Gesundheit : Teil 3: Der Valdivia-Regenwald - In kühlen Regionen Südamerikas leben Jahrtausende alte Bäume

Roland Knauer

Moosüberzogene Baumstämme tragen im Dämmerlicht des Valdivia-Regenwaldes ein dichtes Kronendach ... Vier Meter hoher Bambus, Riesenfarne und alle möglichen anderen Gewächse verfilzen zu einem dichten Unterholz. Mitten im Wald plötzlich ein gigantischer Baumstumpf. Nein, es ist ein lebender Nadelbaum, eine Alerce (Fitzroya cupressoides), die nur hier in Chile und Argentinien wächst. Ihre rissige Rinde sieht fast wie Totholz aus. In zehn Jahren legt eine solche Alerce gerade mal einen Zentimeter an Durchmesser zu. Mehr als fünf Meter Durchmesser hat dieser Riese, er könnte mit seinen mindestens viertausend Jahren das älteste Lebewesen auf der Erde sein. Solch ein Methusalem ist auch in Chile außergewöhnlich.

Bald könnten sie für immer verschwunden sein. Denn der Valdivia-Regenwald ist gefährdet. Während die Menschen in Europa längst den Schutz der tropischen Wälder in Amerika, Afrika und Asien fordern, kennt fast niemand die fantastischen Regenwälder in den kühlen Regionen Südamerikas, die von eisgepanzerten Granitgipfeln überragt werden. Dabei könnten die mächtigen Alerce-Urwaldriesen schneller von diesem Globus verschwinden, als die Mahagoni-Bäume des Kongo-Beckens. Denn Holzfäller rücken den Wäldern in den Anden ähnlich zu Leibe wie in den Tropen. Deshalb hat der World Wide Fund for Nature (WWF) die Valdivia-Regenwälder auch zu einem der Global 200-Gebiete gewählt, die er auf der EXPO 2000 als besonders schützenswert vorstellt.

Lianen schlängeln sich um Urwaldriesen, Flechten hängen wie die langen Bärte von Sagengestalten von knorrigen, verwachsenen Bäumen. Tief haben die Pferde Hohlwege in den weichen Boden getreten, die gerade so breit sind, dass ein Reiter nicht mit den Knien rechts und links anstößt. Bis zu vier Meter tief sind diese engen "Schluchten" stellenweise, in deren Seitenwänden man noch deutlich an Hand verschiedener Vulkan-Asche-Schichten ablesen kann, wie oft denn der nächste Vulkan in den letzten Jahrtausenden ausgebrochen ist. Da die Anden vor Vulkanen wimmeln, findet sich fast überall in den Valdivia-Regenwäldern solche Ascheschichten.

Weiter oben dominiert übermannshoher Bambus, zwischen dem der matschige Weg sich bis zum achthundert Meter hohem Pass windet. Ganz oben wird es flacher, Farne wachsen hier. Steil und matschig geht es danach wieder in die Tiefe, langsam hört der leichte Nieselregen auf. Dann eine Ebene und Weideland. Hinter der dunkelgrünen Wasserfläche eines glasklaren Sees ein mit Holzschindeln verkleidetes Blockhaus unter dunkelgrünen Wäldern und schneebedeckten Felsgipfeln. Ein wunderschöner Fleck für eine Estancia, allerdings auch recht abgelegen. Und doch demonstriert dieser äußerste Vorposten der Zivilisation überdeutlich die Gefährdung des Ökosystems.

Eine Stunde reitet man von hier aus noch durch diesen märchenhaften Regenwald ein, den man mit allen Sinnen erfahren muss. Die Düsternis unter seinem dichten Kronendach muss man sehen, die Feuchtigkeit auf der Haut spüren, den Moder riechen und die Blätter im Wind rauschen, das uralte Holz knarren hören, um diesen Valdivia-Regenwald zu verstehen. Magellanspecht und Smaragd-Sittich leben hier und der Pudu, der kleinste Hirsch der Welt. Bäche rauschen neben dem Pfad zu Tal. Dann öffnet sich der Wald, Kühe, Schafe und Pferde weiden auf hügeligen Wiesen unter vergletscherten Vulkankegeln.

Noch sind Pferde und Ochsengespanne im nahen Dorf das einzige Verkehrsmittel in dieser Weltregion. Aber bald wird die wenige Kilometer weiter endende Straße auch diese Idylle erreichen. Neue Farmer werden kommen, Bäume fällen und Weiden anlegen. Der Valdivia-Regenwald wird weiter zurück gedrängt werden. Bis der letzte Alerce-Baum gefällt sein wird. Es sei denn, dem Global 200-Programm des WWF gelingt es, den Wald zu retten.

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