Gesundheit : Studieren – aber sicher

Die Zahl der Bewerbungen an den Berliner Universitäten ist drastisch gestiegen – vor allem, weil viele sich mehrfach bewerben

Tilmann Warnecke/Anja Kühne

Ein neues Phänomen versetzt Studienanfänger in Angst und Schrecken: Die Zahl der Bewerbungen, die den Unis ins Haus flattern, steigt von Semester zu Semester. Zumal in Berlin. Noch nie gab es so viele Bewerbungen wie zum kommenden Wintersemester. 30 000 waren es an der Freien Universität, knapp 5000 mehr als im letzten Wintersemester. In der Humboldt-Uni trafen 24 000 Bewerbungen ein, 2000 mehr als zum letzten und gleich 8000 mehr als zum vorletzten Wintersemester. Die Technische Universität zählte knapp 10 000 Bewerbungen, 2000 mehr als im Jahr zuvor. Die Fachhochschule für Wirtschaft und Technik (FHTW), Berlins größte Fachhochschule, erhielt 6000 Bewerbungen.

Die Zahl der Studierwilligen übertrifft die der Studienplätze also um ein Vielfaches: 4400 Plätze für Erstsemester gibt es an der FU, knapp 4000 an der HU, 3600 an der TU. Die FHTW kann 1580 Studienanfänger aufnehmen. An der Uni Köln, der größten deutschen Hochschule, sieht das Verhältnis ähnlich aus: Die Zahl der Bewerbungen stieg um 25 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, von 12 000 auf 15 000 – für 5000 Studienplätze. Wie in Berlin liegt auch in der Domstadt inzwischen auf allen Studiengängen ein Numerus clausus.

Drängen also immer mehr Menschen an die Unis? Die Hochschulen selbst rätseln. Sicher ist nur, dass sich viele Schulabgänger gleich mehrfach bewerben, was die Zahlen in die Höhe treibt. Doch wie viele Bewerber stehen tatsächlich hinter diesen vielen Bewerbungen? Einen Abgleich von Namen unter den Unis gibt es nicht. So kann nur spekuliert werden.

Jörg Steinbach, Vizepräsident der TU Berlin, geht davon aus, dass im Schnitt ein Drittel der rund 10 000 Bewerbungen, die die TU zum kommenden Semester auf ihre 3600 Studienplätze für Erstsemester erhalten hat, auf Mehrfachbewerbungen zurückgeht. In einzelnen Studiengängen sei es durchaus realistisch, dass selbst dann jeder einen Platz bekommt, wenn sich doppelt so viele bewerben. So hätten sich im vergangenen Jahr 600 Erstsemester um 350 Studienplätze im Verkehrswesen bemüht, am Ende sei niemand abgewiesen worden.

Während im Nebel bleibt, wie hoch die Zahl der Mehrfachbewerbungen ist, steht hingegen fest, dass die Bewerberzahlen in Berlin schon deshalb steigen, weil die Unis kaum noch Studierende im Sommersemester zulassen. Die neuen Bachelor-Studiengänge laufen im Jahresrhythmus an, zwei Zulassungstermine im Jahr würden die Kapazitäten sprengen.

An der Humboldt-Universität vermutet man auch, dass die Uni seit Jahren für Bewerber aus dem In- und Ausland immer attraktiver geworden ist – schon wegen des Bachelors. Werner Väth, FU-Vizepräsident, meint: „Wir gehen davon aus, dass die FU für Bewerber auch durch die guten Vorergebnisse im Exzellenz-Wettbewerb attraktiver geworden ist.“

Doch in der Vergangenheit sagten den Berliner Unis gleichwohl zahlreiche Bewerber ab – sie wollten lieber an einer anderen Berliner Hochschule oder im übrigen Bundesgebiet studieren. So kommt es, dass trotz des Andrangs am Ende in vielen Studiengängen Plätze nicht besetzt wurden. An der FHTW schrieben sich zum Wintersemester 2005/2006 nur 63 Prozent der Bewerber, denen die FHTW einen der begehrten Plätze zusicherte, dann auch an der Hochschule ein. „Wie gehen davon aus, dass die Studienbewerber auf Nummer sicher gehen und sich bei der Bewerbung breit aufstellen“, sagte Gisela Hüttinger von der FHTW.

„Aus Gesprächen mit Studienbewerbern wissen wir, dass sie sich an fünf bis sechs Unis bewerben“, sagt Patrick Honecker, Sprecher der Uni Köln. Gerade in Berlin kann sich das auswirken. Fächer wie BWL werden hier gleich an mehreren Hochschulen angeboten.

An der FU blieben im vergangenen Wintersemester 42 Plätze in Wirtschafts- und Rechtswissenschaft frei (an der HU 71), wie unlängst eine kleine Anfrage der Grünen im Abgeordnetenhaus ergeben hatte. In den Naturwissenschaften der FU waren es 235 Plätze (HU: 133), in den Geisteswissenschaften 247 (HU: 308). Die Grüne Lisa Paus hatte von einem „Skandal“ gesprochen.

Die Senatsverwaltung für Wissenschaft verwies dagegen auf die vielen Mehrfachbewerbungen. Sogar im Nachrückverfahren werden nicht alle Plätze besetzt, weil sich viele Studierende für eine andere Hochschule entscheiden. Würden die Unis das Nachrückverfahren aber monatelang fortsetzen, müssten die Studierenden mitten im Semester antreten.

An der FHTW soll jetzt eine Kommission prüfen, wie die Bewerber so an die FHTW gebunden werden können, dass sie nicht mehr absagen. Auch die FU will „genau beobachten“, wie sich die Studienanfänger dieses Jahr verhalten, sagt Väth. Eine Lösung für das Problem schwebt ihm auch schon vor: kostenpflichtige Aufnahmetests – zumindest in den beliebten Massenfächern.

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