Gesundheit : Technische Nüsse statt Formeln

MARTINA KRETSCHMANN

Der "Ingenieur neuen Typs" ist fachlich exzellent ausgebildet, kann angemessen kommunizieren, organisiert und moderiert Arbeitsprozesse und hat die sozialen wie ökologischen Folgen seines Tuns stets im Blick.Idealerweise kann er sein technisches Wissen auch in fremden Sprachen ausdrücken, verfügt über betriebswirtschaftliche Grundkenntnisse und ist souverän im Umgang mit Kunden.Dieses Superwesen wurde wohl vereinzelt schon in den Konstruktionsbüros der Republik gesichtet.Aber wie es all diese Qualifikationen erlangt hat, bleibt rätselhaft.Denn die derzeitige Ausbildung sieht anders aus.Noch nicht jedenfalls.

Das bundesweite Netzwerk Innovative Ingenieurausbildung setzt sich dafür ein, daß die vielen intensiven Debatten über die "neuen Ingenieure" endlich auch zu praktischen Ergebnissen führen.Es wurde 1997 von Gewerkschaftern, Arbeitgeber-Vertretern und Lehrenden verschiedener Hochschulen gegründet."Eine Reform des Ingenieurstudiums fordern mittlerweile alle Beteiligten", sagt Wolfgang Neef von der zentralen Anlaufstelle des Netzwerks an der TU, "aber konkret hat sich noch nicht viel verändert.Das System ist extrem träge!"

Das sture Pauken "abstrakter, unverbundener Grundlagen in Mathematik und Mechanik" im Grundstudium und die Vertröstung, den Sinn der Übung werde man später im Hauptstudium verstehen, sei weder didaktisch sinnvoll noch entspreche sie internationalen Standards, meint der gelernte Flugzeugbauer Neef.Zudem scheint dieser "Initiationsritus" abschreckend zu wirken: immer weniger Abiturienten wollen Ingenieurwissenschaften studieren.Vor allem aber wird diese Lehrweise von der Industrie kritisiert.Denn ein Ingenieur begleitet den Arbeitsprozeß heutzutage oft von der Planung und Entwicklung über die Konstruktion und Fertigung bis zum Verkauf an den Kunden.Darauf sind die Neulinge von der Uni nicht vorbereitet.

"Aktivierende und problemorientierte Lehr- und Lernformen" in das Ingenieurstudium zu integrieren, ist deswegen eines der wichtigsten Ziele des Netzwerks.Der Frontalunterricht und das Repetieren von Formeln müsse abgelöst oder zumindest ergänzt werden durch ein Projektstudium, fordert Neef.Dabei ist klar definiert, was der Modebegriff bedeutet: "Ein Projekt muß sich auf ein bestimmtes, zu lösendes Problem beziehen, am besten eines aus der Praxis, es integriert mehrere Fächer und wird von Gruppen bearbeitet." Am Fachbereich Maschinenbau der TU werden solche Methoden seit ein paar Jahren erprobt.Statt der früher üblichen Aufgabenblätter, die jeder für sich allein durchackern mußte, gibt es im Grundstudium der Maschinenbauer seit drei Jahren eine "projektorientierte Konstruktionsaufgabe", erklärt Beate Bender, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Maschinenkonstruktion.

Eine Gruppe von sechs Studierenden hat ein Semester lang Zeit, um zum Beispiel einen Gartenabfall-Zerkleinerer zu konstruieren.Einmal wöchentlich treffen sie sich mit dem Betreuer, um den Arbeitsfortschritt zu besprechen.Auch im Hauptstudium gehört ein sechsmonatiges Projekt seit kurzem zur Regellehre.Die technischen Nüsse, die hier zu knacken sind, kommen oft direkt von Firmen, die sich hilfesuchend an die TU gewandt haben.

Von solchen praxisorientierten Veranstaltungen sind die meisten Studierenden begeistert.Das zeigt sich auch beim Energieseminar am Fachbereich Energie- und Verfahrenstechnik, das vor 15 Jahren von Studierenden initiiert wurde und seit 1994 regulär Wind-, Wasserkraft- und Solar-Projekte anbietet.Neef findet das vorbildlich, denn bei der Reform des Ingenieurstudiums gehe es nicht nur um personenbezogene Schlüsselqualifikationen und überfachliches Wissen, sondern auch um soziale und ökologische Dimensionen von Technikentwicklung.Empirische Studien zeigen, daß diese das Studium vor allem für Frauen attraktiver machen.Darum erhoffen sich die Netzwerker auch, den im europäischen Vergleich extrem niedrigen Frauenanteil in technischen Fächern durch die Reform zu heben.

Ideen und Modelle gibt es also zuhauf - doch woran scheitert die Umsetzung? Das größte Problem sieht Neef darin, daß einige "heilige Kühe des Ingenieurstudiums geschlachtet werden müßten".Das bisherige Studium sei extrem verschult und überladen.Die Forderung, weniger Mathematik und Mechanik im Grundstudium zugunsten projektorientierter Einführungen anzubieten, sei bisher meist an den zuständigen Wissenschaftsverwaltungen gescheitert.Deswegen plädiert Neef dafür, die inhaltliche Ausgestaltung des Studiums sogenannten Akkreditierungsvereinen zu überlassen.In den USA etwa evaluiert das "American Board of Engineering and Technology" (ABET) ingenieurwissenschaftliche Studiengänge nach bestimmten Kriterien und steuert so die Qualität der Ausbildung.Überfachliche Qualifikationen, persönliche und soziale Kompetenzen stehen dabei im Mittelpunkt.

Das Netzwerk ist im Internet zu finden unter www.fb12.ikb.uni-essen.de/netz-ing/index.html oder telefonisch an der TU erreichbar unter 030/314 215 80.

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