Gesundheit : Talken und forschen

Der Historiker Paul Nolte wehrt sich gegen Polemik

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„Ein Historiker“, sagt der Antisemitismusforscher Wolfgang Benz (TU Berlin), „kann sich selbstverständlich auch zu übergeordneten Fragen äußern.“ Politiker und andere Zeitgenossen sagten täglich zu allen möglichen Themen ihre Meinung – warum also nicht auch ein Sozialhistoriker, dessen Diskussionsbeiträge immerhin auf einem wissenschaftlichen Fundament stünden?

Wolfgang Benz reagiert damit auf eine Polemik gegen den Historiker Paul Nolte im Feuilleton der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (Mittwochsausgabe). Nolte wird darin vorgeworfen, dass seine Essays und Diskussionsbeiträge etwa zu Sozialreformen oder zur aktuellen Wirtschaftsentwicklung in Deutschland nicht auf Forschungsarbeiten basierten. Wenn sich große „öffentliche Historiker“ wie Hans-Ulrich Wehler oder Heinrich August Winkler publizistisch zu Wort meldeten, stehe dahinter eine jahrzehntelange wissenschaftliche Beschäftigung. Nolte aber fordere eine „neue Wachstums- und Aufschwungdebatte, ohne mit konjunkturhistorischen Studien hervorgetreten zu sein“. Auch mit seinen Vorschlägen zum „Unterschichtenfernsehen“ äußere Nolte eine „nationalpädagogische Gesamtsorge“, die nicht auf empirische Studien fuße.

Anlass der Kritik an Nolte: dessen Antrittsvorlesung an der Freien Universität Berlin am Mittwochabend. FU-Vizepräsident Klaus Hempfer nutzte die Gelegenheit, sich über den „FAZ“–Artikel zu mokieren. Es handle sich weniger um wissenschaftliche Kritik als um persönliche Vorwürfe. Nolte selbst äußerte sich am Abend nicht öffentlich zu der Polemik. Dem Tagesspiegel sagte er jedoch, er fühle sich von den Vorwürfen nicht getroffen. Ja, ihn treibe ein „pädagogischer Impetus“, wenn er sich zu gesellschaftlichen Problemen äußere, sagte Nolte. Die „Sorge um das Ganze“ vermittle ihm das Gefühl, sich an der öffentlichen Diskussion beteiligen zu müssen. „Ich spreche dann nicht immer als Fachhistoriker, sondern sehe mich in der Rolle des kritischen Intellektuellen“, sagt Nolte. Dabei versuche er allerdings, sozialen oder politischen Fragen stets eine „historische Tiefendimension zu geben, um aus der Kurzatmigkeit der Gegenwartsprobleme herauszugehen“. Tatsächlich verweist Nolte etwa in der Sozialstaatsdebatte auf die Bismarck’schen Wurzeln des deutschen Sozialsystems – oder auf Spätwirkungen der Nazizeit.

Darf sich ein Historiker ausschließlich in seinen Fachgrenzen bewegen, wenn er sich öffentlich äußert? „Das ist absurd“, sagt der Zeithistoriker Hans Mommsen. Gerade Geschichtswissenschaftler hätten ihre Rolle als Politikberater in den letzten Jahrzehnten an die Sozialwissenschaftler verloren und müssten sich eigentlich darum bemühen, sie wiederzugewinnen. Selbst wenn Geschichte in den Medien aufgearbeitet wird, seien Historiker kaum gefragt; als Experten würden nur noch Zeitzeugen befragt.

Der Berliner Historiker Arnulf Baring beklagt, dass die Geschichtswissenschaft unter einer „Verzwergung“ leide: Jüngere Historiker stürzten sich auf Detailuntersuchungen, es sei fast unmöglich, heute jemanden zu finden, der eine Überblicksvorlesung etwa über den Zweiten Weltkrieg halten könne und wolle. Das Land sei aber auf Wissenschaftler angewiesen, die sich zutrauten, größere Zusammenhänge zu beurteilen – und das mache Nolte sehr gut. Allerdings müsse sich erst noch erweisen, ob Nolte einmal als Historiker oder doch eher als Sozialphilosoph Geltung erlangen werde.

Doch gibt es auch Stimmen, die der Kritik an Noltes Medienpräsenz Recht geben. Er „schreibt und redet sich um seinen wissenschaftlichen Ruf“, sagt ein prominenter Kollege, der nicht genannt werden will. Der junge Historiker (Jahrgang 1963) verbreite seine „politische Position und nicht seine Fachkompetenz“.

Viele wollen Nolte schon früher gewarnt haben, sich im Umgang mit den Medien nicht zu übernehmen. Claudia Ulbrich, Leiterin des Meinecke-Instituts der FU, verteidigt hingegen seine „Bereitschaft, auf die Medien zuzugehen“. Die neue Historiker-Generation reagiere auch auf den legitimen Druck der Öffentlichkeit, ihr Fach auf Podien und in Talkshows zu vertreten. -ry, tiw, kjs

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