Gesundheit : Svensson ist fleißig und schüchtern - die Forschungen und vor allem die Ergebnisse stehen in der Kritik

Josefine Janert

Was nach dem Zweiten Weltkrieg wohlweislich als tabu galt, kommt seit den achtziger Jahren wieder in Mode. Auch in Nordeuropa beschäftigen sich Sozialwissenschaftler wieder mit einem Phänomen, das man früher mit dem Begriff "Nationalcharakter" beschrieben hat. Durch die rassenbiologischen Forschungen der Nationalsozialisten ist jedoch eine Volkskunde auch international in Verruf geraten. Untersuchungen über nationale Eigenheiten eines Volkes, gar des eigenen Volkes, scheinen seitdem vielen europäischen Wissenschaftlern suspekt, während in den USA schon seit Jahrzehnten entsprechende Studien veröffentlicht wurden.

Doch mit der steigenden Anzahl der Fernreisen, der Einwanderer, den verbesserten Möglichkeiten, im Ausland zu studieren und zu arbeiten, kurz: mit der Internationalisierung, wächst auch das Bedürfnis, sich über das nationale Selbstbild nicht nur am Stammtisch zu unterhalten.

Die wissenschaftliche Suche nach dem, was nationale Identität ausmacht, ist ein faszinierendes und gleichzeitig riskantes Projekt. Denn heute ist es allgemein üblich, die Nation oder die ethnische Gruppe nicht mehr als etwas Uraltes, Gottgegebenes, Natürliches, sondern vielmehr als Konstruktion zu betrachten und nach den Ursachen des Zusammengehörigkeitsgefühls zu fragen. Wie schreibt man also ein Buch über deutsche oder über finnische Mentalität - ohne sich dabei lächerlich zu machen oder zu riskieren, in aller Öffentlichkeit als kruder Nationalist dazustehen?

Dem Stockholmer Ethnologen Ake Daun ist der heikle Balanceakt offensichtlich gelungen. Sein 1989 erstmals publiziertes Buch über "Schwedische Mentalität" liegt inzwischen nicht nur in mehreren schwedischsprachigen Neubearbeitungen, sondern auch in einer englischen Version vor. Unzählige Aufsätze folgten. "Es sind vor allem Einwanderer, die mein Buch lesen", sagt Professor Daun. "Sie wollen die schwedische Gesellschaft besser verstehen."

Anhand von statistischem Material, von Umfragen über gesellschaftliche Werte und über typisch schwedische Gewohnheiten, mit Hilfe von Feldstudien und Interviews fand Ake Daun heraus, durch welche Eigenheiten sich Sven und Svenja Svensson, also die schwedischen Normalverbraucher, auszeichnen: Sie sind ernsthaft, fleißig, sachlich, schüchtern, vernünftig und zuverlässig. Wenn sie sich mit Nachbarn, Kollegen und Freunden unterhalten, vermeiden sie Konflikte und wissen zwischen Privatem und Öffentlichem genau zu unterscheiden. Wie Ausländer die Schweden sehen, auch diese Erkenntnisse flossen in Dauns Buch ein. Vielen fällt es schwer, zu Normalverbraucher Sven Svensson näheren Kontakt zu bekommen. "Schweden bevorzugen den Umgang mit Personen, die sie seit längerem kennen", sagt der Ethnologie-Professor. In das private Beziehungsnetz werden Neulinge nicht so einfach hineingelassen.

Ake Dauns Beschreibung liegen Überlegungen über die so genannte "modale Persönlichkeit" zugrunde, eine Art Durchschnitts-Svensson mit Eigenschaften, die von der schwedischen Bevölkerung im Allgemeinen hoch geschätzt werden. Dass gerade diese und keine anderen Werte hochgehalten werden, lässt sich in vielen Fällen mit Hilfe der Geschichte erklären, der langen Tradition der Demokratie und Gewaltlosigkeit, der geographischen Lage des Landes fernab von den politischen Konflikten, die Europa in den letzten Jahrhunderten erschütterten. Doch die Untersuchung muss auch mit vielen Fragezeichen versehen werden: Selbst in diesem relativ homogenen Staat kann man die Unterschiede zwischen sozialen Schichten, Generationen und Landesteilen nicht übersehen. Und der "Nationalcharakter" ist, wie Ake Daun selbst feststellt, "keine konstante Größe, sondern verändert sich unglaublich schnell."

