Gesundheit : Tankred Dorst lehrt ohne zu verraten, wie es geht

Andrea Roedig

Der Studiengang "Szenisches Schreiben" an der HdK zählt ganze vierzehn Studierende. Voll ist der Raum in der Künstlerwerkstatt Bahnhof Westend nicht, in dem rund ein Dutzend Zuhörer und Zuhörerinnen dem Gastprofessor Tankred Dorst folgen. Dorst, mit mehr als fünfzig Titeln einer der produktivsten und oft gespielten deutschsprachigen Gegenwartsdramatiker, hält hier zwei Mal im Jahr eine Vorlesung über jeweils eines seiner Stücke. "Autorentechnik" nennt sich das, was er hier lehren soll.

Da sitzt der Fünfundsiebzigjährige, mit weißem, vollem Lockenhaar, großer, starker Brille an einem quadratischen Tischchen, die Füße unterm Stuhl zurückgestellt, Ellenbogen aufgestützt, Schultern hochgezogen. Kompakt. Freundlich. Fest blickt er auf den Zettel mit Notizen, einzig beweglich sind die Hände, mit denen er beim Erzählen spielt. Noch immer schreibt er, meist in Zusammenarbeit mit Ursula Ehler, zwei neue Bühnenwerke pro Jahr.

Die menschliche Existenz als Rolle

Heute geht es um "Ich, Feuerbach", ein Drei-Personen-Stück, das 1986 uraufgeführt wurde. Feuerbach ist Schauspieler und soll in einem Theater vorsprechen. Doch der Intendant, auf den er wartet, wird nicht erscheinen. Stattdessen verwickelt sich Feuerbach in einen Zwist mit dem anwesenden Theaterassistenten, den er hasst. In einer Dramaturgie der langsamen Enthüllung, stellt sich nach und nach heraus, dass Feuerbach sieben Jahre lang in einer Irrenanstalt verbracht hat. "Je mehr er das verbergen will, desto mehr enthüllt er es", sagt Dorst. Zuletzt verlässt Feuerbach geschlagen und wieder verrückt geworden die Bühne.

Ihn habe damals "die menschliche Existenz als Rolle" interessiert, erklärt der Dramatiker. Eigentlich ist "Ich, Feuerbach" ein Stück für einen Schauspieler, der einen Schauspieler spielt, der kein Schauspieler ist. "Das Wesen des Schauspielers ist ja das Gegenteil von Ehrlichkeit", sagt Dorst, das Faszinierende sei die Grenzsituation, "der Schauspieler muss Verrücktheit herstellen können, aber er darf natürlich nicht wirklich verrückt sein." Dorst glaubt an das Theaterwunder. Im Stück treten Tiere auf, ein Hund und ein Schwarm von Vögeln, der Feuerbach umschwirren soll, wenn er den heiligen Franz von Assisi imitiert. Wie realisiert man eine solche Idee?

Bei der Uraufführung habe man den Vogelschwarm mit zwei dressierten Tauben darstellen wollen, erzählt Dorst, eine reichlich misslungene Umsetzung. Später, als er die Gelegenheit hatte, sein Stück selbst zu inszenieren, ließ er eigens für die Szene eine bewegliche Maschine konstruieren, in der Federbällchen an Fäden Feuerbach wie eine flirrende Wolke einhüllten. Ein kurzes, aber effektvolles Wunder. Dorst denkt beim Schreiben immer gleich die Inszenierung mit, erfahren wir, und wir erfahren, dass er nie ein Stück über ein bestimmtes Thema schreiben könnte.

"Theater erzählt eine Geschichte. Ein Theaterstück muss von Menschen handeln, von was denn sonst?" Wir erfahren, dass es Dorst schwer fällt, über eine Person zu schreiben, wenn er nicht vorher einen Namen für sie hat. Feuerbach hat nichts mit dem Philosophen zu tun. "Der Name passt einfach. Wie Feuer und Wasser." Dorst zeigt sich als Traditionalist. Der Schauspieler solle um Himmels willen nicht sich selbst spielen, der Einsatz von neuen Medien nicht zu perfekter Illusion führen, denn "die Bedienung der Phantasie durch technische Perfektion darf nicht Sache des Theaters sein". Und er stellt formale Bedingungen an Theatertexte: "Wenn Sie alle Grenzen aufheben, können Sie auch ein Telefonbuch inszenieren."

Inszenierte Abwesenheit

In der Vorlesung, so will es scheinen, inszeniert der Dramatiker selbst eine Abwesenheit. Denn wir warten. Auf eine Enthüllung vielleicht. Der Autor erzählt von den Begebenheiten, die ihn zu seinem Stück animierten, von seinen Ideen, Befindlichkeiten, von anderen Texten, die er nie geschrieben hat, nicht schreiben konnte. Er berichtet viel, monologisch, dicht. Doch er verrät nichts über die Technik, nichts darüber, wie man eigentlich ein Theaterstück schreibt.

Einmal habe er bei einem Besuch im algerischen Hoggar-Gebirge eine Hütte entdeckt, einsam, in faszinierender Landschaft, und später erfahren, dass ein gewisser Charles Foucault - zunächst Lebemann, dann Ordensgründer - diese Einsiedelei bewohnt habe. Das wäre ein Stoff für einen Bühnentext. Doch Dorst hat ihn nie schreiben können. Fünf Sätze aus dem Versuch sind in "Ich, Feuerbach" eingegangen. Das Stück über Charles Foucault sollte "die Wüste" heißen. "Die Wüste müsste auch auftreten", sagt Dorst, "ich weiß nur noch nicht, wie sie aussieht."

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