Gesundheit : Studienplätze: Den Ast absägen, auf dem man sitzt

Bärbel Schubert

Jeden zehnten Studienplatz in Medizin und jeden dritten bis vierten in Jura wollen Politiker und Lobby-Vertreter streichen. Beide Vorhaben tragen ganz dick die Überschrift "Reform" und am Reformbedarf beider Studiengänge gibt es auch gar keinen Zweifel. Und wer würde sich schon gegen exzellent ausgebildete Ärzte, Richter und Rechtsanwälte aussprechen. Doch andere Studienfächer - ohne starke Lobby-Verbände und Kostendruck im Gesundheitswesen - müssen sich reformieren, ohne dass sie dafür gleich einen erklecklichen Teil ihrer Studentenschaft vor die Tür setzen können.

Außerdem: Die Alarmrufe der OECD, dass Deutschland deutlich weniger Akademiker ausbildet als andere Industriestaaten, so dass hierzulande eine Fachkräftelücke droht, sind erst wenige Tage her. Die Frage, wie die Politik nun für mehr Studienplätze und ein höheres Qualifikationsniveau der Jugendlichen auch in Deutschland sorgen will, ist weiterhin unbeantwortet. Statt dessen werden die alten Studienplatzabbau-Debatten wieder aufgewärmt.

Erschwerend kommt hinzu, dass es diesmal nicht um zehn Studienplätze in der Ägyptologie geht. Sowohl Medizin wie auch Jura gehören bundesweit zu den Studiengängen mit den meisten Plätzen: Jura liegt mit rund 110 000 Studienplätzen nach den Wirtschaftswissenschaften an zweiter Stelle, Medizin mit gut 82 000 an vierter. Auf längere Sicht bedeuten die aktuellen Pläne, dass über 25 000 Jura-Plätze und mehr als 8000 Medizin-Studienplätze verloren gehen. Dabei haben beide Fächer seit vielen Jahren erheblich mehr Bewerber als Ausbildungsmöglichkeiten.

Beim Nachdenken über so viel Widersinn springen andere Dinge ins Auge: Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) steht durch steigende Kosten im Gesundheitswesen unter Druck. Jeder berufstätige Mediziner wird von den Krankenkassen mit durchschnittlichen Kosten von einer Million Mark pro Jahr veranschlagt. Weniger statt mehr Ärzten eine Zulassung zu geben, würde die Kosten nach dieser Rechnung senken. Dazu kommen bei gedeckelten Budgets die Befürchtungen aus der Ärzteschaft, dass jeder neue Kollege Honorareinbußen bedeutet. Seit Jahren warnen die Medizinerverbände vor einer Ärzteschwemme. Der Fakultätentag Jura, als Fachvertretung, gibt ganz offen zu, dass ungefähr jeder dritte Jura-Student von ihnen als ungeeignet angesehen wird. Die Juristen verweisen zudem auf arbeitslose Juristen. Kurzum: Beide Hochschul-Verbände befürworten den anvisierten Studienplatzabbau und tragen ihn mit. Vielleicht gerät ihnen dabei aus den Augen, dass sie bei Studentenzahlen bezogenen Mittelzuweisungen im Hochschulbereich so mit Begeisterung den Ast absägen, auf dem sie sitzen.

Auch die Juristen halten die Qualitätsverbesserungen bei der "Reform" hoch. Das müssen sie auch; denn in Deutschland ist eine Bedarfslenkung über das Studienangebot rechtlich nicht möglich. Die Justizminister haben diese "Reform" beschlossen. Es wäre doch peinlich, wenn gerade sie die Rechtsprechung umgingen.

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