Gesundheit : Studieren im Schichtbetrieb

Experten beraten über den Aufbau der Hochschulen in Afghanistan

Juliane von Mittelstaedt

Wo anfangen? Das ist eine schwere Frage für den afghanischen Hochschulminister Sharif Fayez. 16 Hochschulen muss man wieder aufbauen. Es gibt weder Wasserversorgung noch Elektrizität. Es fehlen intakte Gebäude, Dozenten, Bücher, Labore, Computer und Lehrpläne. Die Liste lässt sich beliebig fortsetzen.

„Zu allererst braucht unser Land eine umfassende Bildungsstrategie“, erläuterte der Minister am Wochenende bei einer Konferenz in Berlin. „Wir müssen schnellstens internationale Standards erreichen.“ Zwei Wochen reiste Fayez daher mit zwei Kabinettskollegen und acht Universitätspräsidenten durch Deutschland, um Politiker, Wirtschaftsvertreter, Hochschulrektoren und Wissenschaftler zu treffen. Beim Wiederaufbau setzt der Minister auch auf die traditionellen Beziehungen zu deutschen Universitäten. Den Abschluss des Besuchs bildete jetzt die Konferenz über „Fundamente für eine Bildungsstrategie in Afghanistan“.

Studierende und Dozenten der TU Berlin haben bereits dazu beigetragen, ein Rechenzentrum in Kabul aufzubauen. Nun will man helfen, auch die Hochschulen in Herat, Kandahar, Jalalabad und Mazar-i-Sharif zu vernetzen. Doch was tut man mit Computern, wenn selbst Stühle fehlen? „Der Fortschritt ist ein fahrender Zug, dem Afghanistan zu Fuß hinterherläuft“, meint Bernd Mahr, Mitorganisator der Konferenz. Aufholen könnten die Afghanen nur mit dem Internet. Elektronische Bibliotheken, Fernunterricht und globaler Wissensaustausch, so hofft der Minister, könnten relativ schnell ersetzen, woran es fehlt: Wissen des 21.Jahrhunderts.

Als vorrangig sieht Fayez auch die Modernisierung der Curricula und des Hochschulrechts an. „Alle Energie muss jetzt in den Aufbau der Lehre gesteckt werden, Forschung ist erst mal zweitrangig“, erläutert Mahr. Nationale Bachelor-Studiengänge hätten Vorrang. Diese könnten in drei Jahren dem internationalen Level angepasst und durch Master-Studiengänge ergänzt werden.

So oder so: Einige Jahre wird das Studium in Afghanistan sicher noch ein Provisorium sein wie an der Kabuler Universität, wo 8500 Studenten in zwei Schichten lernen: am Tag und in der Nacht. Und wo, wie Präsident Akbar Popal schildert, nur zehn Mikroskope zur Verfügung stehen. Fayez ist optimistisch: „Von uns aus gesehen, verbessert sich die Situation von Tag zu Tag, auch wenn das für Außenstehende manchmal nicht sichtbar ist.“

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