Gesundheit : „Süchtig nach Informationen“

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Herr Menzel, wo sitzt das Gedächtnis?

Das ist eine schwierige Frage. Die Gedächtnisspur erstreckt sich über große Strecken des Gehirns. Aber es gibt Punkte, an denen bestimmte Inhalte organisiert werden. Das deklarative Gedächtnis etwa, das für die Sprache zuständig ist, hängt eng mit dem Hippocampus zusammen.

Warum behalten manche Leute Stoff, der für eine Prüfung zu lernen ist, leichter als andere?

Hier darf man zwei verschiedene Dinge nicht durcheinander bringen: das Einspeichern und das Abrufen. Manchen Menschen liegt eine Information „auf der Zunge“, aber sie können sie nicht in der Situation abrufen, in der es drauf ankommt. Je besser schon Gelerntes miteinander verknüpft ist, desto leichter das Abrufen.

Warum merkt sich der Mensch sinnliche Eindrücke wie Bilder leichter als Abstrakta?

Das Gehirn versucht die Informationen möglichst vielfältig zu verbinden, dabei helfen solche sensorischen Anknüpfungspunkte.

Warum können sich manche Menschen Namen besser merken als Gesichter?

Die Aufmerksamkeit im Gehirn wird nicht überall gleichzeitig hingeschickt. Sie ist mehr wie ein Strahl, der einen Bereich auf Kosten eines anderen beleuchtet. Manche Menschen richten mehr Aufmerksamkeit auf Wörter.

Geht ein sehr gutes Gedächtnis zulasten der Kreativität?

Neurowissenschaftlich ist dieser Schluss nicht zu ziehen. Vielleicht haben die Menschen einfach unterschiedliche Motivationslagen. Manche haben mehr Spaß daran, neue Informationen anzuhäufen.

Gibt es eine Grenze des Speicherplatzes?

Das Gehirn ist süchtig nach Informationen. Es versucht unentwegt, Inhalte zu organisieren und miteinander zu verknüpfen. Der Speicher ist unerschöpflich, nicht aber die Aufmerksamkeit des Menschen und seine Motivation.

Was, wenn man nichts mehr vergessen kann?

Die großen Gedächtniskünstler waren alle pathologische Fälle. Wenn man der Gedankenkette nicht mehr entkommen kann, ist das wie ein geistiger Überfall.

Wie kann man dem Gedächtnis helfen?

Es gibt einige alte Erfahrungen. Dazu gehört es, den Stoff zu wiederholen, sich selbst zu motivieren und dem Gedächtnis Zeit zu lassen, sich zu konsolidieren, also Ruhephasen einzuplanen wie Schlafen oder Spazierengehen. Außerdem hilft es, unter ähnlichen Bedingungen zu lernen, unter denen später der Stoff abgerufen wird. Wenn man in einer Prüfung nicht rauchen darf, sollte man auch beim Lernen nicht rauchen. Wenn der Kandidat in der Prüfung von anderen Leuten umgeben ist, sollte er vorher nicht alleine in der Stube üben, sondern in der Bibliothek.

Das Gespräch führte Anja Kühne.

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