Gesundheit : Studium auf Spitzbergen: Nicht ohne durchgeladenen Karabiner

Thomas Veser

Eigentlich ist Jan Erik Paulsens Studium überwiegend ungefährlich. Aber ohne Karabiner würde der angehende Gletscherwissenschaftler niemals den näheren Umkreis der Siedlungen verlassen - in der rauhen Wildnis des eisbedeckten Archipels im Nordpolarmeer sind unverhoffte Begegnungen mit Eisbären nie auszuschliessen. Da auf Spitzbergen - norwegisch: Svalbard - zwischen Mai und September die Sonne nicht untergeht, kann der 23-jährige Glaziologe ohne Hast Gesteinsproben sammeln und die Ergebnisse seiner Vermessungen im Notizbuch festhalten. An den Winter konnte er sich bisher nicht gewöhnen. Bei Temperaturen von bis zu minus 20 Grad herrscht ein halbes Jahr ununterbrochen Dunkelheit. "Und das schlägt auf das Gemüt", gibt er zu.

Paulsens bevorzugtes Forschungsgebiet liegt wenige Kilometer hinter dem Wohnheim, in dem er als einer der rund 100 Studierenden des nördlichsten Universitätsinstituts der Welt eine Bude bezogen hat. Seine Schilderungen lassen nicht daran zweifeln, dass ein Aufenthalt an Norwegens jüngstem Hochschulinstitut UNIS, 1306 Kilometer vom Nordpol entfernt, den Studierenden der Fachrichtungen Arktische Biologie, Geophysik und Geologie eine abenteuerliche Alternative zum eingefahrenen Hochschulbetrieb auf dem Festland eröffnet.

UNIS wurde von den vier norwegischen Hochschulen Oslo, Bergen, Tromsö und Trondheim 1993 gemeinsam aus der Taufe gehoben. Feldexkursionen werden dort groß geschrieben, denn nur auf Spitzbergen beginnen die Forschungsgebiete für Geophysiker, Biologen und Geologen der arktischen Hemisphäre direkt vor der Haustür. Um zu vermeiden, dass Norwegisch zum Stolperstein wird, bietet UNIS sein gesamtes Programm mittlerweile in englischer Sprache an. Ungefähr die Hälfte der Studierenden stammt aus Norwegen, von den kontinentaleuropäischen Staaten ist Deutschland mit acht Studienteilnehmern am stärksten vertreten. Sie beteiligen sich überwiegend an Austauschprogrammen der EU-Hochschulinitiative Sokrates.

Bergen: Studieren im Regen

Kann UNIS bereits einen Ausländeranteil von 50 Prozent vorweisen, gibt sich die westnorwegische Universität Bergen wesentlich bescheidener; Rektorin Kirsti Koch strebt für Bergen, das bei ausländischen Gaststudenten ungeachtet der landesweit höchsten Niederschlagsmenge hoch im Kurs steht, eine Quote von zehn Prozent an. In etlichen Fächern - etwa im internationalen Studiengang "Preventive Health Work" (Gesundheitsvorsorge) - ist der Ausländeranteil bereits auf rund 50 Prozent geklettert. Im vergangenen Jahr hat Bergen ferner eine führende Rolle auf dem Gebiet der akademischen Zusammenarbeit zwischen den skandinavischen Ländern und Bildungsstätten der Dritten Welt übernommen.

Unterdessen steht Bergen vor dem Abschluss der norwegischen Universitätsreform, die seit Mitte der neunziger Jahre umgesetzt wird. Rektorin Koch kann auf eine positive Bilanz verweisen. Lehrer erhielten eine bessere Ausbildung, Beratungssysteme für Studienanfänger seien optimiert und die Verwaltung ausgebaut worden, berichtet sie. Während die Zahl der neben dem Studium arbeitenden Langzeitstudenten abgenommen habe, sei die Abbrecherquote deutlich gesunken. "Wir haben den Vollzeitstudierenden wieder an die Universität zurückgeholt", stellt Kirsti Koch zufrieden fest. Sie verweist auf heute doppelt so viele Studenten mit Staatsexamen oder Promotion wie in den achtziger Jahren: "Obwohl wir 60 bis 70 Prozent mehr Studenten haben, verzeichnen wir bessere Prüfungsergebnisse."

