Syphilis : „Vor dem Spiegel, welch ausgemergelter Körper“

Berlin, Hauptstadt der Syphilitiker – es war die Meldung der letzten Woche. Aber wieso gibt es diese Krankheit noch? Und was tut sie dem Menschen an? Die neuesten Daten und ein sehr altes Dokument

Schon mit 17 Jahren, kurz nach seiner Ankunft in Paris, steckte sich der 1840 in der Provence geborene Schriftsteller Alphonse Daudet mit Syphilis an – nach eigenem Bekunden bei einer Dame „aus der höchsten Gesellschaft“. Nach einer Qecksilberbehandlung ruhte der Erreger – Daudet heiratete, bekam drei Kinder und hatte viele Affären. Nach einigen Jahren traten Schmerzen auf, und als das Bakterium sein Rückenmark befallen hatte, bekam Daudet immer häufiger Krampfanfälle und Lähmungen. Mit 47 Jahren begann er „den Schmerz“ (La Doulou) zu beschreiben – acht Jahre lang. Alphonse Daudet kannte Émile Zola, Edmond de Goncourt und Gustave Flaubert, doch anders als das Werk seiner Autorenfreunde ist Daudet weitgehend vergessen. Nur sein „Schmerz“, der erst 1930 veröffentlicht wurde, fasziniert noch heute viele.



„Vor dem Spiegel meiner Kabine, beim Duschen, welch ausgemergelter Körper! Was für ein komischer kleiner Alter ich doch plötzlich geworden bin. Mit einem Satz von fünfundvierzig auf fünfundsechzig. Zwanzig Jahre, die ich nicht gelebt habe.

Die Dusche… Im Hintergrund, der Fechtsaal… Das Geklirr der Degen. Der Anblick dieses physischen Lebens, an dem ich nicht mehr teilnehmen kann, löst tiefe Traurigkeit in mir aus.

Was für eine Qual von den Duschbädern durch die Champs-Élysées zurückzugehen. Das Bemühen, aufrecht zu gehen, die Angst vor einem dieser stechenden Schmerzanfälle – die mich auf den Schlag innehalten lassen oder mich verdrehen, mich zwingen, wie ein Scherenschleifer das Bein zu heben.

Erinnerung an meinen ersten Besuch bei Dr. Guyon, Rue de La Ville-l'Évêque. Er untersucht mich; Blasenkontraktion; ein wenig gereizte Prostata, eigentlich nichts. Und mit diesem Nichts begann alles: Die Invasion.

Sehr alte Vorboten. Eigentümliche Schmerzen: feurige Flammenstrahlen, meinen Körper zerschneidend, entzündend. Augenbrennen. Fürchterlicher Schmerz bei Lichtreflexen. Seither Kribbeln in den Füßen. Zuerst Empfindlichkeit gegenüber Geräuschen: Schaufel, Feuerzangen am Herd, nervenzerfetzendes Türklingeln, Uhr, Spinnennetz, an dem die Arbeit um vier Uhr morgens beginnt. Übertriebene Reizbarkeit der Haut, Schlafstörungen, dann Spucken von Blut. Harnisch auf der Brust. Meine erste Erfahrung mit diesem Gefühl. Zuerst Atemnot, aufrechtes Sitzen im Bett, Verstörtsein.

Erste Anfänge der Krankheit, die mich überall abtastet, sich einzunisten versucht. Für einen Moment Flimmern, Doppeltsehen; dann die Dinge zweigeteilt, die Buchstaben eines Wortes, zur Hälfte gelesen, wie mit einer Hippe zerteilt; sichelförmiger Schnitt. Meine Freunde, das Schiff sinkt, ich gehe unter. Die Fahne hängt noch am Mast, aber überall brennt es, selbst unter Wasser. Der Anfang vom Ende. Es ist mir gleich, ob meine Kanonenschüsse nicht treffen oder das Schiff sinkt. Ich werde kämpfend untergehen.

Schon lange kein Morphium mehr genommen, seit der Bromeinnahme.

Mit Goncourt zu Abend gegessen, angeregtes Plaudern bis nach elf Uhr, befreiter Geist. Schlechte Nacht, gegen drei Uhr aus dem Schlaf hochgefahren; keine Schmerzen, aber voller Angst vor dem Schmerz. Musste nochmals Chloral einnehmen – ich benötigte dreieinhalb Gramm für die Nacht –, dann zwanzig Minuten gelesen. Meine Vorstellungskraft begehrt fast nichts von dem Buch, nur einen Rahmen, in dem sie dahintreiben kann.

„Ich mache drei zusätzliche Löcher in meinen Gürtel und schnalle ihn dann enger“, sagt der gute alte Dummkopf an Hungertagen. Welch exzellenten Reisenden hätte ich in Zentralafrika abgegeben, ich, mit meinen eingesunkenen Rippen, der ewige Gürtel, den ich trage, Löcher des Schmerzes, das für immer verlorene Verlangen nach Essen.

