• Studenten sind eher weiblich, meist pummelig und malen am laufenden Band Statuetten und Körperteile in ihre karierten College-Blöcke

Gesundheit : Studenten sind eher weiblich, meist pummelig und malen am laufenden Band Statuetten und Körperteile in ihre karierten College-Blöcke

Josefine Janert

Kurz nach 10 Uhr hält die Göttin Sachmet ihre wohlgeformten Brüste siegessicher in die Berliner Luft. Ihr Löwenhaupt aus dem Jahr 1370 vor Christus schaut auf eine Gruppe Studenten der Humboldt-Universität, die im Ägyptischen Mueum auf eine Vorlesung von Christian Loeben wartet. Ägyptologie-Interessenten sind eher weiblich, meist pummelig und malen am laufenden Band Statuetten und Körperteile in ihre karierten College-Blöcke. Sie behängen sich mit Tattoo-Schmuck oder kunstgewerblichen Kettenanhängern, die ein bisschen an Woodstock erinnern. Oder an die Grabraub-Szene aus einem alten Hollywood-Film. Das Haar trägt dieser Typ Studentin streng zurückgekämmt. Diese Frisur verleiht ihr einen gewissen asketischen Ausdruck. Ob sie gestern wieder bis Mitternacht Hieroglyphen enträtselt hat?

Herr Loeben erscheint etwas später, führt die Gruppe dann aber schnurstracks unter das Tempeltor von Kalabsha, wo er gut 75 Minuten über Inschriften und Bilder referieren wird. Vorab gibt er noch einen praktischen Hinweis: In einem Kino ist eben ein Ägypten-Schinken mit Omar Sharif angelaufen. Den müsse man ja nicht unbedingt sehen. Und wenn doch: "Gucken Sie ihn sich mit kritischen Augen an!" Mit Taschenlampe ausgerüstet steht der dickliche Dozent dann unter dem Sandstein-Monument und philosophiert über Pharao und die Welt. Wenn er lacht, entblößen seine wulstigen Lippen eine gerade Reihe blitzblanker Zähne. Und er lacht oft. Man hört ihm gerne zu, er spricht völlig frei und fesselnd. Manchmal verharren sogar fremde Museumsbesucher und lauschen dem Referat. Nebenbei tollt eine Gruppe jüngerer Schulkinder durch die Räume. Wird hier die nächste Generation von Ägyptologen herangezogen?

Die ägyptische Gottheit, so erfährt die geringfügig vorgebildete Campus-Testerin, erhielt vom Pharao Opfer und gab im Gegenzug alles, was das Land zum Prosperieren brauchte. Schließlich konnten Isis und Co. "nicht selbst auf den Markt gehen", erklärt Christian Loeben. Ägypter schufen die Inschriften für die Ewigkeit, nicht etwa nur bis zum nächsten läppischen Millenniumswechsel. Entziffern konnten sie allerdings nur wenige - vielleicht ein Prozent der Bevölkerung. Aber wer las, der las laut und mit Genuss. "Jeder, der sich das heute anschaut, trägt dazu bei, dass das ägyptische Weltbild erhalten bleibt", sagt der Dozent mit Blick auf die Inschriften. Ob jemand für die Figur des Pharaos Modell gestanden hat, fragt die Campus-Testerin vorsichtig. Nein, sagt Loeben. Es sei gar nicht das Ziel gewesen, die spezifischen Gesichtszüge einer Person zu verewigen. Die Nase da auf dem Tempeltor von Kalabsha kann also das Phantasieprodukt eines Handwerkers sein. Oder das Schnieforgan eines dahergelaufenen Tempelschreibers. Beim Zepter der Isis! Und ich dachte immer, die Alten Ägypter waren wirklich so hübsch.

Rums! Plötzlich kippt eine Kommilitonin um. Kreislaufkollaps. "Sie hat letzte Nacht zu wenig geschlafen", lautet die entwarnende Diagnose. Vermutlich zuviel Hieroglyphen gemalt. Oder von den Schrecken der Pyramiden geträumt. Vielleicht doch etwas anderes? "Ich habe doch gar nichts Ekliges erzählt", sinniert Christian Loeben. Bei Berichten über das Mumifizieren würde den Studenten öfter mal schlecht, berichtet er. Schließlich zog man den Toten im Alten Ägypten das Gehirn durch die Nase, um sie auf die Einbalsamierung vorzubereiten. Das ist wahrlich ein hoher Preis für Unsterblichkeit.Die Vorlesung "Ägyptische Kunst und Archäologie I" findet, anders als im Vorlesungsverzeichnis angegeben, freitags von 10 bis 12 Uhr nicht in der Dorotheenstraße, sondern im Ägyptischen Museum, Schloßstraße 70, statt.

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