Dennoch sind die Forschungen von Daun und Kollegen weltweit beachtet worden. In Kanada und Australien, selbst im fernen Korea interessiert man sich für schwedische Mentalität und schickt Journalisten nach Stockholm, um sie zu erkunden und sich den Sozialwissenschaftlern an die Fersen zu heften. Schließlich wurde der heikle Mittelweg des Wohlfahrtsstaates zwischen Ost und West nach dem Zweiten Weltkrieg im Ausland kritisch beäugt, und man fragt sich, was nun aus dem EU-Mitglied Schweden wird. Auch der Ruf der sexuellen Freizügigkeit, der dem Land trotz seiner steifen Umgangsformen immer noch anhaftet, provoziert Neugier. Sorgten doch die Szenen vieler Ingmar-Bergman-Filme im In- und Ausland für Zündstoff in den Debatten über Ehe und Familie.

Dass man sich nicht nur in Schweden, sondern auch in den nordischen Nachbarstaaten verstärkt mit nationaler Identität auseinandersetzt, hängt auch mit den veränderten politischen Verhältnissen zusammen. Nicht mehr die Klüfte zwischen Ost und West bestimmen die Realität, sondern die EU und das Zusammenwachsen Europas. "Wir wollen wissen, welche Stärken und Schwächen wir in die europäische Familie einbringen", begründet die Ethnologie-Professorin Satu Apo von der Universität Helsinki den regen Zulauf, den das Institut für Folkloristische Studien seit Beginn der neunziger Jahre verzeichnet.

Mit Hilfe von Archivmaterial, Interviews und Beobachtungen untersuchen Studenten und Wissenschaftler den "Finnish Way of Life". Sie beschäftigen sich zum Beispiel mit dem Freizeitverhalten von Jugendlichen. Welche Angewohnheiten haben 12-Jährige, und wo lernen sie ihren ersten Sexualpartner kennen? Für sie ist wichtig, dass ihre finnischen Eltern im Gegensatz zu vielen anderen Kulturen sehr liberal sind, glaubt Satu Apo.

Der Geschichts-Professor Matti Peltonen, der schon etliche einschlägige Aufsätze veröffentlicht hat, betont den Unterschied zwischen Selbstbild und nationaler Identität. Während das Selbstbild durch die aktuellen Beiträge von Künstlern, Wissenschaftlern und Journalisten geprägt ist, verändert sich die Identität nur langsam. Mit ihr verbinden viele Finnen Gedanken an Sauna-Rituale und Mittsommerfeste, an Weihnachtstraditionen und andere Bräuche, die im Ausland als typisch skandinavisch wahrgenommen werden. Viele Werte, die in Finnland hochgehalten werden, ähneln denen, die der Ethnologe Ake Daun als typisch schwedisch beschrieben hat. In beiden Kulturen werden Ehrlichkeit und Fleiß geschätzt, Zurückhaltung und ein enges Verhältnis zur Natur.

"Doch während viele Schweden diese Werte positiv sehen, sind sie in Finnland negativ belegt", glaubt Matti Peltonen. Warum, ist nicht eindeutig zu klären. Mit Sicherheit hängt das negativ gefärbte Selbstbild aber damit zusammen, dass Finnland jahrhundertelang Austragungsort für die Konflikte zwischen den benachbarten Großmächten war und erst 1917 seine Unabhängigkeit erreichte. "Es ist in Finnland nicht üblich, Nationalstolz zu zeigen", sagt die Sozialwissenschaftlerin Laura Stark-Arola. Die Amerikanerin kam 1984 als Austauschstudentin nach Helsinki und wohnt jetzt ständig dort. "Die finnische Gesellschaft ist übersichtlich und sicher - es ist leicht, hier zu leben", begründet sie ihre Entscheidung.

Gleiches könnte man auch über Dänemark, Schweden oder Norwegen sagen. Für Außenstehende sind die Unterschiede zwischen den nordeuropäischen Nachbarn ohnehin nicht so sichtbar, obwohl der Ethnologie-Professor Ake Daun etliche aufzählen kann. Er glaubt zum Beispiel, dass der Durchschnitts-Finne im Unterschied zu Sven Svensson weniger häufig Konflikte vermeidet und sich von gesellschaftlichen Hierarchien stärker beeindrucken lässt. Noch interessanter als diese kleinen kulturellen Differenzen ist wohl die Frage, warum und wie sich Wissenschaftler damit auseinandersetzen. Und von wem ihre Untersuchungen gelesen und gebraucht werden.Ake Daun: Swedish Mentality. Pennsylvania State University Press. ISBN-Nummer 027 101 5012, etwa 33 Pfund. Englischsprachige Informationen über finnische Identität im Internet: http://virtual.finland.fi

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