Gesundheit : Strumpfhosen aus Zucker und Flugzeugtragflächen aus Stroh sind schon heute möglich

Martin Ebner

6,5 Prozent der Ackerfläche dienen nicht mehr direkt der Nahrungsmittelproduktion, sondern der industriellen WeiterverwertungMartin Ebner

Strumpfhosen aus Zucker, Jogurtbecher aus Raps, Plastiktüten aus Kartoffeln und Flugzeugtragflächen aus Stroh: das sind keine Zukunftsfantasien, sondern heute schon mögliche Produkte aus "nachwachsenden Rohstoffen". So heißen Kulturpflanzen von Anis bis Zuckerrüben, die nicht für Ernährungs- oder Futterzwecke, sondern für eine industrielle Verwertung angebaut werden. Wegen ihrer vielfältigen Verwendungsmöglichkeiten und weil sie von der Europäischen Union auf "Stilllegungsflächen" bei Weiterzahlung der vollen "Stilllegungsprämie" unbegrenzt erlaubt werden, nimmt ihr Anbau und Verbrauch ständig zu.

In diesem Jahr werden in Deutschland auf ungefähr 760 000 Hektar, also etwa 6,5 Prozent der genutzten Ackerfläche, nachwachsende Rohstoffe angebaut - im Vergleich zu 1998 rund ein Drittel mehr. Raps ist mit 370 000 Hektar die häufigste Industrie-Pflanze. Es folgen 228 000 Hektar Lein und Sonnenblumen zur Ölgewinnung, 140 000 Hektar Getreide und Kartoffeln zur Stärkeerzeugung, sowie jeweils 4000 Hektar Faser- und Arzneipflanzen. Die Chemieindustrie deckt bereits neun Prozent ihres Rohstoffbedarfs mit Pflanzen.

Pflanzliche Öle und Fette sind nicht nur für die Ernährung wichtig: In Deutschland verarbeitet die chemische Industrie bis zu 700 000 Tonnen pro Jahr zu Seifen, Waschmitteln, Kunststoffen, Kosmetika, Lacken oder Hydraulikölen. Dazu kommt die Gewinnung von Energie: Motortreibstoffe können aus Sojabohnen, Sonnenblumenkernen und Leinsamen hergestellt werden - vor allem aber aus Raps, einer Pflanze mit bis zu 45 Prozent Ölgehalt.

An den 18 000 Tankstellen in Deutschland gibt es bereits 900 Biodiesel-Zapfsäulen; der Absatz stieg in den letzten fünf Jahren von 5000 auf 100 000 Tonnen. Zu den Biodieselfabriken in Leer und in Wittenberge kommt dieses Jahr eine neue Anlage iin Ochsenfurt. Allerdings werden erhebliche Mengen Rapsöl nach Italien geliefert und dort als Heizöl verwendet. Im Inland ist der Verbrauch "unbefriedigend", sagt Holger Flaig von der Stuttgarter Akademie für Technikfolgenabschätzung: "Trotz Freistellung von der Mineralölsteuer wird Rapsöl in der Landwirtschaft so gut wie gar nicht angenommen. Auch bei den Schmierstoffen ist die Landwirtschaft selbst kein Großabnehmer."

In Marktnischen sind diese Öle und Fette aber bereits sehr gefragt, weil sie im Boden oder Wasser schnell biologisch abbaubar sind - Rapsöl zum Beispiel in 21 Tagen zu 96 Prozent. Daher können sie gut in umweltsensiblen Bereichen eingesetzt werden: etwa für Kettensägen oder Bootsmotoren.

Fasern aus heimischen Pflanzen haben eine jahrhundertealte Tradition - wurden aber nach 1945 durch synthetische Fasern und importierte Baumwolle fast völlig verdrängt. Heute wird besonders Flachs wieder angebaut, seit 1996 auch Hanf. Diese Pflanzen werden nicht nur zu Textilien verarbeitet, sondern auch zu Dämmstoffen, Papier, Asbest-Ersatz für Bremsen oder Formpressteilen. Türverkleidungen etwa sind kaum von Plastik aus Erdöl zu unterscheiden.

Zur Gewinnung von Stärke werden Kartoffel-, Weizen- und Mais-Züchtungen angebaut. Eingesetzt wird sie in Klebstoffen und Tapetenkleister, Papier und Pappe - zunehmend aber auch in Flaschen, Folien, CD-Hüllen. Wer sich die Zähne putzt, trifft in der Zahnpasta darauf.

Auch aus Zucker werden von der Folie bis zum Blumentopf umweltfreundliche, vollständig kompostierbare Verpackungen hergestellt: Zucker aus Zuckerrüben, Topinambur- oder Zichorie-Pflanzen wird fermentiert. Dabei fressen Bakterien den Zucker - und scheiden nicht nur Penicillin und Insulin, sondern auch natürliches Plastik aus.

