Gesundheit : STUDENTEN ALS UNTERNEHMENSGRÜNDER: "An ein Weihnachtsgeld ist nicht zu denken"

DANIEL D.ECKERT

Ines Freitag lacht.Nein, als Kapitalistin fühlt sie sich wahrlich nicht.Die 29jährige hat vor kurzem ein kleines Unternehmen in der Beratungsbranche aufgemacht.Mit "INA familia" möchte sie Eltern über die Möglichkeiten der Kinderbetreuung in Berlin informieren.Dabei hat sie hauptsächlich solche Väter und Mütter im Blick, die frisch zugezogen sind.

Ihre ersten Frustrationen hat die Jungunternehmerin schon hinter sich: "Die Bonner, die nach Berlin ziehen, schotten sich leider ziemlich ab.An die ist schwer ranzukommen", hat sie erfahren müssen.Da helfe nur eines: Geduld haben und eisern durchhalten.Die jetzige Phase - "INA familia" existiert gerade erst zwei Monate - bezeichnet Ines Freitag als "Realitätstest".

Die Erziehungswissenschaftlerin gehört zu den mehreren tausend jungen Frauen und Männern, die sich in Berlin jedes Jahr selbständig machen.Unter ihnen befindet sich laut Senatswirtschaftsverwaltung auch eine wachsende Anzahl von Studenten.Und dies, obwohl der unternehmerischen Lebensform nach wie vor ein Negativimage anhaftet: Unternehmer gelten vielen als skrupellose Ausbeuter.Über solche Klischees ärgert sich Ines Freitag."Wer sich selbständig macht, ist sozial zunächst einmal schlechter gestellt als Leute mit festem Einkommen.An ein Weihnachtsgeld braucht man beispielsweise nicht zu denken." Auch sei es manchmal ein einsamer Weg."Man ist schon sehr auf sich allein gestellt", sagt sie nachdenklich."Und wenn es jemanden gibt, den man ausbeutet, dann sich selbst."

Die gängigen Zerrbilder vom Unternehmer kennt auch der Berliner Wirtschaftssenator Wolfgang Branoner.Seine erste Vorstellung davon, wie ein solcher Mensch aussehe, bezog er aus einem Schulbuch, erinnerte er sich kürzlich bei einer Preisverleihung für Nachwuchsunternehmer.Darin fand sich eine Karikatur von einem fetten, Zigarre paffenden Kapitalisten im Nadelstreifenanzug.

Als Privatmann mag Branoner über solchen Anekdoten aus der Vergangenheit lächeln, doch als Wirtschaftspolitiker weiß er: Neue Arbeitsplätze entstehen vor allem in kleinen und mittleren Betrieben.Um die Entwicklung voranzutreiben, müßte es in Deutschland eine Gründeroffensive geben, fordert Branoner.Zwar wurden im vergangenen Jahr in Berlin immerhin 40 000 Gewerbe angemeldet; aber lediglich 15 Prozent aller Hochschulabgänger können sich nach Auskunft der Senatsverwaltung für Wirtschaft und Betriebe dafür erwärmen - zu wenige nach Auffassung von Wirtschaftssenator Branoner.Dagegen streben zwei Drittel ein abhängiges Arbeitsverhältnis im öffentlichen Dienst an."Offenbar gelten Beamte im Gegensatz zu Unternehmern als coole Typen", kommentiert Branoner die Zahlen.

Einer, der die Selbständigkeit ganz gewiß für cool hält, ist Günter Faltin, Professor für Wirtschaftspädagogik an der Freien Universität.In seinen Seminaren lernen Studierende, wie sie unternehmerische Ideen entwickeln und in die Praxis umsetzen können.Im Gegensatz zu manchem Praktiker betrachtet Faltin die Hochschule als einen nahezu idealen Ort, um sich neue Geschäftsideen auszudenken."Die Universität ist dafür viel besser geeignet als ein Betrieb", ist er überzeugt."Denn das Bestehende zu hinterfragen, ist eine der Grundvoraussetzungen unternehmerischer Initiative." So gesehen decke sich "Entrepreneurship" - Faltin bevorzugt den englischen Ausdruck, weil das deutsche Wort "Unternehmertum" negativ besetzt sei - mit dem Bildungsauftrag der Hochschule."An den Universitäten findet sich die intellektuelle Offenheit, in der unternehmerische Ideen gedeihen können", so sein Urteil.Ein wahres Herzensanliegen ist es Faltin, mit dem weitverbreiteten Mißverständnis aufzuräumen, daß man Betriebswirtschaft studiert haben müsse, um Unternehmer zu sein: "Wie man sich ein gutes Produkt ausdenkt, das lernt man nicht in der BWL." Daher ermuntert er auch die Studierenden der geisteswissenschaftlichen Fächer, mehr Zutrauen zu ihren Fähigkeiten zu fassen.Faltin: "Zum Unternehmer eignen sich gerade sozial engagierte, kritische und künstlerisch tätige Menschen".Die Aussicht auf finanziellen Gewinn solle bei der Entscheidung, sich selbständig zu machen, nicht das Entscheidende sein, betont der Praktiker."Viele der großen Unternehmer sind zwar sehr reich geworden, aber nicht weil sie hinter dem Geld her waren, sondern weil sie von einer großen Idee angetrieben wurden."

Faltin weiß, wovon er spricht, das hat er in der Praxis oft genug unter Beweis gestellt.Gemeinsam mit seinen Studentinnen und Studenten hat er bereits mehrere unternehmerische Projekte ins Leben gerufen und den Etablierten gezeigt, was Kreativität aus der Universität alles in Bewegung setzen kann.Weithin bekannt ist mittlerweile die "Teekampagne", ein Versandhandel für Darjeeling-Tee, der sich unter der Führung des Wirtschaftspädagogen zum bundesweiten Marktführer entwickelt hat.

Eine seiner Lieblingsmaximen lautet: "Nimm ein Problem und verwandle es in eine unternehmerische Gelegenheit." Ein solches "Problem" war etwa eine Wasserhyazinthe, die in thailändischen Seen und Teichen wie Unkraut wuchert.Faltin erkannte darin einen geeigneten Rohstoff für die Herstellung von Sesseln und Sofas - und daraus werden jetzt Wasserhyazinthen-Möbel gebaut.Seine Beispiele demonstrieren auch, daß man nicht auf High-Tech setzen muß, um als Unternehmer Erfolg zu haben.

Eine weitere Beobachtung will Faltin gemacht haben: Unternehmerisches Engagement können sich "unheimlich positiv" auf die Persönlichkeitsentwicklung auswirken."Da gibt es Leute", weiß er zu berichten, "die blühen richtig auf."

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