Gesundheit : Süchtig nach Neuem

Warum manche Jugendliche besonders anfällig für Drogen- und Alkoholmissbrauch sind

Adelheid Müller-Lissner

Die Deutschen haben in den letzten Jahren ihren Alkoholkonsum etwas eingeschränkt. Doch ausgerechnet in der jüngsten Altersgruppe gibt es einen gegenläufigen Trend: Pro Kopf und Woche nehmen 12- bis 25-Jährige heute 69 Gramm reinen Alkohol zu sich, das entspricht einem halben Liter Bier pro Tag. Noch im Jahr 2001 waren es „nur“ 54 Gramm. Sorgen macht dabei vor allem das „Binge-Drinking“ oder Rausch-Trinken: Über ein Drittel der Jugendlichen gibt an, im letzten Monat mindestens einmal mindestens fünf Drinks hintereinander genommen zu haben. Viele schlagen nur ein paar Jahre lang beim Feiern über die Stränge. Andere geraten in die Abhängigkeit. Suchtmediziner interessieren sich inzwischen zunehmend dafür, ob man diese Entwicklung voraussagen kann – und wie sie sich verhindern lässt.

Beim Kongress der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN), zu dem sich in der letzten Woche fast 5000 Fachleute in Berlin trafen, stellte der Psychologe Axel Perkonigg vom Münchner Max-Planck-Institut für Psychiatrie Ergebnisse einer Langzeitstudie vor, für die über 3000 Jugendliche und junge Erwachsene in Abständen seit 1995 befragt wurden. Dabei zeigte sich, dass die Gefahr, vom Alkohol abhängig zu werden, mit dem frühen Einstieg steigt. Vor allem ergab sich aber, dass sie sich deutlich erhöht, wenn die Jugendlichen zugleich rauchen und Cannabis konsumieren.

„Raucher konsumieren deutlich mehr Alkohol und führen beim Binge-Drinking“, so fasste auch der Psychiater Norbert Wodarz von der Uni Regensburg die Ergebnisse einer Erhebung unter Schülern der neunten Jahrgangsstufe zusammen. Aus der groß angelegten Befragung der 14- bis 16-Jährigen wollen Wodarz und seine Mitstreiter vor allem Anhaltspunkte für wirkungsvolle Prävention gewinnen. „Konsumerfahrene werden durch ihre Clique eher erreicht als durch Familie oder Schule“, resümierte der Psychiater. Deshalb wolle man jetzt gezielt beliebte Altersgenossen für die Prävention gewinnen, etwa die Klassensprecher.

„Am Beginn einer Alkoholabhängigkeit stehen meist soziale Motive, dann wird jedoch die Wirkung wichtiger, und die hat mit der Freisetzung des Botenstoffs Dopamin und einer Aktivierung des Belohnungssystems im Gehirn zu tun“, erläuterte Manfred Laucht vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim.

Schon länger ist klar, dass „Veranlagung“ bei der Entwicklung einer Alkoholabhängigkeit eine wichtige Rolle spielt. „Sie ist wahrscheinlich zu 60 Prozent genetisch bedingt, aber ein einzelnes Gen dafür gibt es nicht“, meinte Laucht. Man weiß auch schon länger, dass Jugendliche, die ein ausgeprägtes Bedürfnis nach ständig neuer Stimulation haben und sich schnell langweilen, besonders gefährdet sind. Psychologen nennen dieses – keineswegs nur negative! – Temperamentsmerkmal „novelty seeking“. Weil man vermutete, dass Besonderheiten des dopamingesteuerten Belohnungssystems die Grundlage sein könnten, hat man sich auf die Suche nach einschlägigen Genen gemacht und wurde beim Dopamin-D4-Rezeptor-Gen fündig: Eine Variante, die 40 Prozent der Bevölkerung tragen, geht auffallend häufig mit stark ausgeprägtem „novelty seeking“ einher.

Laucht und seine Arbeitsgruppe untersuchten die DNS von 305 Mannheimer Jugendlichen, die sie zuvor ausführlich über ihren Umgang mit Alkohol, Nikotin und den Konsum anderer Substanzen befragt hatten. Tatsächlich hatten die Träger der Genvariante ein ausgeprägteres Bedürfnis nach Abwechslung und Stimulation – und sie waren mit 15 Jahren weit häufiger Raucher und regelmäßige Alkoholkonsumenten.

Die detailliertere Analyse ergab dann, dass vor allem bei den Jungen das Temperamentsmerkmal das gesuchte Verbindungsglied zwischen Genvariante und problematischem Drogenkonsum sein dürfte. Psychiater Laucht wies darauf hin, dass es sich besonders häufig bei Kindern findet, die unter einem Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts- Syndrom (ADHS) leiden.

Für einige von ihnen wird auch Cannabis zum Problem. „Vor allem Jugendliche, die nicht in Behandlung sind, beginnen oft, sich mit dem Kiffen selbst zu behandeln“, sagte auf dem Kongress der Kinder- und Jugendpsychiater Michael Huss von der Charité. „Viele schwören auf den ‚natürlichen’ Stoff, weil er ohne ‚Chemie’ auskomme und deshalb an körpereigene Strukturen angepasst sei.“

Diese Unterscheidung können Huss und seine Kollegen nicht gelten lassen. „Jugendliche, die unter ADHS leiden, haben mit Cannabis ihre Probleme zunächst oft wirklich besser im Griff.“ Dann jedoch werden Antrieb und Motivation gebremst. Infolge des Cannabis-Konsums komme es häufig auch zu Angststörungen, Depressionen und das Risiko für den Ausbruch einer Schizophrenie sei erhöht, ergänzte Rainer Thomasius, Leiter der Drogenambulanz am Uniklinikum Hamburg-Eppendorf. „Die Leute, die schon immer vor Cannabis gewarnt haben, haben jetzt von der Wissenschaft Recht bekommen“, sagte Oliver Bilke, Direktor der Kliniken für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie in den Vivantes Kliniken Hellersdorf und Humboldt.

Auf einem eigenen „Schülerkongress“ der DGPPN stand das Thema deshalb mit auf dem Programm. Besondere Sorgen macht Thomasius, dass der regelmäßige Cannabis-Konsum die körperliche und seelische Entwicklung behindern kann. „Die Adoleszenz ist ja eine unglaublich komplexe Anforderung – schon für nicht kiffende Schüler!“

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