Gesundheit : Süchtig nach Glück

Ob Pokern im Internet oder Daddeln am Automaten – wenn Spielen zur Sucht wird, hilft häufig nur noch eine Psychotherapie

Adelheid Müller-Lissner

Angefangen hat alles damit, dass Heinz Berger* am Spielautomaten ständig gewann. Eine Glückssträhne? „Wir sprechen in so einem Fall eher von Pech“, sagt Sozialtherapeut Jean-Christoph Schwager. Er lernte Berger erst 30 Jahre nach diesen Spielerfolgen kennen – als Patienten in der hessischen Klinik Wigbertshöhe. Diagnose: Pathologisches Glücksspiel.

„Als er bei uns ankam, zeigte der 68-Jährige deutliche Zeichen des Entzugs: Er schwitzte, war unruhig und äußerte sogar Suizidgedanken. Außerdem war er abgemagert, denn er verspielte regelmäßig seine Rente schon zu Beginn des Monats und hungerte danach“, berichtete Schwager auf einer Tagung des Vereins Glücksspiel-Sucht-Hilfe und des Bezirksamtes Pankow in Berlin.

Bei Heinz Berger war das Glückspiel zu einer Sucht geworden. Über Jahrzehnte ging er in Kasinos, wo er stilvoll mit dem Taxi vorfuhr, stets im feinen Anzug. Auch wenn er zu den exzessiven Spielern gehört, die es geschafft haben, mit ihrer Abhängigkeit zu leben, ohne Berge von Schulden anzuhäufen oder straffällig zu werden: Sein Leben bestimmt hat die Sucht dennoch. Er musste hart arbeiten, um die Verluste auszugleichen und konnte sich außer dem Spielen kaum etwas leisten.

Eine Befragung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung hat ergeben, dass in Deutschland etwa 100 000 Menschen psychisch abhängig von Glücksspielen sind (siehe Infokasten). Viele sind hoch verschuldet, haben mehrere gescheiterte Partnerschaften hinter sich und leiden zum Teil an weiteren psychischen Erkrankungen. Häufig sind Depressionen, eine bipolare (manisch-depressive) Störung oder Angststörungen. Dazu kommt die Abhängigkeit von Alkohol und Nikotin. „Spielen und Alkohol, das gehört für viele zusammen“, sagt die Psychologin Yvonne Kulbartz-Klatt, die in der Salus-Klinik im brandenburgischen Lindow Spielsüchtige behandelt.

Die Kriterien für die Diagnose stimmen fast vollständig mit denen für eine Abhängigkeit von Alkohol oder Drogen überein: Kontrollverlust, Dosissteigerung, Unfähigkeit aufzuhören, entzugsähnliche Erscheinungen, wenn man es dennoch probiert. Mehr als die Hälfte der Betroffenen hat schon mal über Suizid nachgedacht, ein Viertel hat einen Versuch hinter sich.

Dabei fängt alles mit guten Gefühlen an, mit dem Gewinn, der den euphorischen Erregungszustand auslöst und alles andere vergessen lässt. „Nur eine unbeschreibliche Wonne bemächtigte sich meiner, die vor mir zu einem Berg anwachsenden Banknoten zusammenzuraffen“, lässt Dostojewski den Protagonisten seiner Erzählung „Der Spieler“ aus dem Jahr 1866 erzählen. Der kann sich nicht vom Spieltisch losreißen, er hat den Eindruck, „das Schicksal selbst“ dränge ihn, immer weiter zu spielen, seine Seele verlange nach immer stärkeren Reizen, „bis zur restlosen Erschöpfung“. Dostojewski liefert eine genaue Beschreibung der seelischen Vorgänge, die der Autor der eigenen Erfahrung verdankt. „In der Folge kommt es zunehmend zu kognitiven Verzerrungen“, erläutert Kulbartz-Klatt. Gewinne schreibt man der eigenen Strategie zu, Verluste sind dagegen Pech.

Ob Persönlichkeitsveränderungen, psychische Labilität und Substanzmissbrauch zuerst da waren oder sich erst als Folge der Spielsucht entwickelten, sei oft nicht klar, sagt die Psychologin. Klar ist für sie jedoch, dass Menschen, die neben der Verhaltenssucht auch abhängig von Alkohol oder Drogen sind, in einer Suchtklinik am besten aufgehoben sind.

Die Auswertung der Daten von 101 Patienten, die mit der Diagnose „Pathologisches Glücksspiel“ in eine solche Fachklinik kamen, wurde jetzt in der Fachzeitschrift „Suchttherapie“ veröffentlicht. Diese Patienten aus der Klinik am Schweriner See hatten durchschnittlich schon 14,5 Jahre gespielt, nach knapp sechs Jahren hatten sie selbst den Eindruck, vom Glücksspiel abhängig zu sein. Im Schnitt spielten sie vier Stunden am Tag, der höchste Tagesverlust betrug fast 1500 Euro. Fast alle spielten an Automaten, 70 Prozent sogar ausschließlich. Beinahe jeder fünfte beteiligte sich aber auch an Kasinospielen, 13 Prozent an Sport- und reinen Geldwetten.

Die Spielsucht selbst wird heute meist verhaltenstherapeutisch behandelt: Neben einer Einzeltherapie gibt es Gruppenangebote, bei denen die Analyse des Spielverhaltens, die Korrektur von systematischen Fehleinschätzungen der Gewinnchancen und der Umgang mit Geld auf dem Programm stehen. Dazu kommen Angebote zur Stressbewältigung und Bewegungsprogramme. Im Unterschied zu vielen Abenden im Kasino scheint sich bei der Therapie der Einsatz zu lohnen. Das zeigen die Daten von der Klinik Schweriner See. Die Behandlung hat gute Erfolgschancen, und zwar unabhängig von der Zeit, die für das Spielen im Alltag abgezweigt wurde und von der Dauer der Abhängigkeit. Das passt zu den guten Erfahrungen bei der Behandlung älterer Patienten, von denen Sozialtherapeut Schwager auf der Tagung berichtete. „Eine Altersgrenze zu ziehen und nach dem Motto ‚Gönnen wir doch dem Opa sein Spielchen’ zu verfahren ist nicht gerechtfertigt.“

Heinz Berger war also gut beraten, nach 30 Jahren Spielsucht sein Glück nun wirklich selbst in die Hand zu nehmen.

Wer spielsüchtig ist oder Angst hat, es zu werden, kann sich an das Café Beispiellos der Caritas in Kreuzberg wenden, Wartenburgstraße 8. Unter der Telefonnummer 66 63 39 55 und direkt vor Ort finden Betroffene und Angehörige Rat und professionelle Unterstützung.

*Name von der Redaktion geändert

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