Gesundheit : Syrische Euphorie

Der Archäologe Peter Pfälzner berichtet in Berlin über die sensationellen Funde im Palast von Qatna

Philipp Mausshardt

Als Peter Pfälzner im August vergangenen Jahres das erste von später gefundenen 65 kleinen Tontäfelchen in den Händen hielt, glaubte er sich schon am Ziel. Pfälzner, Professor der vorderasiatischen Archäologie in Tübingen, leitete die Ausgrabungen in der Königsstadt Qatna (Westsyrien) und lebte in der Hoffnung, auf dem Gebiet des ehemaligen Königspalasts das Archiv des einstmals mächtigen Reiches aus dem 2. vorchristlichen Jahrtausend zu finden.

Das Täfelchen, ein Brief an König Idanda um das Jahr 1340 v. Chr., lag in einem zwei Meter breiten, verschütteten Gang, der vom Thronsaal abwärts führte. Ein Geheimdienstagent hatte es geschrieben, und er warnte den König vor den kriegslüsternen hethitischen Nachbarn aus dem Norden. „Befestige Qatna!“, endet sein Bericht. Nach und nach bargen die Grabungsteams ein Schriftstück nach dem anderen und so weiß man heute: Das mächtige Qatna wurde von den noch mächtigeren Hethitern um das Jahr 1340 v. Chr. zerstört, der Palast niedergebrannt.

Doch der Archivfund im Schutt des geheimnisvollen Ganges war erst der Anfang einer archäologischen Sensation. Immer tiefer führte der Korridor hinunter unter die Königsgemächer und endete nach 40 Metern in einem tiefen Schacht. „Da hatte ich erstmals die Ahnung, dass wir dabei waren, die Königsgruft zu finden“, sagt Pfälzner.

Am 15. November 2002 öffneten Peter Pfälzner und seine Mitarbeiter eine Felskammer, in der die Königsdynastie ihre Mitglieder über mehrere Jahrhunderte hinweg bestattet hatte. Rund 1900 Fundstücke, teils wertvolle Schmuckbeigaben aus Gold und Silber, waren in den Grabkammern erhalten geblieben.

Pfälzners Entdeckung versetzte die syrische Regierung in Euphorie. In der nahe gelegenen Provinzhauptstadt Homs wird bereits an einem neuen archäologischen Museum gearbeitet, in der die Grabkammern nachgebildet werden sollen, und auch der Fundort selbst wird der Öffentlichkeit in den kommenden Jahren zugänglich gemacht. Teile des 60 bis 70 Räume umfassenden Palastes sollen zumindest in ihren Grundmauern wieder aufgebaut werden. Denn Qatna gilt als eine der bedeutendsten Metropolen während der mesopotamischen Blütezeit, deren Lage am Kreuzungspunkt der Handelsstraßen zwischen Mittelmeerraum und Mesopotamien und gleichzeitig zwischen Kleinasien und Ägypten ihren Bewohnern Macht und Reichtum sicherte. Das Machtstreben, die Aufrüstung (auf einer Tafel befiehlt König Idanda die Herstellung von 18 600 Schwertern) und das spurlose Verschwinden des damaligen Herrschers nach dem Sieg seiner Feinde erinnern Pfälzner „an Begebenheiten aus heutiger Zeit“. In den kommenden Jahren will er mit Mitarbeitern die Funde auswerten und ein mehrbändiges Werk über die regionale Großmacht schreiben.

Möglicherweise kann der 43-jährige Peter Pfälzner diese Forschungen schon in Berlin weiterführen. Der Wissenschaftssenator entscheidet in diesen Tagen, ob der renommierte Archäologe Leiter des Deutschen Archäolgischen Instituts wird. Zwar steht er nur auf dem zweiten Listenplatz, doch halten ihn viele für die erste Wahl.

Pfälzner berichtet am heutigen Freitag um 19 Uhr 30 in der Remise des Ägyptischen Museums, Spandauer Damm 7 (Charlottenburg), über seine Qatna-Entdeckungen.

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