Im Kampf um die Einhaltung der Regelstudienzeiten schreckt das Osloer Erziehungsministerium nicht davor zurück, den Dozenten pro erfolgreichem Examenskandidaten ein Kopfgeld in Aussicht zu stellen. Eine Prämie in Höhe von 12 000 Kronen winkt im Falle einer Studentin, Studenten bringen nur 8000 Kronen ein. Dass Norwegens Studenten "so eifrig wie nie" ihrem Studium nachgehen, hängt nicht zuletzt damit zusammen, dass die staatliche Darlehenskasse die Daumenschrauben empfindlich angezogen hat. Pendantisch genau wird ihnen vorgegeben, wieviel "vekttall" (Punkte) pro Studienabschnitt erzielt werden müssen, wenn sie weiterhin auf Finanzbeistand Wert legen.

Die meisten Studierenden nehmen am starren Studienaufbau wenig Anstoß. Mit dem Examen in der Tasche werden sie viel müheloser als in anderen Ländern Arbeitsplätze ihrer Wahl finden. Kirsti Koch warnt jedoch vor Euphorie: "Engpässe zeichnen sich bereits ab", erklärt sie. Wenn die Studentenzahlen weiter sprunghaft zunehmen, "wird der öffentliche Sektor die Abgänger bald nicht mehr verkraften. Und die Privatwirtschaft zeigt sich jetzt schon vorsichtig".

Bildung als regionale Angelegenheit

Der planmäßige Aufbau der Spitzbergener Hochschule wirft ein Schlaglicht auf die Regionalförderung des 4,2 Millionen Einwohner zählenden Königreichs. Sie soll verhindern, dass dünnbesiedelte Gebiete Bewohner verlieren. Nach und nach hatte Oslo in der Vergangenheit in Bildungsfragen Kompetenzen auf Bezirke, Städte und Gemeinden übertragen. Sie gründeten daraufhin eigene Distriktshochschulen. Dank reicher Erdöl- und Erdgasvorkommen in der Nordsee war Geld für ein lange als vorbildlich gepriesenes Bildungssystems stets verfügbar.

Als Mitte der achtziger Jahre auch in Norwegen die Arbeitslosigkeit anstieg, kamen Zweifel an der Richtigkeit des eingeschlagenen Weges auf. Einer Studie zufolge hatte das Königreich vor allem bei der höheren Ausbildung spürbar nachgelassen. Der starke Anstieg der Studentenzahlen brachte Norwegens lange nachlässig behandelte Universitäten 1988 an den Rand des Zusammenbruchs. Drängten damals noch 15 Prozent eines jedes Jahrgangs an die Alma Mater, ist dieser Anteil mittlerweile auf 40 Prozent geklettert.

Nur vier Jahre benötigte der damalige Erziehungsminister Gudmund Hernes, um die unerwünschten Nebenwirkungen eines dogmatisch betriebenen Bildungsförderalismus zu beseitigen. Er reduzierte die Zahl von knapp 100 regionalen "Hochschulen", an denen zwei- bis dreijährige berufsbezogene Kurse angeboten werden, durch Fusion auf 26 Zentren. Sie erhielten einen eigenen Schwerpunkt und gewannen damit an Profil. Das wildwuchernde Angebot an Lehrgängen wurde ausgedünnt und systematisiert, um den Übergang an ein anderes Institut zu erleichtern. Wer an einer regionalen Hochschule sein Studium aufnimmt, kann nun problemlos an eine andere Bildungsstätte und an die Universität überwechseln. Zu Beginn der neunziger Jahre verabschiedete das Parlament ein Gesetz, wonach Universitäten einen Globalhaushalt erhalten. Im Gegenzug mussten sie sich verpflichten, ihre Qualität eigenständig zu verbessern.

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