Gesundheit : Teamwork der Viren

Verursachen zwei Erreger das seltsame Lungenleiden „Sars“?

Adelheid Müller-Lissner

Aus dem Nichts kam ein neuer Krankheitsname: „Sars“. Ein Verlegenheitsname, der Erreger war noch gänzlich unbekannt. Also nannte die Weltgesundheitsorganisation WHO die neuartige Atemwegsinfektion mit Lungenentzündung nach den Symptomen: „Sars“ steht für „schweres akutes respiratorisches Syndrom“.

Nun sieht es so aus, als könne Sars in absehbarer Zeit eine Krankheit mit bekannter Ursache werden. „Nach neuesten Erkenntnissen handelt es sich bei dem Erreger um ein Corona-Virus“, sagte Hans-Dieter Klenk, Direktor des Instituts für Virologie der Uni Marburg, am Mittwoch in Berlin. Die Jahrestagung der Gesellschaft für Virologie, deren Präsident Klenk ist, gab ihm Gelegenheit, über den Stand der Ermittlungen bei der Suche nach dem Erreger zu berichten.

Noch ist demnach unklar, ob das Virus zu den alten Bekannten aus der Familie gehört oder eine neue Variante darstellt, etwa die veränderte Form eines Virus, das vorher nur bei Tieren umging. Corona-Viren verursachen normalerweise beim Menschen, vor allem bei Kindern, eher harmlose Erkältungskrankheiten.

Hans-Wilhelm Doerr, Direktor des Instituts für Virologie an der Universität Frankfurt (Main), erläuterte, wie die Mikroben- Fahnder auf die Corona-Spur kamen. Als die Infektionsexperten Blut und Rachenabstriche der Sars-Patienten unter dem Elektronenmikroskop untersuchten, entdeckten sie Partikel, die in der Größenordnung von Viren aus den „Familien“ der Paramyxo- und der Corona-Viren lagen. Mehrere Mitglieder des Paramyxo-Clans sind bei Kindern besonders verbreitet und führen ebenfalls zu eher harmlosen Infekten. Auf diese Gruppe erstreckte sich zunächst der Verdacht. Erst molekularbiologische Untersuchungen verlagerten den Verdacht dann auf die Corona-Viren.

Sollte der Erreger nun tatsächlich identifiziert sein, so hätte das auch Vorteile für den Umgang mit der neuartigen Lungenentzündung, an der nach bisherigen Erfahrungen fünf Prozent der Erkrankten sterben. „Wir könnten dann die Ansteckungsgefahr besser einschätzen und in den Kliniken das geeignete Desinfektionsmittel verwenden“, sagte Doerr. Das ist umso bedeutsamer, als wir nach Einschätzung der Experten wahrscheinlich erst am Beginn einer Epidemie stehen. Die ernst zu nehmende Viruserkrankung wird vor allem China einschließlich Hongkong und Vietnam noch länger bedrohen.

Eine wirklich ursächliche Therapie ist mit der Identifizierung des Erregers nicht verknüpft. Doerr: „Wir können nur die Symptome bekämpfen, den Atemwegen helfen und den Patienten vor Begleitinfektionen mit Bakterien schützen.“ Nur aus diesem Grund werden Antibiotika eingesetzt, die gegen Viren nicht helfen. Die Virus-Experten sind stolz auf die effektive internationale Zusammenarbeit: „Wenn der Verdacht auf ein neuartiges Corona-Virus stimmt, ist die Identifizierung innerhalb von zwei Wochen gelungen, das ist ganz außergewöhnlich schnell“, sagte Doerr.

Allerdings wird auch die Paramyxo-Spur weiter verfolgt. Denn möglicherweise sind beide Viren-Gruppen an Sars beteiligt, und das Krankheitsbild ist das Ergebnis eines verhängnisvollen Teamworks mehrerer Mikroben, zu denen auch Bakterien gehören könnten.

Einstweilen sorgen die Bilder Mundschutz tragender Menschen aus Hongkong für Beunruhigung. Zum Schutz gegen die Krankheit, die per Tröpfcheninfektion übertragen wird, sind sie bei nahem Kontakt aber sinnvoll, wie der Charité-Virologe Detlev Krüger sagte. „Viren sind zwar winzig und würden leicht durch das Gewebe passen. Doch meist sind sie an größere Partikel, etwa aus Staub, gebunden.“

Öffentlicher Info-Abend über Viren und Bioterrorismus am heutigen Mittwoch von 19 bis 20 Uhr im Audimax des Virchow-Klinikums, Augustenburger Platz (Wedding).

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