Gesundheit : Studium in Israel: Pauken, jobben, feiern

Katja Solbrig

In Israel auf eigene Faust zu studieren, das geht nur mit Chuzpe. Wer über jene Mischung aus Mut und Dreistigkeit nicht verfügt, der wird das Flugzeug nach Tel Aviv gar nicht erst besteigen. Er lässt sich abschrecken von dem bürokratischen Aufwand und der mediterranen Laxheit, die die Israelis an den Tag legen, wenn es um das Beantworten von Post geht: Die Hebräische Universität in Jerusalem schickt einen Sprachtest, den ich nicht lesen kann, die Hochschule für Theater und Tanz schreibt freundlich, dass sie nicht zuständig sei, und die Tel Aviv Universität antwortet erst gar nicht. Auf Unterstützung durch Austauschorganisationen zu hoffen, habe ich schnell aufgegeben: Beim DAAD hätte ich mich zwei Jahre im Voraus bewerben müssen, als ich aber noch gar nicht wusste, dass ich meine Magisterarbeit über israelisches Theater schreiben würde, und das Sokrates-Programm der europäischen Union fühlt sich für Israel nicht zuständig. Also fuhr ich schließlich auf gut Glück los, als einzige Hilfe zusichernde Antwort hatte ich drei jeweils zweizeilige E-mails eines Professors der Universität Haifa bekommen.

Ein Studium in Israel ist teuer: Für ein Jahr an der Universität zahlen die israelischen Studenten etwa 2500 US-Dollar, trotzdem müssen sie vorher einen schwierigen Aufnahmetest bestehen. Leichter ist es, an eines der Colleges zu gehen, dafür aber noch teurer. Die Deutsche versuchte gar nicht erst zu erklären, warum die hiesige Studentenschaft sich gegen die Rückmeldegebühren wehrt.

Einzelzimmer unbekannt

Weil die Uni so viel kostet, wohnen die meisten Studenten in Wohnheimen, für etwa 100 Dollar. Großer Nachteil: Einzelzimmer sind dort noch nicht erfunden. Seufzend schicken sich die Israelis in dieses Schicksal und verwenden, wenn sie mal nicht gestört werden wollen, die gleichen Tricks und Zeichen an der Tür wie schon während der Armeezeit: Ist der Mitbewohner übers Handy nicht erreichbar, werden eben die Schuhe vor die Tür gestellt, damit klar ist, dass man nicht gestört werden will. Die meisten Israelis beginnen ihr Studium erst mit 22 oder 23 Jahren. Nach der zweijährigen (für Männer dreijährigen) Dienstzeit in der Armee hängen viele freiwillig noch ein Jahr dran, um als Offizier ein bisschen mehr Geld zu verdienen - und den obligatorisch sich anschließenden big trip nach Indien oder Südamerika zu beginnen .

Wer dann nicht mehr ein Zimmer teilen will, begibt sich auf WG-Suche. In den Unis werden, gegen Vorlage des Studentenausweises und Zahlung einer Gebühr, Listen mit Wohnungsangeboten ausgegeben. Für 250 Dollar fand sich ein schönes Zimmer im Zentrum Tel Avivs, weiter außerhalb wäre die Miete etwas billiger gewesen. Unbezahlbar sind die netten Mitbewohner.

Ist man erst einmal vor Ort, dann sind alle hilfsbereit und freundlich, worüber die vielen unbeantworteten Faxe, E-mails und Briefe schnell vergessen sind. Mein Professor, Institutsdirektor an der Uni Haifa und außerdem Dozent an der Uni Tel Aiv und der dortigen Schauspielschule, nimmt sich immer wieder Zeit für die Studentin aus Berlin, zu deren Betreuung er durch nichts verpflichtet ist. Geht es um Kontakte, die wichtig für meine Recherche wären, sagt er in den meisten Fällen: "Das ist ein guter Freund von mir, ich rufe ihn mal an." Israel ist ein kleines Land, hier kennt beinahe jeder jeden. Mein Professor nimmt mich mit ins Theater, zu Kongressen, schreibt Briefe an das Innenministerium, um mein Visum zu verlängern. Er kennt alle seine Studenten beim Vornamen, weiß um ihre Sorgen und sogar noch um die privaten Probleme seiner Absolventen. Dies, so sagt mir ein Freund, sei wirklich ungewöhnlich, aber in den meisten Fällen herrscht ein vertrautes Verhältnis zwischen Studenten und Professoren.