Sehr eigenartig diese Angst, die mir der Schmerz gegenwärtig bereitet. Er ist erträglich, und trotzdem kann ich ihn nicht ertragen. Er ist grausam; und der Ruf nach Betäubungsmitteln wie ein Hilfeschrei, ein weibisches Kreischen vor der eigentlichen Bedrohung.

Keine Kraft mehr. Auf dem Boulevard Saint-Germain kommt mir von oben ein Wagen entgegen. Die Fahrbahn überqueren, was für eine Grausamkeit! Keine Sehkraft mehr, es ist unmöglich, zu rennen oder auch nur eilig zu gehen. Die Schrecken eines Achtzigjährigen.

Erinnerung. Schwäche.

Duruy sprach zu mir von seiner Betroffenheit über den Verfall meiner Gesichtszüge, auf dem Duellierplatz, inmitten dieses Dramas. Eine Aushöhlung, die bleibt.

Jeden Abend fürchterliche Thoraxspasmen. Ich lese lange, im Bett sitzend – die einzige erträgliche Position; armer alter verwundeter Don Quichotte, auf dem Hintern in seiner Rüstung.

Dann das Chloral, das Klappern meines Löffels im Glas, das Ausruhen.

Monatelang hält mich dieser Harnisch fest, den ich nicht habe loswerden können, kein Durchatmen.

Nachts durch die Flure irrend, ich höre es von vielen Türmen vier Uhr schlagen, von vielen Wanduhren, nahen oder fernen, und das zehn Minuten lang. Warum nicht alle zur gleichen Zeit?

Wie ich gestern Abend gelitten habe – die Ferse und die Rippen! Die Qual … keine Worte, um das auszudrücken, es bedarf lauter Schreie.

Die im Schmerz (wie auch in der Leidenschaft) liegende Wahrheit, können Worte sie wirklich fassen? Sie fließen erst wieder, wenn alles vorbei ist, wenn die Dinge sich wieder beruhigt haben. Sie sprechen nur von Erinnerung, kraftlos oder unwahr. Keine allgemeine Theorie vom Schmerz. Jeder Patient legt sich seine eigene zurecht, und das Übel verändert die Tonlage, wie die Stimme eines Sängers, je nach der Akustik des Saales.

Das Morphium. Seine Folgen für mich. Immer häufiger Übelkeit.

Schreiben manchmal unmöglich, so zittert die Hand, besonders wenn ich stehe.

Der Geist noch immer klar, aber die Fähigkeit, Mitgefühl zu empfinden, stumpft ab. Früher war ich ein besserer Mensch.

Manchmal frage ich mich, ob ich mir nicht den Impfstoff Pasteurs verabreichen lassen sollte, so sehr erinnern mich diese Erstickungskrämpfe an die Tollwut.

Heute erwarte ich nicht mehr, wieder gesund zu werden – nur noch, meinen jetzigen Zustand aufrechtzuerhalten.

Verschiedene Arten des Schmerzes. Manchmal unter dem Fuß, wie eine Schnittwunde, winzig – ein Haarriss. Oder aber Stiche eines Taschenmessers unter dem Zehennagel. Und in all diesem Leiden ständig den Eindruck einer Rakete, die steigt, steigt, um im Kopf zu explodieren. – Unerträgliche Schmerzen in der Ferse, die sich beruhigen, wenn ich das Bein bewege. Stunden, halbe Nächte lang meine Ferse in der Hand.

Drei Monate später.

Ich gehe wieder in die Duschräume. Ein neuer eigenartiger Schmerz, wenn man mich danach abtrocknet und meine Beine abreibt. Es sind die Nackensehnen – die rechte Seite beim Abreiben des linken Beins und die linke Seite beim rechten Bein. Eine Tortur, zum Losschreien.

Il Crociato. Die Kreuzigung, ja, das war es, in der letzten Nacht. Die Marter des Kreuzes, Verdrehung der Hände, der Füße, der Knie. Der grobe Strick lässt den Körper bluten, Lanzenstiche in die Seiten. Um meinen Durst zu lindern, ein Löffelvoll Bromjodid mit dem Geschmack nach bitterem Salz auf meine brennenden Lippen, die aufgesprungen, ausgetrocknet, vom Fieber verkrustet sind.

Der Schmerz führt ein Eigenleben.“


Das Buch, auf Deutsch unter dem Titel „Im Land der Schmerzen“ beim Manholt Verlag Bremen im Jahr 2003 erschienen (Übersetzung Dirk Hemjeoltmanns), ist vergriffen, kann aber über Antiquariate gefunden werden. Für diese Fassung wurde der Text gekürzt; einige Absätze wurden der Lesbarkeit halber zusammengezogen.

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