Gesundheit : Striptease am Strand: Auch Krabben ziehen sich vor dem Sex aus

Ellen Norten

Wenn ein Hummer nicht vorzeitig im Kochtopf endet, kann er bis zu 100 Jahre alt werden. In dieser Zeit wird er kontinuierlich wachsen. Weil der starre Panzer da nicht mithalten kann, muss sich das Tier genau wie alle anderen Krustentiere, also etwa Garnelen oder auch Krabben, regelmäßig häuten. Dabei schlüpfen die Körper aus der alten Hülle und haben nun im neuen, etwas größeren Panzer wieder genügend Platz. Diese Häutung wird über Hormone gesteuert, die am Institut für Zoophysiologie der Universität Bonn untersucht werden. Dabei stellte sich heraus, dass die Häutung nicht nur dem Wachstum dient, sondern insbesondere bei der Strandkrabbe (Carcinus maenas) auch eine wichtige Rolle bei der Fortpflanzung spielt.

"Der Panzer des Weibchens wäre für die Paarung nämlich viel zu steif", berichtet Dr. Heiner Dircksen. "Das Männchen muss deshalb genau den richtigen Zeitpunkt direkt nach der Häutung abpassen." Die Forscher identifizierten ein hyperglykämisches Hormon, das im Darmgewebe kurz vor der Häutung aktiv wird und dort eine Wasseraufnahme ermöglicht. Vor der kurzen Hochzeitsnacht ist dies für das Weibchen dringend notwendig, weil sie nur so den alten Panzer sprengen kann. "Wir haben herausgefunden, dass diese kritische Phase wirklich einer ganz genauen hormonellen Steuerung unterliegen muss. Wenn man das Hormon, das wir gefunden haben injiziert, dann bläht sich die Krabbe so stark auf, dass sie im alten Panzer stecken bleibt", doch das passiert unter normalen Umständen natürlich nicht.

Die Untersuchungen der Bonner Forscher zeigen, dass schon ein bis zwei Wochen vor der anstehenden Häutung Änderungen im Hormonspiegel des Weibchens auftreten. Mit dem Urin scheidet es dann bereits Bruchstücke des Steuerungshormons aus und lockt mit dieser Duftmarke das Männchen auf die richtige Fährte. Und für den Anmarsch gibt es zur Belohnung einen Striptease: Elegant werden die einzelnen Füßchen, nach einem streng hormonell kontrollierten Programm, unter rhythmischen Bewegungen aus der alten Hülle gezogen.

Kaum ist dies geschehen, steht sie zwar nicht nackt, aber in einem frischen Brautkleid vor ihm. Weich und griffig, ist sie die ideale Gefährtin und der Krabbenmann wird sich nicht mehr zurückhalten. Sie begeben sich Bauch an Bauch aneinander und klappen ihre Schwänze auf. Das Männchen hat ein besonders ausgestattetes Begattungsfüßchen, das den Penis enthält, der dann in die nun weiche Geschlechtsöffnung eingeführt wird.

Binnen einer Stunde ist der Tanz vorbei, der neue Panzer härtet aus und das anschmiegsame Weibchen wird wieder zur starren Matrone. Je nach Jahreszeit kommt es dann entweder direkt zur Befruchtung, oder das Sperma des Männchens wird aufgehoben, bis die Eier etwa im Frühjahr eine günstige Reifephase erreichen. Spätestens jetzt kommt die Befruchtung und das Weibchen wird in einer großen Tasche den Nachwuchs mit sich herum tragen.

Das Weibchen hat übrigens von der Hochzeitsnacht noch in anderer Hinsicht profitiert. Das interessierte Männchen bietet nämlich während der gesamten Häutungsphase körperlichen Schutz. Der ist dringend nötig, denn die weiche Hülle des Brautkleids würde Fressfeinde keineswegs abhalten, selbst ein Fisch könnte das weiche Krustentier so verzehren. Das Männchen kann bei der Häutung dagegen nicht auf weiblichen Beistand hoffen, da es bei der Paarung keineswegs weich, sondern männlich hart sein muss. Unbeachtet von der Frauenwelt wird es sich, wenn die Zeit gekommen ist, deshalb unter einem Stein oder in einer kleinen Höhle aus der alten Hülle schälen.

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