Englisch ist sozusagen zweite Universitätssprache. Jeder Student kann mindestens fließend englisch lesen, denn oft ist die Fachliteratur nicht ins Hebräische übersetzt. Manche Studiengänge, zum Beispiel Medizin an der Tel Aviver Universität, werden vollständig in Englisch angeboten. Vor allem Amerikaner nutzen dieses Angebot. In Jerusalem studieren viele Deutsche Theologie oder Judaistik. Bedingt durch die Einwanderung von fast einer Million Juden aus der ehemaligen Sowjetunion finden sich überall auch kyrillische Schriftzeichen auf Ausschilderungen und Bedienungsanleitungen. Wer des Englischen und des Russischen mächtig ist, muss sich nicht unbedingt ins Abenteuer des Hebräischlernens stürzen.

Seit Ende seiner Amtszeit als Botschafter in Deutschland ist Avi Primor Vizepräsident an der Uni in Tel Aviv. Um den Austausch von deutschen und israelischen Studenten zu intensivieren, hat er unter anderem die Ignatz-Bubis-Stiftung ins Leben gerufen. Auch durch das von ihm mitinitiierte "Europäische Forum" hofft er, den Wissenschaftsaustausch zu erweitern. Vielleicht wird dann auch der Weg für deutsche Studenten in israelische Hochschulen erleichtert.

Provinzielle Wüstenuni

Die Konkurrenz zwischen den Hochschulen spiegelt die Konkurrenz zwischen den Städten wider. Die Hebräische Universität in Jerusalem besticht durch eine gewisse Erhabenheit des Ortes, die Atmosphäre einer traditionellen Gelehrsamkeit, der man sich nicht entziehen kann. Tel Aviv wiederum lockt mit Strandnähe und dem Leben in der Stadt, das schon auf dem Campus zu beginnen scheint. Haifa gilt als Alternative für diejenigen, die sich nicht so recht in die ganz großen Städte mit ihren Verführungen wagen. Über die Universität in der Wüstenstadt Beer Sheva rümpfen viele unbesehen die Nase. Zu weit abgelegen in der Provinz, da reizen auch Stipendien und gute Lehrangebote nur bedingt.

Israelische Studenten sind immer ausgelastet: die Stundenpläne sind vollgestopft, Essays müssen eingereicht werden, und zum Semesterende stehen Prüfungen an, Hausarbeiten folgen. Jeder Student, egal ob er Wirtschaft, Geschichte oder Erziehungswissenschaften studiert, hat für eine Statistik-Klausur zu pauken. Und jeder jobbt nebenbei für seinen Lebensunterhalt, die Eltern zahlen schließlich schon die Studiengebühren. Einen Job zu finden ist auch für einen Ausländer kein Problem. Um in den unzähligen Cafés und Bars zu kellnern, muss man nicht unbedingt Hebräisch sprechen - allerdings beträgt der Stundenlohn nur um die sieben Mark. In anderen Bereichen verdient man ein bisschen mehr, zehn bis fünfzehn Mark.

Es ist erstaunlich, dass die israelischen Studenten neben Uni und Job immer noch Zeit zum Feiern finden. Weniger erstaunlich ist, dass sie bei dem finanziellen Druck die Regelstudienzeit meistens trotzdem einhalten. Drei Jahre dauert es bis zum Bachelor, weitere zwei zum Master. Der erste Abschluss reicht aber vielen schon aus.

Ein dreiviertel Jahr Israel brachte mir eine Magisterarbeit, eine unbestimmte Sehnsucht nach zuverlässig blauem Himmel, die Fähigkeit, von rechts nach links zu lesen, Auffrischung der verschütteten Russischkenntnisse - vor allem aber einen Intensivkurs in der israelischen Lebenseinstellung "Yiyeh beseder", es wird schon alles gut gehen.

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