Gesundheit : Studiengebühren, Bafög, Abschlüsse, Sparzwang etc. - die Hochschule ist im Umbruch. Ein Überblick

Anja Kühne

Mit den Unis liegt so einiges im Argen, das haben Erstsemester sicher schon in der Oberstufe gehört: Die Seminare sind zu voll, die Studienzeiten zu lang. Und die meisten Studierenden müssen jobben, weil sie kein Bafög bekommen. Bei so vielen Missständen mag es manchen reizen, sich gleich zu Anfang kräftig in die Hochschulpolitik einzumischen. Allerdings: Wie ist überhaupt der aktuelle Stand? Hier ein kleiner Überblick.

Eine heftige Debatte tobt dieser Tage wieder einmal um die Einführung von Studiengebühren. Auch innerhalb der SPD gibt es Bildungspolitiker, die sich dafür aussprechen. Dabei hat die Bildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) schon im Wahlkampf immer wieder gesagt hat, ihre Partei strebe ein bundesweites Verbot an (Aktuelles dazu ist in untenstehendem Artikel zu lesen).

Genauso umstritten ist die große Bafögreform, die die SPD geplant hat. Nur noch rund 13 Prozent aller Studierenden in den alten Bundesländern bekommen Bafög, in Ostdeutschland sind es 25 Prozent. Bafög wird nur als Darlehn gewährt, das später zur Hälfte zurückgezahlt werden muss. Die Bundesregierung wünscht sich eine Förderung, die alle Studierenden ganz unabhängig vom Einkommen ihrer Eltern bekommen sollen: einen Sockelbetrag von 350 Mark. Bedürftige sollen Zuschläge bekommen, die aber zurückgezahlt werden müssen. Ob und wann es zu diesem "Drei-Körbe"-Modell kommt, ist aber nach wie vor unklar.

Diese Diskussionen gehören mit zu der großen Hochschulreform, die den Unis gerade bevorsteht und die endlich Abhilfe gegen die alten Übel schaffen soll. Eine wichtige Säule dieser Reform sind die in Deutschland seit drei Jahren neu eingeführten Master- und Bachelor-Studiengänge. Von ihnen versprechen sich die Befürworter viel: Die Massen von Studierenden, die den Unis auch im neuen Jahrtausend erhalten bleiben, sollen die Hochschulen bald schneller durchlaufen. Die meisten Kommilitonen sollen in Zukunft nämlich nach nur drei Jahren Uni in den Beruf gehen - so lange braucht man für einen Bachelor-Abschluss. Nur ein kleinerer Teil, der sich aus den "besseren" Studierenden rekrutieren würde, bliebe dann noch weitere zwei Jahre an der Uni, um den Master-Abschluss zu machen. Schon jetzt gibt es an deutschen Unis rund 130 Bachelor- und 120 Masterstudiengänge (einige Berliner Beispiele stellt der Tagesspiegel seit dem Sommer in einer Serie vor). Wie viele es aber eines Tages sein werden, ist noch unklar.

Denn bisher ergänzen Master und Bachelor das Angebot an althergebrachten Diplom- und Magisterstudiengängen nur. Im Wissenschaftsrat glaubt man, dass eine wirkliche Reform der Unis nur gelingen kann, wenn die neuen Abschlüsse das Diplom und den Magister mittelfristig ersetzen. Skeptiker halten die neuen Studiengänge jedoch für eine Schmalspurausbildung: Schließlich handelt es sich dabei um ein sehr kurze, berufsbezogene Ein-Fach-Studien und nicht wie beim Magister um ein Studium mehrerer Fächer. Die Kultusminister der Bundesländer, die gemeinsam das letzte Wort in dieser Sache zu sprechen haben, werden sich eines nicht zu fernen Tages darauf einigen müssen, ob Diplom und Magister wirklich bald ins Museum gehören.

Kürzere Studienzeiten wollen die Politiker auch erreichen, indem sie die Fachhochschulen ausbauen. Die Studiengänge dort sind "verschulter" und praxisorientierter als an den Unis. Bisher studieren erst 28 Prozent aller Studienanfänger an den Fachhochschulen, 40 sollen es nach den Vorstellungen des Wissenschaftsrats einmal werden. Manche Uni-Präsidenten, wie Ewers von der Berliner TU, wünschen sich sogar, dass die Fachhochschulen später 70 Prozent der Studierenden ausbilden, damit die Unis sich in Ruhe um den wissenschaftlichen Nachwuchs kümmern können. Für viele Uni-Professoren ist die Ausbildung der Studierenden ein lästiges Übel, die die Forschungsarbeit behindert. Diese Haltung versuchen die Fachhochschulen nun für sich zu nutzen und mehr Geld vom Staat zu bekommen als die Unis.

Eine weitere Idee der Hochschulreformer: Professoren sollen in Zukunft stärker nach ihrer Leistung bezahlt werden. Für Studierende ist das deshalb interessant, weil Professoren damit eines Tages auch für ihr besonderes Engagement in der Lehre belohnt werden könnten, sich also dann mehr um ihre Studenten kümmern. Kritiker befürchten jedoch, dass die Reform nicht weit genug gehen wird (auch hier die neusten Entwicklungen in untenstehendem Artikel).

Weil es Berlin finanziell schlecht geht, sind auch die Hochschulen extrem zum Sparen gezwungen. Zehntausende von Studienplätzen mussten bereits gestrichen werden. Zeitweise bestanden Zweifel, ob überhaupt wenigstens alle studierwilligen Berliner und Brandenburger Abiturienten in ihrer Region nach dem Jahr 2003 noch einen Platz zum Studieren finden werden. 85 000 Studienplätze soll Berlin mittelfristig haben, vor nicht langer Zeit waren es erst 115 000, dann 100 000, auf denen sich etwa 130 000 Studierende drängeln müssen. Die Unis sind deshalb dabei, drastisch Personal zu kürzen und Fächer neu zuzuordnen. Studierende spüren dies an einem kleineren Angebot an Kursen und schlechterer Betreuung.

Für Berliner Studierende interessant ist neben diesen großen hochschulpolitischen Fragen auch die Debatte um das Semesterticket. In vielen deutschen Universitätsstädten müssen alle Studierenden jedes Semester ein Ticket für den öffentlichen Nahverkehr kaufen - selbst wenn sie mit dem Rad und dem Auto zur Uni fahren. Das finden manche zwar ungerecht. Allerdings wird das Fahren mit Bus und Bahn damit für alle Studierenden besonders billig, und auch dieUmwelt profitiert.

In Berlin wird seit Jahren über ein solches Ticket verhandelt, doch ist die Lage einigermaßen festgefahren. "Semtix", eine Gruppe von Studierenden, die für die Unis spricht, hat das Angebot des Verkehrsverbunds Berlin Brandenburg als zu hoch abgelehnt. 227 Mark 50 sollte das Ticket für Berlin und Potsdam kosten. Ein Angebot nur für Berlin lag bei 215 Mark für die Tarifzonen A und B. Die "Semtix"-Gruppe hat ausgerechnet, dass schon ein Ticket für 185 Mark für die Verkehrsbetriebe rentabel wäre. Momentan könnte sich "Semtix" auch einen Kompromiss auf Probe mit 200 Mark vorstellen. "Wir würden uns gerne noch mal mit der BVG an einen Tisch setzen." Die Sprecherin des Verkehrsverbundes, Ingrid Kudirka, sagt jedoch, zwar sei sie für Gespräche offen, doch sei das Ticket für weniger als 227 Mark 50 nun mal nicht finanzierbar.

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