Holz kann nicht nur als Bau- und Heizmaterial und für die Papierherstellung verwendet werden. Zellulose ist Ausgangsmaterial für viele alltägliche Dinge wie Wursthäute oder Tischtennisbälle. Aus Celluloseacetat entstehen Filme und Brillengestelle, aus Celluloseether Verdickungsmittel für Cremes.

Der Einsatz "unendlicher" nachwachsender Rohstoffe verspricht, die Öl-, Erdgas- und Kohle-Ressourcen zu schonen. Sie vergrößern nicht die Müllberge, da sie zu Humus kompostiert werden können. Und aufwendiges Sortieren ist auch nicht nötig. Da Pflanzen während ihres Wachstums genau die Menge Kohlendioxid aus der Luft binden, die sie bei Verbrennung oder Verrottung wieder freisetzen, könnten mit nachwachsenden Rohstoffen CO2

Emissionen vermieden und ein nahezu geschlossener Stoffkreislauf verwirklicht werden.

Die Landwirte wollen mit Bio-Rohstoffen neue Einkommensquellen erschließen und die satten Nahrungsmittel-Märkte entlasten. Nach Verdoppelung der Anbaufläche zeichnet sich allerdings laut Bundeslandwirtschaftsministerium auch bei Ölfrüchten "eine Überversorgung des Marktes ab" - vielleicht werden also Butterberge durch Rapsgebirge ersetzt. Es sollen jedoch nicht nur die Bauern profitieren, sondern der ganze ländliche Raum: Da die Rohstoffe dezentral nachwachsen, bietet sich eine Verarbeitung direkt am Ort an.

Daher fördert die deutsche Bundesregierung in diesem Jahr Projekte mit 51 Millionen Mark. Koordiniert wird die Förderung seit 1993 von der Fachagentur für nachwachsende Rohstoffe im mecklenburgischen Güstrow, die zur Zeit rund 200 Vorhaben betreut.

Allerdings sind nachwachsende Rohstoffe nicht unumstritten. Vor allem am Biodiesel, dessen Herstellung immer noch mehr als doppelt so teuer wie herkömmlicher Diesel ist, scheiden sich die Geister. Dass der Mineralölwirtschaftsverband die Steuerbefreiung für Biodiesel als "Verschwendung" kritisiert, überrascht nicht und kann mit dem Hinweis auf Steuergelder für die Erdölwirtschaft gekontert werden, ganz zu schweigen von den ständigen Tankerunglücken und Umweltkatastrophen. Schwerer wiegt, dass die Anbaufläche für Raps begrenzt ist: Deutschland ist bei Ölsaaten Nettoimporteur.

Umweltschützer sehen im Pestizideinsatz beim Rapsanbau die gravierendste Schwäche. Eine vom Umweltbundesamt geförderte Studie des Verkehrsclub Deutschland kritisiert zudem, dass die Umwandlung zu Kraftstoff viel Energie verbrauche. Und Wissenschaftler der Uni Göttingen fanden heraus, dass beim Anbau "mitunter bedenklich große Mengen" ozonzerstörender und klimawirksamer Methan- und Lachgas-Emissionen entstünden. Markus Piringer von "Global 2000" befürchtet, dass der Umstieg auf nachwachsende Rohstoffe die "Ausbeutung der Dritten Welt" verstärken könnte und verweist auf das gescheiterte "Pro-Alcohol"-Programm Brasiliens.

Dort wurden rund vier Millionen Hektar mit Zuckerrohr bepflanzt, um Alkohol für Autotreibstoff zu gewinnen. "Im Gegenzug mussten riesige Mengen an Nahrungsmitteln für die hungernde Bevölkerung eingeführt werden und durch die Monokulturen wurde Raubbau am Boden betrieben." Das größte Problem sei aber "der verfälschte Weltmarkt", der ökologische Kosten ignoriert: Energieversorgung, Mobilität und Entsorgung werden staatlich subventioniert.

Dass die Preise für die fossile Konkurrenz des Biodiesels "nicht die ökologische Wahrheit sagen", findet auch Holger Flaig von der Akademie für Technikfolgenabschätzung: "Eine Subventionierung der nachwachsenden Rohstoffe im Sinne von Anschubfinanzierung lohnt sich daher schon, schließlich handelt es sich um eine Investition in die Zukunft. Wir brauchen Demonstrationsanlagen und Pilotprojekte. Nur sollte man sich über das Potential der Biomasse keine Illusionen machen, und vermeiden, ein neues Subventions-Fass ohne Boden aufzumachen."

Im Messe- und Kongresszentrum Erfurt findet noch heute die erste internationale Fachausstellung zum Thema "Werkstoffe aus nachwachsenden Rohstoffen" statt. Parallel dazu bietet ein Symposium Vorträge zu den Themen.

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