Gesundheit : Studie: Unis vergeben Kuschelnoten

Tilmann Warnecke

In Deutschland verlassen fast nur überragende Absolventen die Hochschulen – diesen Eindruck könnte man bekommen, wenn man auf die Examensnoten guckt. In vielen Fächern erhalten Absolventen fast durchgehend eine Eins oder eine Zwei. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Wissenschaftsrats, in der die Examensnoten der gut 226 000 Absolventen des Studienjahres 2005 ausgewertet wurden. Das Notenspektrum von „sehr gut“ bis „ausreichend“ werde nur „in den wenigsten Fällen voll ausgeschöpft“, heißt es. Professoren vergäben oft „auffallend gute Noten“.

Die besten Noten erhielten Biochemiker mit einem Durchschnittswert von 1,51. Fast 60 Prozent bekamen ein „Sehr gut“, ein Drittel die Note „Zwei“. Nur drei Prozent wurden mit Befriedigend bewertet, eine Vier erhielt überhaupt keiner. In der Rangliste der Fächer mit den besten Noten folgen mit Biologie und Physik (je 1,54), Mathematik (1,58), Psychologie (1,59), Biotechnologie und Chemie (je 1,66) weitere Naturwissenschaften. Insgesamt schließen in dem Feld 87 Prozent mit einem „Sehr gut“ oder „Gut“ ab.

Ähnlich herausragend sind auch die Abschlüsse in vielen Sprach- und Geisteswissenschaften. An der Spitze steht die Philosophie (1,67), gefolgt von Kunstgeschichte und Geschichte (beides 1,74). Germanisten liegen im Schnitt bei 1,81, Anglisten bei 1,87. In den Ingenieurwissenschaften erhalten 82 Prozent der Absolventen ein „Sehr gut“ oder ein „Gut“. In den Sozial- und Wirtschaftswissenschaften tendieren die Professoren zu etwas schwächeren Noten, sie vergeben an 90 Prozent der Absolventen ein „Gut“ oder „Befriedigend“. Vorne liegen hier Politologen (1,82) und Soziologen (1,87), es folgen Volkswirtschaftslehre (2,13) und Betriebswirtschaftslehre (2,15).

Strengere Noten verteilen allein die Prüfer in den Staatsexamensstudiengängen, zu denen auch die Lehramt-Studenten gehören. Der Staatsexamensschnitt betrug 2,6. In Medizin liegt der Schnitt bei 2,19, etwa 15 Prozent erhalten eine Eins, 50 Prozent eine Zwei, 38 Prozent eine Drei. Mit Abstand am härtesten werden Juristen bewertet; hier liegt der Notendurchschnitt bei 3,17. Beim Staatsexamen falle allerdings ebenfalls die geringe Notendifferenzierung auf, schreiben die Autoren – so bekommen die Juristen fast nur Dreien und Vieren. Die Prüfungsergebnisse seien so zwischen den Fächern „kaum vergleichbar“. Peter Strohschneider, Vorsitzender des Wissenschaftsrats, forderte die Unis auf, die Notenvergabe „transparenter“ zu gestalten. Sie täten Absolventen keinen Gefallen, wenn „es praktisch keine Notendifferenzierung“ gibt.

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