Gesundheit : Süßes im Blut

Fünf Millionen Deutsche sind wegen Diabetes in Behandlung - wer sein Gewicht reduziert, kann auch das Krankheitsrisiko beträchtlich senken

Adelheid Müller-Lissner

„Millionen Deutsche haben Diabetes – und wissen es nicht!" Dieser Slogan war vor kurzem auf zahlreichen Plakatwänden in Berlin zu lesen: eine Aufforderung der Deutschen Diabetesstiftung an die Bürger, auf Warnsignale zu achten und den Blutzuckerspiegel messen zu lassen. Doch wer sollte die Aufforderung beherzigen? Und vor allem: Was hat man davon, dieser stummen Krankheit früh auf die Schliche zu kommen?

Andreas Pfeiffer ist Diabetes-Spezialist am Berliner Uniklinikum Benjamin Franklin und arbeitet zugleich am Deutschen Institut für Ernährungsforschung in Potsdam-Rehbrücke. Eine erste Antwort auf die Frage nach dem Nutzen der Früherkennung steckt schon im Namen der Institutionen: Zwischen Ernährung und Diabetes bestehen enge Zusammenhänge. „Möglicherweise kann durch eine radikale Diät und ein Bewegungsprogramm das Rad ganz ohne Medikamente noch einmal zurückgedreht werden“, sagt Pfeiffer.

Das gilt wohlgemerkt nicht für den seltenen Diabetes mellitus vom Typ 1, bei dem das körpereigene Abwehrsystem die Zellen in der Bauchspeicheldrüse zerstört, die für die Insulinproduktion zuständig sind. Die Rede ist vielmehr vom Typ-2-Diabetes („Alterszucker“). Hier wird das Hormon zwar produziert, doch es kann in den Körperzellen immer weniger Wirkung entfalten, weil sie mit der Zeit abstumpfen und „insulinresistent“ werden.

Die Bauchspeicheldrüse reagiert darauf zunächst mit verstärkter Produktion, fühlt sich aber irgendwann überfordert und geht in einen verhängnisvollen vorzeitigen Ruhestand. Diese Form des Diabetes ist eine Volkskrankheit geworden: Über fünf Millionen Deutsche sind deshalb in Behandlung. Doch man rechnet mit mindestens zwei Millionen weiteren, unerkannten Fällen.

Die Gene entscheiden darüber, ob ein Mensch für die Zuckerkrankheit anfällig ist. Aber die Gene haben sich in den letzten 50 Jahren nicht verändert. Die Zahl der Diabetiker soll sich hingegen verzehnfacht haben.

Eine Frage des Lebensstils

Bei der Frage, ob die Anlage für die Zuckerkrankheit zum Tragen kommt, hat also auch der Lebensstil eine große Bedeutung. Diabetes ist meist die Spitze eines Eisbergs namens „Metabolisches Syndrom“. Dazu gehören eine Fettstoffwechselstörung, Übergewicht und hoher Blutdruck. Große Studien haben inzwischen gezeigt, dass Menschen mit einem hohen Diabetes-Risiko, bei denen schon ein Vorstadium vorliegt, ungeheuer davon profitieren, wenn sie nur ein bisschen gesünder leben.

Die Kosten-Nutzen-Relation sieht zu diesem Zeitpunkt, wenn Tests eine Störung der Glukose-Toleranz ergeben, noch ausgesprochen günstig aus: Teilnehmer an einer amerikanischen und einer finnischen Studie nahmen im Durchschnitt 3,8 Kilo ab. Das Diabetes-Risiko verringerte sich dadurch um 60 Prozent. „Man kann also das Auftreten der Erkrankung gewaltig hinausschieben, wenn man nur wenig an Gewicht abnimmt, sich eine halbe Stunde täglich bewegt und seinen Speisezettel so zusammenstellt, dass wenig gesättigte Fette und relativ viele faserreiche Produkte darin vorkommen", sagt Pfeiffer.

Doch wie die Erfahrung zeigt, ist dies in den meisten Fällen leichter gesagt als getan. „Die Zahl der Menschen, die wirklich abnehmen können, ist klein. Mit den bisherigen Abnehm-Programmen erreichen nur fünf Prozent der Teilnehmer eine dauerhafte Gewichtsabnahme“, sagt der Wissenschaftler. „Wir verstehen die Mechanismen, die bei der Regulation des Körpergewichts eine Rolle spielen, noch zu wenig."

