Gesundheit : „Studiengebühren werden nicht helfen“

Neuer „Studentenberg“: Karl Max Einhäupl, Vorsitzender des Wissenschaftsrats, fordert Bundeshilfen

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Ein neuer „Studentenberg“, der zweite nach 1977, kommt auf Deutschland zu: 450000 Studienanfänger jährlich und 2,7 Millionen Studenten bis zum Jahr 2020. Kann Deutschland versuchen, den „Studentenberg“ wie den ersten einfach „zu untertunneln“, also auszusitzen?

Angesichts des starken Anstiegs der Studienanfänger um etwa 25 Prozent wird es sicherlich nicht gelingen, durch eine Untertunnelung das Leistungsniveau der Hochschulen zu halten. Zumal wir ja ohnehin eine völlige Überlastung haben: Ein Hochschullehrer hat im Vergleich zu anderen europäischen Ländern oder den USA viel zu viele Studenten zu betreuen.

Deutschland reformiert das Studium mit Hilfe der neuen Abschlüsse Bachelor und Master. Da werden die Studenten nicht mehr 15, sondern sieben Semester studieren. Wäre das nicht ein kostenneutrales Konzept, um den neuen „Studentenberg“ gar nicht zum Berg werden zu lassen?

Nein. Wenn Bachelor und Master als die neuen Abschlüsse wirklich umgesetzt werden sollen – so wie es im Bologna-Prozess vorgesehen ist und wie es auch für die Universitäten Sinn macht –, dann muss sich das Betreuungsverhältnis der Studenten durch die Wissenschaftler gerade im Bachelor-Bereich deutlich verbessern. Das wird nur dann gelingen, wenn die Hochschulen deutlich mehr Mittel für zusätzliches Personal zur Verfügung gestellt bekommen, das sie dann in der Lehre einsetzen. Das ist aber durch die geplante Verfassungsreform erschwert, wenn nicht ausgeschlossen.

Die Länder könnten Studiengebühren einführen, um die Belastungen zu finanzieren.

Bevor wir auf das Problem des zu erwartenden „Studentenbergs“ aufmerksam geworden sind, haben die Hochschulpolitiker betont, dass die Studiengebühren die Lehre unter den schon jetzt bestehenden Bedingungen der Überlast verbessern sollen. Wenn mit den Einnahmen aus den Studiengebühren die auf uns ab 2011 zukommenden zusätzlichen Studentenmassen kompensiert werden sollen, wird der Effekt für die Verbesserung der Lehre verpuffen. Diese Begründung würde angesichts eines neuen Massenandrangs von Studierenden unter den Tisch fallen.

Man könnte auch sagen, warum brauchen wir so viele Studenten? Die starken Jahrgänge könnten sich schneller für Berufe im dualen System ausbilden lassen.

Wir reden immer von der Wissensgesellschaft. In Deutschland brauchen wir vor allem mehr akademisch ausgebildete Berufstätige. Wir werden in vielen Bereichen Dienstleistungen haben, die nur mit einem sehr hohen Ausbildungsniveau zu erbringen sind. Diese Herausforderung für die Zukunft kann man nur dadurch bewältigen, dass man mehr Studenten zu erfolgreichen Hochschulabschlüssen führt, gleichzeitig auch die Zahl der studierwilligen Abiturienten vermehrt und ihre Qualifikation verbessert. Zusätzlich sehen sich die Hochschulen vor der Notwendigkeit, die Defizite einer häufig mangelhaften Schulausbildung der Studienanfänger zu kompensieren. Das erfordert zusätzlichen Betreuungsaufwand.

Bis zum Jahre 2010 sollen fast alle Studiengänge mit Bachelor und Master abschließen. Könnte die Reform nun scheitern, wenn sich die Politiker und die Hochschulen nicht neue Finanzquellen eröffnen?

Ich kann mir nicht vorstellen, dass es bei der jetzigen Belastung der Hochschulen möglich sein wird, Bachelor und Master an den Hochschulen im Rahmen einer Sparpolitik erfolgreich umzusetzen. Unter dem neuen Massenandrang wird die allseits gewünschte Reform der Umstellung auf Bachelor und Master scheitern.

Werden die Länder in der Lage sein, den „Studentenberg“ mit eigenen Sonderprogrammen zu bewältigen?

