Gesundheit : Südamerikanische Riesenotter: Im Schlaraffenland der Flusswölfe

Roland Knauer

Zwei Meter lang und bis zu 32 Kilogramm schwer - Pteronura brasiliensis, wie sie unter Wissenschaftler heißen, tragen ihren Vornamen "Riese" zurecht. Im Vergleich zu ihnen sind die anderen Raubtiere am Amazonas eher klein - und streifen als Einzelgänger durch die Gegend. Eine Riesenottergruppe zählt schon einmal zehn Köpfe, daher auch der Name "Lobos del Rio", zu deutsch "Wölfe des Flusses", den die Indios den Tieren gegeben haben.

Warum aber ist dieser Otter so riesig? "Große Tiere verlieren weniger Wärme im Verhältnis zum Körpervolumen, als kleine", erklärt Christof Schenck von der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt. Besonders dramatisch könnten Energieverluste im Wasser sein, weil dort Wärme 25 mal schneller abgeleitet wird, als an der Luft. Der Eisbär beweist diesen Zusammenhang deutlich: Er lebt im kalten Wasser der Arktis und erreicht mit mehr als einer Tonne Gewicht die größte Masse aller Bären. Danach sollte allerdings der Fischotter besonders groß sein, der im kalten Wasser an den Shetland-Inseln jagt. Mit seinen rund zehn Kilogramm ist er jedoch deutlich leichter als der Riesenotter im Regenwald des Amazonasbeckens. Der Otter im Atlantik findet einfach nicht genug Fische, um größer zu werden. Ganz anders ist die Situation dagegen in Südamerika.

In den "Cochas" genannten Altarmen der Amazonasnebenflüsse gingen Christof Schenck und seiner Kollegin Elke Staib zwei bis drei Mal mehr Fische in die Fangnetze als an guten europäischen Fangplätzen. Gleichzeitig wächst der Riesenotter aus dem Beutespektrum der anderen großen Raubtiere des südamerikanischen Regenwaldes, Jaguar und Anaconda, Harpyie-Adler und Mohrenkaiman heraus. Ganz ohne Feinde in der Natur sind jedoch auch die Riesenotter nicht.

Raubtiere schnappen sich gerne die praktisch wehrlosen Jungtiere. Ausgerechnet in dieser Zeit aber muss das Weibchen mehr als sonst jagen, weil es ja zusätzlich seine Jungen ernähren muss. Da bliebe eigentlich keine Zeit, die tolpatschigen Jungtiere zu beschützen, wenn sich die Riesenotter nicht mit einem Trick behelfen würden. In den ersten Monaten spielen die älteren Geschwister aus dem Vorjahr Babysitter, während der Rest der Gruppe Fische jagt. Die Sozialstruktur der Riesenotter ähnelt also tatsächlich der von Wölfen. Doch auch im Schlaraffenland der Flusswölfe gibt es einen Überfeind, den Menschen.

Lärm, Gestank und Schmutz

Obwohl die Jagd seit Jahrzehnten praktisch aufgegeben ist, erholen sich die Bestände kaum: Weniger als fünftausend Tiere fischen in den Gewässern Südamerikas, schätzen Christof Schenck und Elke Staib. Ölkonzerne suchen zum Beispiel im gesamten Departement Madre de Dios nach dem schwarzen Gold. Lärm, Gestank und Schmutz vertreiben die scheuen Flusswölfe aus den Altarmen. Goldsucher, Siedler, aber auch Touristen, die mit Einbäumen über die Cochas fahren, erschrecken die Tiere.

Normalerweise schlagen sie Eindringlinge in die Flucht, indem sie wutschnaubend direkt vor ihnen aus dem Wasser hochschießen. Von diesem Schauspiel lässt sich ein Mohrenkaiman schon beeindrucken, ein Tourist dagegen kaum. Dieser freut sich im Gegenteil über den zutraulichen Otter, der vor ihm "Männchen" im Wasser macht. Wie Foto-Touristen trotzdem auf ihre Kosten kommen, zeigen er und Elke Staib im Manu-Nationalpark. Stege, Plattformen und Türme geben den Touristen dort vom Ufer aus die Möglichkeit, die empfindlichen Tiere zu beobachten.

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