Gesundheit : Studieren in Polen: Im Westen des Ostens auf Englisch studieren

Anja Hennig

Wroclaw hört sich weiter an, als es ist. Dabei reichen vom Bahnhof Zoo viereinhalb Stunden mit dem IC gen Osten, um die lebendige Studentenstadt Wroclaw/Breslau im Westen Polens zu erreichen. Die kopfsteingepflasterte ulica Kuznicza führt vom barocken Hauptgebäude der Universität direkt zum "größten Marktplatz Europas" und ist immer bevölkert von jungen Menschen. Buchhandlungen und Antiquariate wechseln sich mit Milchbars und Kioskhäuschen ab. Ein überdimensionierter 20er Jahre-Schmetterling hängt kopfüber an einer Hauswand und wirbt elegant für das alte Jugendstil-Café.

Seit 1997 ist die Universität Wroclaw Partnerin im europäischen Studienaustauschprogramm "Erasmus/Sokrates" und bietet die "Polish and Central European Studies" mit zusätzlichem Polnischsprachkurs an. Dieses englischsprachige Programm ermöglicht es Ausländern, durch das europäische Kreditpunkte-System in Breslau ganz regulär Scheine zu machen. In sechs Seminaren pro Woche widmen sich die Gäste interdisziplinär Geschichte, Kultur, Politik und Wirtschaft - vor allem Polens.

Die Dozenten Bozena Shaynok und Jacub Tyszkiewicz zum Besipiel sind noch jung und vermitteln voller Elan und dennoch kritisch polnische oder ostmitteleuropäische Nachkriegsgeschichte. Sie gehörten dem politischen Widerstand in Wroclaw an, erzählen selbst und laden ehemalige "Aktivisten" zum Erzählen ein. Andere soziologisch oder politisch orientierte Seminare hingegen steigen direkt ein in Probleme und Entwicklungen der unmittelbaren Gegenwart Polens, hinterfragen Stereotypen oder diskutieren Antisemitismus und Europabilder.

Am spannendsten ist wohl das Seminar "Die Kultur Wroclaws". Beim Besuch des jüdischen Friedhofs, gotischer Kirchen, Kunstgalerien oder dem avantgardistischen Theaterlaboratorium Grotowskis wird ein anderes, altes Wroclaw, sichtbar - das der slavischen Gründung Wratislaw oder das des habsburgischen oder preußischen Breslau.

Wer die "Sokrates"-Anmeldeformalitäten an der eigenen Fakultät durchlaufen hat, sollte zumindest die polnischen Worte für "Bleistift" und "Buntstift" lernen. So heißen die von außen etwas futuristisch wirkenden Wroclawer Luxuswohnheime, in denen neben den polnischen auch ausländische Studierende WG-ähnlich für umgerechnet 150 bis 250 Mark untergebracht werden. Gibt man sich etwas Mühe, kann man auch Kontakt zu eingeborenen Kommilitonen finden, die, wenn nicht deutsch, dann englisch sprechen und an interkulturellem Austausch interessiert sind. Wem dann Privatpartys nicht reichen, der kann sich in das für Polen einzigartige Nacht- und Kneipenleben rund um den rynek, den Marktplatz, stürzen, in die Oper gehen oder einen Ausflug ins unweite Riesengebirge machen.

Besonders reizvoll ist Breslau während Sommersemesters (Februar bis Ende Mai). Dann blüht diese beidseitig der Oder liegende Stadt mit ihren zwölf Inseln, 112 Brücken und noch mehr Kirchen.

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