Es gibt nur ganz wenige Bundesländer, die auf Grund ihrer wirtschaftlichen Situation annähernd in der Lage sein könnten, aus eigenen Mitteln dieses Problem zu lösen. Es gibt aber im Norden und vor allem im Osten Länder, die das nicht schaffen werden, und die sind auf Sonderprogramme des Bundes angewiesen. Ich halte es für ausgeschlossen, dass ohne eine Finanzhilfe des Bundes die drastische Erhöhung der Studierendenzahlen tatsächlich bewältigt werden kann. Ob und wie dies allerdings unter den Bedingungen der Föderalismusreform ermöglicht werden soll, ist mir völlig unklar.

Würde die Verfassung Sonderprogramme erlauben – wie sollten diese aussehen, was müssten sie kosten?

Über die genauen Kosten liegen noch keine Zahlen vor, aber die Beträge werden sicher erheblich sein. Diese Sonderprogramme können zum Ziel haben, dass die Länder mehr Hochschullehrer an den Hochschulen einstellen. Ich halte es sogar für sinnvoll, dass dann auch Dozenten, die ausschließlich lehren, an die Hochschulen geholt werden.

Heißt das, wir brauchen eine neue Personalkategorie in Gestalt des Lecturers, der qualifiziert genug ist, um die vielen Prüfungen im neuen Bachelor- und Masterstudium abnehmen zu können?

Der Wissenschaftsrat befasst sich seit geraumer Zeit mit der demographischen Entwicklung und den Auswirkungen auf das Hochschulsystem. Wir werden voraussichtlich im Januar dazu eine Empfehlung aussprechen. Aus meiner Sicht ist der Einsatz von Dozenten, die ausschließlich lehren, eine Option.

Im Augenblick werden durch die Sparpolitik Studienplätze abgebaut. Müsste man diesen Abbau nicht sofort stoppen?

Der Wissenschaftsrat hat mehrfach darauf hingewiesen, dass ein weiterer Abbau von Studienplätzen in den meisten Fächern nicht gerechtfertigt ist und dringend gestoppt werden muss.

Durch die Reform des Föderalismus wird die Bundeshilfe im Hochschulbau beendet. Nach einer Übergangszeit sollen 70 Prozent der Gelder an die Länder gehen, die dann allein verantwortlich für den Hochschulbau sein werden. Ist das sinnvoll?

Der Hochschulbau als Gemeinschaftsaufgabe ist über 35 Jahre ein wichtiges Prinzip zum Nutzen des gesamten Wissenschaftssystems gewesen. Künftig wird weniger Geld an die Hochschulen gehen, zumindest in den struktur- und finanzschwachen Ländern. Wenn ein Wissenschaftsminister am Kabinettstisch 100 Millionen Euro von seinem Finanzminister fordert, dann bekommt er dieses Geld leichter, wenn er anführen kann, dass er noch 100 Millionen Euro vom Bund dazu erhält. Der Wegfall dieses Anreizes wird es dem Wissenschaftsressort eines Landes erschweren, die Mittel für die Modernisierung der Hochschulen zu erhalten.

Die schwierigsten Jahre bei der Bewältigung des „Studentenbergs“ liegen zwischen 2010 und 2020. Wenn Sonderprogramme greifen sollen, wann müssen sie starten?

Im Grunde müssten sie längst gestartet sein. Wir müssen davon ausgehen, dass der Hochschulbau zunächst nur bis zum Jahr 2013 gesichert ist. Unklar ist, ob die Länder ihren Anteil in gleicher Höhe auch tatsächlich erbringen. Nach dem Jahr 2013 wird das Geld ohne Zweckbindung an die Finanzminister der Länder gehen, und dann wird es wahrscheinlich nicht mehr ausschließlich dem Hochschulbau zur Verfügung gestellt. Bereits heute haben die Hochschulen einen enormen Erneuerungsbedarf. Allein für Baden-Württemberg hat der Landesrechnungshof einen Sanierungsbedarf von zwei Milliarden Euro in zehn Jahren nur für die Hochschulen festgestellt.

Das Interview führte Uwe Schlicht

KARL MAX EINHÄUPL (58) ist seit 2001 Vorsitzender des Wissenschaftsrats. Seit 1992 hat der Experte für Gehirnerkrankungen eine Professur für Neurologie an der Charité inne.

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