichte in Deutschland mit sich herumschleppt, und ein Maximum an Differenzierungen mit einem Optimum an Zusammenarbeit aller Kinder vereint." Mit diesem Wunsch verblüffte der als eher konservativ geltende Begabungsforscher und Leiter des Max-Planck-Instituts für psychologische Forschung, Franz Weinert, Gesamtschulgegner wie Gymnasialbefürworter auf einem Bildungsforum der Wirtschaft in Berlin.

Die Bundesvereinigung Deutscher Arbeitgeberverbände, als Veranstalter, erhielt mit Weinerts Beitrag über "Begabung und ihre Förderung" nicht die gewünschte Unterstützung für ihre bildungspolitischen Forderungen, der sie seit dem Sommer mit einer Kampagne Nachdruck verleiht. Zu den Forderungen gehört die Abschaffung der Gesamtschule. Die Arbeitgeber treten entschieden für das gegliederte Schulsystem mit Haupt- und Realschule sowie Gymnasium ein, das sie als geeignete Förderung für unterschiedliche Begabungen ansehen.

Weinert verwies dagegen auf Untersuchungen, die einen gleichmäßigen Lernzuwachs bei allen Kindern in der Grundschule nachweisen. Leistungsstarke lernen dabei genauso dazu wie Leistungsschwächere und das Mittelfeld. Erst nach der vierten Klasse "spreizt" sich die Leistungsentwicklung. Die Guten lernen dann proportional erheblich mehr dazu als die Schwächeren. Das Ergebnis, eine große Spannbreite der Leistungen, wird aber sowohl an Schulen als auch an Hochschulen als Problem gesehen.

Die günstige Entwicklung in der Grundschule führt Weinert wesentlich auf das Engagement der Grundschullehrerinnen zurück, die sich "auf unterschiedliche Weise mit unterschiedlich begabten Kindern beschäftigen". Nicht das gemeinsame Lernen aller Kinder in der Gesamtschule ist das Problem, erläuterte der Wissenschaftler, sondern die deutsche Diskussion darüber. In anderen Länder, wie Japan oder Schweden, hat diese Schulform sehr gute Ergebnisse.

Die deutschen Schulen stehen in den letzten Jahren verstärkt in der Kritik. Ihnen wird unter anderem vorgeworfen, dass das einzelne Kind mit seiner individuellen Begabung zu wenig Förderung bekommt. So verlassen unverändert jedes Jahr gut zehn Prozent der Schüler die Schule ohne Abschluss. Auf der anderen Seite wird immer wieder das Schicksal von Hochbegabten beklagt.

Folgt man den Ausführungen des Max-Planck-Institutsleiter, Jürgen Baumert (Berlin), ist auch ein anderes Problem des deutschen Bildungssystems hausgemacht. Weit weniger Schüler als gewünscht, belegen in der gymnasialen Oberstufe Naturwissenschaften und Mathematik-Leistungskurse. Baumert: "Die Wahlentscheidungen sind ganz klar eine Reaktion auf gelungenen oder weniger gelungenen Unterricht". Ohne Vorbereitung durch diese Fächer wird aber nur selten jemand ein Technikstudium aufnehmen. Ohne attraktiveren Unterricht in Mathematik, Physik und Chemie ist die Verlängerung der Green-Card-Debatte in den technischen Wachstumsbranchen absehbar.

Doch woher kommen die Begabungsunterschiede? Die Begabung entwickelt sich, wie Weinert erläuterte, in den ersten Lebensjahren und bleibe relativ konstant. Die genetische Disposition sei dafür ein Hauptfaktor. "Doch unabhängig von den unterschiedlichen Begabungen muss jedes Kind alles lernen, was es wissen soll. Nichts, aber auch gar nichts, geht direkt von den Genen in Können oder Wissen über", dämpfte Weinert die Euphorie für ein Primat der Gene.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben