Gesundheit : Studieren in Australien: Als Praktikant auf dem fünften Kontinent

Daniel Wragge

Zu den jüngsten Staatsanwälten in der westlichen Welt dürften wohl die von Darwin zählen, einer Stadt mit 70 000 Einwohnern ganz im Norden Australiens, oder, wie der Reiseführer sagt, "in the middle of nowhere". Die Staatsanwältin etwa, bei der ich ein Praktikum gemacht habe, war nur 24 Jahre alt. Nach Darwin, tausende Kilometer von den nächst größeren australischen Städten wie Cairns und Alice Springs entfernt, verschlägt es eben keine erfahrenen Juristen. In der Regenzeit mit ihren Monsunen, Zyklonen und elektrischen Wirbelstürmen kann es passieren, dass es tagelang nur regnet. Die Luftfeuchtigkeit ist zu dieser Zeit erdrückend und der schon ruhige Puls der Stadt geht nochmals einen Schlag zurück.

Also lockt Darwin junge Juristen zu sich - mit einem Freiflug im Jahr nach Hause und der Chance, gleich nach dem Studium und ohne große Übergangszeit in das Berufsleben zu starten. Vielleicht finden es manche Absolventen auch reizvoll, das viel diskutierte Verhältnis zwischen Aborigines und den "neuen" Australiern selbst mitgestalten zu können. In der Gegend gibt es mehr australische Ureinwohner als in jedem anderen Bundesstaat, und sie stellen einen Großteil der Gefängnisinsassen.

Deren Fälle werden zum Teil in "Busch-Gerichten" verhandelt. Wegen der großen Entfernungen werden Richter, Staatsanwaltschaft, Gerichtsdiener und Praktikant in einer kleinen Propellermaschine eingeflogen. Auf Bathurst Island, einer selbstverwalteten Aborigines-Kommune, sitzt man im Mehrzweckraum des Gemeinschaftszentrums zu Gericht. Während von draußen aus der Mittagsglut Kinderlachen, Babygeschrei und die Stimmen einer Auseinandersetzung hineinschallen, werden drinnen, bei surrender Klimaanlage und eisigen Temperaturen, die Zeugen gehört. Im Vergleich zum "normalen" Gerichtsbetrieb ging es dabei sehr informell zu, was aber über die deutliche Diskrepanz zwischen australischem Recht auf der einen und Tradition und Lebensart der Aborigines auf der anderen Seite nicht hinwegtäuschen konnte. Die Verfahren betrafen unter anderem die unerlaubte Einfuhr von Alkohol. Mit einem strikten Einfuhrverbot erhofft man, den verbreiteten Alkoholismus in den Griff zu bekommen. Der Richter war humorvoll und weise. Er verstand es, eine angenehme und lockere Atmosphäre zu schaffen, ohne dabei gegenüber den Verurteilten seine Strenge zu verlieren. Das erlassene Urteil wurde vom Gerichtsdiener auf dem mitgebrachten Laptop getippt, auf dem portablen Drucker ausgedruckt und dem Verurteilten in die Hand gedrückt. Ein Gericht mitten im Leben und doch, wie von einem anderen Stern. Der Gegensatz der Kulturen hätte kaum deutlicher ausfallen können.

Ein anderer Fall gab einen Einblick in die oft traurige Situation junger Aborigines. Im Rausch von geschnüffelten Benzindämpfen hatte ein 14-Jähriger seinen Freund mit Benzin übergossen und ihn dann mit entzündetem Feuerzeug durch die Stadt gejagt. Ein weiterer Schwerpunkt meines Praktikums war das Verfolgen von Verhandlungen am Berufungsgericht in Darwin. Dort konnte ich sehen, wie das australisch-angelsächsische im Gegensatz zu unserem deutschen Rechtssystem funktioniert. Zentraler Bestandteil in einem Strafprozess ist die "Jury". Sie gilt es zu überzeugen, und nicht den Richter. Für den Beobachter hat das entscheidende Vorteile. Da es sich bei der Jury um zwölf "normale" Menschen handelt, die per Zufallsprinzip aus dem Wahlregister gezogen werden, müssen diese auch mit einer für Laien verständlichen Sprache überzeugt werden. Das bedeutet ein bisschen "Showbiz" und kann spannender und aufregender sein, als jeder Tom-Cruise-Action-Anwaltsfilm.

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