Gesundheit : Studenten-Studie: Bummelanten und Streber

Gerlinde Unverzagt

Der Pflug am Morgen macht die besten Furchen - zu dieser Einsicht könnten sich Ackerbauern von gestern und Campusarbeiter von heute verstehen, wenn sie voneinander wüssten: Die meisten Studenten bevorzugen als Arbeitszeit den Vormittag und frühen Nachmittag, machen Freitags gerne früher Schluss und wollen das Wochenende lieber frei haben. Ganz unabhängig von realen Zeitzwängen wie Kinderbetreuung, Nebenjob oder Freizeitinteressen, folgt die ideale Verteilung von Lehrveranstaltungen, wie sie Studenten vornehmen würden, wenn sie dazu die freie Wahl hätten, einem sehr traditionellen Muster.

627 Studenten verschiedener Fachrichtungen, zwischen 18 und 43 Jahren alt, fragten der Bielefelder Psychologieprofessor Rainer Dollase und sein Team danach, wie sie ihre Zeit einteilen würden, wenn sie die freie Wahl hätten. Das Ergebnis verblüfft durch Einmütigkeit: Vormittagspläne rangieren an erster Stelle, gefolgt von Siesta-Plänen, die eine zweistündige Mittagspause beinhalten. Schlusslicht in der Bewertung bilden Blockpläne, die alle Lehrveranstaltungen auf einen oder zwei Tage konzentrieren. Blockpläne kommen zwar Freizeitinteressen eher entgegen, stehen aber dem zielgerichteten Studieren eher im Wege, so die einhellige Beurteilung der befragten Studenten. "Studierende möchten das Problem der Terminvielfalt am liebsten durch einfache und relativ geschlossene temporale Muster lösen", fasst Dollase zusammen.

Viele schätzen Routine

Vor die Wahl gestellt zwischen einem Plan von 16 Semesterwochenstunden, der die einzelnen Veranstaltungen gesplittet anbietet, und einem Plan von 20 Semesterwochenstunden, die gleichmäßig auf die Zeit zwischen 10 und 14 Uhr verteilt sind, entscheiden sich nahezu alle Befragten für den deutlich längeren, aber günstiger strukturierten Plan.

Warum legen manche Studierende sich aber alle Semesterwochenstunden auf zwei Tage, während andere sie über die ganze Woche streuen? Das Bielefelder Forscherteam, bestehend aus Rainer Dollase, Tanja Schatz und Kai-Christian Koch, hat die Antwort im Charakter der Kommilitonen gefunden. Studenten, die sich als sehr gewissenhaft beschreiben, eine starke Neigung zu verständnisvollem Verhalten bekunden und Mitmenschen schneller Vertrauen entgegenbringen, bevorzugen Pläne, die eine gleichmäßige Arbeitsbelastung an den Wochentagen gewährleisten. Diese Studierenden arbeiten stetig und mögen Routinen: jeden Tag zwei Lehrveranstaltungen, die morgens beginnen, aber eine Mittagspause beinhalten. In dieser Gruppe fällt der hohe Anteil von Studentinnen und Naturwissenschaftlern auf, die überdies eher zu den älteren Semestern gehören.

Fleißige mögen es verschult

Flexible, eher unordentliche Pläne zögen dagegen weniger zielstrebige, unbeständigere und nicht so eilig Studierende an. Studenten, die sich als besonders leistungsmotivierte, gewissenhafte und rationale Planer einstufen lassen, wählten am konservativsten: "Die idealen, vom System gewünschten, aufstiegsorientierten Studenten, die ihr Studium wichtiger nehmen als die Freizeit, schnell studieren und hart arbeiten wollen, wünschen eindeutig schulähnliche Pläne mit einer geschlossenen Gestalt der Lehrveranstaltungen und frühem Beginn", sagt Rainer Dollase.

Ob sich diese Ergebnisse auf Berufstätige zwischen 20 und 30 Jahren übertragen lassen? "Da fehlen uns noch die entsprechenden Forschungen", bedauert Dollase. Jedoch stimmen ihn die an den Studierenden gewonnenen Ergebnisse im Hinblick auf die Flexibilisierungseuphorie in der Wirtschaft nachdenklich: Möglicherweise seien flexibilisierte Arbeits- und Freizeitmuster besonders für weniger leistungsfähige und ziellos dem Leben gegenüber stehende Menschen attraktiv. "Die an straffer Struktur ihrer Arbeit Interessierten werden dadurch nicht besonders angesprochen." Überspitzt könne man formulieren: "Flexibilisierte Zeitpläne sind etwas für Bummelanten."

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