Auf der Suche nach körpereigenen Substanzen, die dabei mitwirken, ist man aber inzwischen schon mehrmals fündig geworden. Freie Fettsäuren spielen dabei eine Rolle und das Sättigungssignal Leptin. Zudem macht jetzt ein Hormon namens Adiponectin von sich reden, das an der Einstellung des Energiehaushalts beteiligt ist. Offensichtlich schützt der Stoff, der ausschließlich in Zellen des weißen Fettgewebes gebildet wird, auch vor Diabetes.

In der Nähe des Gens, das den Bauplan für Adiponectin liefert, finden sich Gene, die bekanntermaßen mit dem Diabetes-Risiko in Zusammenhang stehen. Erst kürzlich ist in der Medizinzeitschrift „Lancet" eine Studie erschienen, in der Wissenschaftler aus Potsdam und Berlin unter Federführung von Joachim Spranger nachweisen konnten, dass wenig Adiponectin im Blut mit einem erhöhten Diabetes-Risiko einhergeht. Sie stützten sich dabei auf Daten, die in Potsdam für eine große europäische Studie erhoben wurden, und verglichen die Hormonspiegel von 192 Studienteilnehmern, die in den folgenden drei Jahren an Diabetes erkrankten, mit denen von 384 gesunden Kontrollpersonen. „Von allen Substanzen, die bisher getestet wurden, ist Adiponectin diejenige, die das Risiko am besten vorhersagt", resümiert Pfeiffer.

Eine neue Gruppe von Medikamenten, die Insulinsensitizer, die die Empfindlichkeit des insulinabhängigen Gewebes verändern, erhöhen auch den Adiponectin-Spiegel. Ihre Wirksamkeit wird derzeit noch in Studien getestet. Heute geschieht der Einstieg in die medikamentöse Therapie meist mit Tabletten, die an verschiedenen Stellen in den Glukose- und Insulin-Stoffwechsel eingreifen. Biguanide erhöhen die Verwertung der Glukose, Acarbose verzögert deren Aufnahme aus dem Darm und flacht dadurch „Zuckerspitzen“ im Blut ab. Sulfonylharnstoffe erhöhen den Insulinausstoß ins Blut.

Der Pillen-Mix

Der Stoffwechsel des Diabetikers muss auf optimale Werte eingestellt werden. Denn sonst drohen langfristig gefährliche Veränderungen der Blutgefäße, die in dramatische Folgekrankheiten münden. Neben Schlaganfällen, Herzinfarkten und Nierenversagen können das Blindheit und Amputationen sein. Eine europäische Erhebung von 1998 ergab, dass die Hälfte aller Typ-2-Diabetiker irgendwann von Folgeschäden betroffen ist.

Wenn die oralen Antidiabetika nicht ausreichen, bleibt das Insulin. Es muss nach wie vor gespritzt werden und löst bei vielen Patienten Ängste vor dauerhafter Abhängigkeit aus. Zu Unrecht, wie Pfeiffer erklärt. Manche Patienten können auch wieder „ohne“ leben, wenn der Stoffwechsel sich normalisiert.

Viele Zuckerkranke müssen allerdings zehn oder mehr verschiedene Medikamente einnehmen: Neben einer Diabetes-Kombinationstherapie stehen meist Tabletten zur Senkung des Blutdrucks und der Blutfettwerte auf dem Programm, dazu kommen die Pillen fürs Herz. Die Anzahl kann entmutigen.

Pfeiffer versichert jedoch: „Mehr Therapie heißt beim Diabetes nicht, dass man kränker wird." Aus der Forschung werden vielleicht in den nächsten Jahren weitere, ganz anders wirkende Medikamente hervorgehen. Etwa Substanzen, die den Zellen vorspiegeln, dass ihnen zu viel Energie geliefert wurde, so dass sie mehr Fett verbrennen. Nicht allein Diabetiker werden daran interessiert sein.

Siehe auch im Internet unter

www.diabetesstiftung.de

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