Gesundheit : Studentenzeitungen: Kryptische und populäre Titel locken zum Lesen

Florian Weiss

Betrachtet man die Entwicklung der Studentenzeitungen einer Universität als Barometer für die jeweilige politische Stimmung, so kann man die Freie Universität getrost als Beispiel anführen. Seit dem überwältigenden Erfolg der Fachschaftsinitiativen bei der Wahl zum Studierendenparlament im Wintersemester 1993/94 nämlich prägen die Fachbereichszeitungen die akademische Presselandschaft der FU und sorgen für ein vielfältiges journalistisches Angebot.

Wahre Glücksmomente verspricht dabei das Magazin der Medizinischen Fakultät, das seinen Namen der amerikanischen Glücksdroge "Prozak" zu verdanken hat. Die "zwölfwochenschrift für akademischen hedonismus" beäugt mit Vorliebe aktuelle Entwicklungen im gesundheitlichen Sektor. Titelthema der aktuellen Ausgabe ist "Kranksein" und so finden sich in ihr neben Neuigkeiten aus der Forschung auch Interviews mit chronisch Kranken. Darüber hinaus wird dem Leser von einem Jugoslawen das Gesundheitssystem in seiner Heimat nähergebracht und der florierende Organhandel im Internet kommentiert. Wer sich einen Eindruck vom "Prozak" verschaffen will, der kann das auch online tun: unter www.prozak.de stehen die bisher erschienenen Ausgaben mehr oder weniger vollständig im Netz.

Bissiger Ton

Im Netz befindet sich auch der kleine bissige Fisch des Psychologischen Instituts namens "Piranha" und auf jeder seiner rund 50 Seiten erinnert dieses possierliche Tierchen den Leser daran, dass der mitunter recht bissige Ton keinesfalls Zufall ist. Inhaltlich versucht die "Piranha" immer wieder, eine Verbindung von Hochschule und Gesellschaft herzustellen und aktuelle Probleme und Debatten aus dem Blickwinkel der Psychologie zu betrachten. So beteiligte sie sich beispielsweise an den Antirassismus-Tagen der FU im Sommer 1999 und schreckte in einem Beitrag auch nicht davor zurück, einige "Verdrehungen im Kopf" des Bundesinnenministers im Hinblick auf seine Äusserungen zur Asylpolitik psychoanalytisch zu beleuchten.

Profane Germanisten

Ein wenig profaner geht es da schon bei den Germanisten zu. In der gerade erst gegründeten "Revue" liegt der Schwerpunkt nach eigenen Angaben eher auf "Sex und Drogen" und so kann sich der geneigte Leser beispielsweise an Spekulationen zum Thema "Klosprüche im Jahre" beteiligen oder aber mit Peter Lustig einen Aufklärungskurs für Fortgeschrittene bestreiten. Comics, Rezepte und Plattenkritiken runden das eher leicht verdauliche Programm ab und man merkt recht schnell, dass die Autoren daran ihre helle Freude haben: "Wir haben keinen sehr ernsthaften Anspruch, auch wenn einige Texte sehr gut gelingen. Der Spaß für uns und die Unterhaltung der Lesenden stehen im Mittelpunkt", sagt Koray Ali Günay aus der Redaktion.

Die "X83"der Publizisten hat sich auf die Fahnen geschrieben, journalistisch ambitionierten Studierenden ein "Forum zum Rumprobieren" zu bieten und die vier Redakteure haben sich für die in diesen Tagen erscheinende Erstausgabe das Überthema "Leben in Berlin" ausgeguckt. Den etwas kryptischen Namen verdankt die Zeitung der BVG: X83 bezeichnet die Buslinie, die die weit draußen in Lankwitz ansässigen Kommunikationswissenschaftler mit dem Rest der FU verbindet. Für den Fachbereich geht mit dem neuen Magazin eine lange Durststrecke zu Ende. Bereits 1998 nämlich machte die lange Jahre erscheinende Sendeschluss" ihrem Namen alle Ehre.

Geburtsstunde 1993

Deutlich länger im Geschäft ist der "Störtebeker" am Fachbereich Geschichts- und Kulturwissenschaften. Die aktuelle Ausgabe ist bereits die Nummer 42 und Studierende höheren Semesters datieren die Geburtsstunde der Zeitung auf das Jahr 1993. Mit dem Namen kann sich aber auch die heutige Mannschaft noch gut identifizieren. Gewisse linke und freibeuterische Tendenzen sowie Sympathien für Robin-Hood-Figuren seien den Machern des "Störtebekers" jedenfalls nach wie vor nicht fremd, so Hanno Hochmuth. Inhaltlich steht bei jeder Ausgabe ein Thema im Vordergrund, dem in der Rubrik "Flaggschiff" jeweils 4 bis 5 Artikel gewidmet werden. So beschäftigten sich die letzten Ausgaben zum Beispiel ausführlich mit der Entschädigung von NS-Zwangsarbeitern und dem Kosovo-Krieg.

Schwerpunktausgaben

Grosse Nachwuchssorgen hat der "agent provocateur" der Politikwissenschaftler am Otto-Suhr-Institut und die sechs bis acht Mitarbeiter müssen hin und wieder ganz schön schuften, um die Zeitung rechtzeitig fertigzustellen. Einmal pro Semester aber liefern sie in einer Schwerpunktausgabe zahlreiche kritische Artikel zu einem Thema, das in der Öffentlichkeit meist noch keine grosse Beachtung findet oder von den Medien eher einseitig behandelt wird. So beschäftigte sich die Zeitung beispielsweise mit Jugendbewegungen und erörterte Fragen der Militarisierung und Asylpolitik. Über ganz aktuelles Geschehen berichtet die "a.p. hektisch" die immer mal wieder kurzfristig herausgegeben wird und den gleichen Anspruch hat wie ihre grosse Schwester: ein Forum für alle Studierenden zu schaffen, das über mehr als die neueste Kopierpreiserhöhung zu berichten weiss.

Alles in allem steht es also gar nicht so schlecht um die Studierendenzeitungen an der FU und Martin Suchan vom AStA, der die Entwicklung schon seit etlichen Jahren verfolgt und dokumentiert, ist durchaus zufrieden mit dem Engagement der Zeitungsmacher. Einzig die zunehmende Entpolitisierung macht ihm Sorgen: "Noch in den 80er Jahren lagen jeden Tag drei bis fünf Flugblätter auf den Mensatischen. Heute ist es ungleich schwerer, die Studierendenschaft zu mobilisieren", so Suchan. Da eine informierte Studierendenschaft für die Entwicklung einer Universität aber unabdingbar sei, gibt der AStA auch selbst eine Zeitung heraus: Das Mitteilungsblatt mit dem provokanten Titel &#8222 Neues Dahlem informiert drei bis vier Mal im Semester über die Arbeit der verschiedenen Referate und erörtert aktuelle Fragen der Hochschulpolitik.

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