Gesundheit : Studium im Ausland als Ferienlotterie

Sven Schade

Studenten im Bildungstrott sind neugierig auf Abwechslung. Viele entschließen sich deshalb irgendwann einmal in ihrem Studium zu einem Auslandssemester. Berichte von den Heimkehrern waren auf dem Symposium "Import/Export" zu hören, das die Kunsthochschule Berlin-Weißensee (KHB) zum internationalen Kunsthochschulaustausch veranstaltete. Referate informierten über europäische Bildungspolitik und Erasmus-Angebote, bei Diskussionen berichteten Austauschstudenten von ihren Erfahrungen. Dabei gerieten die kulturellen Unterschiede an europäischen Universitäten in den Blickpunkt.

Über das EU-Bildungsprogramm Sokrates werden jährlich 1600 Hochschulen gefördert, davon 245 in Deutschland. Eine Aktion dieses EU-Programms ist Erasmus, das Austauschstudenten finanziell unterstützt. Ein wenig gleicht Erasmus einer Ferienlotterie, denn einerseits haben nicht alle Bewerber Erfolg, andererseits wissen Bewerber wegen mangelnder Informationen manchmal nicht, worauf sie sich einlassen.

Wer sich zu einem Auslandsaufenthalt entschließt, sollte sich im Voraus über die Situation vor Ort erkundigen. Am wertvollsten ist ein Gespräch mit Kommilitonen, die bereits eine solche Erfahrung gemacht haben. Ansonsten kann man von der fachlichen Ausrichtung der Gasthochschule schnell enttäuscht sein. Eva Poeschel vom Akademischen Auslandsamt der KHB warnt vor übereilten Entschlüssen: "Manche haben sich gestern für Erasmus entschieden, wollen dann heute wie im Reisebüro buchen und morgen fahren."

Scheine von "überall her"

Fragen zu Sprachkenntnissen, zur Krankenversicherung oder Zimmersuche sollten rechtzeitig geklärt sein. Wer ganz konkrete Vorstellungen hat, die über Erasmus nicht zu verwirklichen sind oder von den Eltern einen Zuschuss bekommt, kann auch auf eigene Initiative seinen Aufenthalt organisieren. "Der Vorteil von Erasmus", so Karsten Heinz vom Bundesbildungsministerium, "liegt in der Garantie, dass die im Ausland erbrachten Leistungsnachweise zu Hause anerkannt werden müssen."

Dagegen fragen sich die Lehrenden der KHB, ob die einzelne Hochschule nicht ihr Gesicht verliert, wenn Studenten "Scheine von überall her" vorlegen. Angesichts des europaweiten Trends zum internationalen Austausch sollten nicht alle Ausbildungswege gleichgemacht werden. Die studentischen Erfahrungsberichte ließen jedoch wenig Gemeinsamkeiten erkennen und betonten die vorhandenen Unterschiede. Eine holländische Kunststudentin wunderte sich über die formelle Umgangsweise mit deutschen Professoren. In ihrer Heimat duzt man seinen Prof. Eine belgische Studentin ärgerte sich über zugesperrte Ateliers, deren Schlüssel nur mit einem Formular ausgehändigt werden. Dies kritisieren die deutschen KHB-Studenten schon länger und wünschen sich ein offenes Haus mit offener Arbeitsatmosphäre.

Manche Studierende bewerten die praxisorientierten Seminare an der KHB kritisch. Es könne ruhig hin und wieder mehr rumgesponnen werden, sagen sie, der Lehrbetrieb sei zu verschult. Wer jedoch eine Kunstschule in den USA besucht hat, empfindet dies wiederum als relativ und lernt die Freiräume im Stundenplan zu schätzen. Das Symposium "Import/Export" war Teil einer Diplomarbeit in Kommunikationsdesign des Studenten Florian Mohn. Er fotografierte und befragte vor allem die an die KHB "importierten" Studenten. So lassen sich ebenfalls Erfahrungen sammeln. Warum in die Ferne schweifen, wenn der ausländische Kommilitone exklusiv berichten kann?

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