TERMINE : Der unsichtbare Silberblick

Früh erkannt, kann eine einseitige Sehschwäche ausgeglichen werden. Augenärzte fordern deshalb eine Reihenuntersuchung für Kinder

Adelheid Müller-Lissner

Michael M. war ein süßer kleiner Junge mit wunderbar klaren hellblauen Augen, die sehr intensiv geradeaus schauten. Inzwischen ist er längst erwachsen. Und er hält es für sein Pech, dass er als Kind nicht geschielt hat. Dann wäre nämlich nicht erst in seiner Grundschulzeit aufgefallen, dass bei ihm mit dem rechten Auge etwas nicht stimmte. Dass er kaum etwas sehen konnte, wenn er sich das linke Auge zuhielt. Und dass dieses eine Auge, auf das er für seine Wahrnehmung für sein weiteres Leben angewiesen sein würde, ihm den dreidimensionalen Eindruck der Welt verweigert.

Um einen räumlichen Seheindruck zu bekommen, brauchen wir beide Augen. Und sie müssen auf dieselbe Stelle gerichtet sein. Das geringfügig unterschiedliche Bild, das in ihnen entsteht, wird dann vom Gehirn zu einem einzigen Bild in 3D-Optik verschmolzen. Sind die beiden Bilder zu unterschiedlich, unterdrückt ein kindliches, noch unausgereiftes Gehirn eines davon – und muss sich so nicht mit störenden Doppelbildern quälen. Doch der Preis, der dann für das ungestörte Sehen bezahlt wird, ist hoch: Weil die Nervenbahnen des schlechteren Auges zum Gehirn nicht gebraucht werden, verkümmern sie, statt sich zu entwickeln. Später ist es kaum noch möglich, sie in nennenswertem Umfang zu reaktivieren: Was Hänschen nicht sieht, sieht Hans nimmermehr.

Ein häufiger Grund für das Entstehen solcher unterschiedlichen Bilder, die das Gehirn nicht toleriert, ist das Schielen. Durch die Fehlstellung eines Auges treffen dabei die Sehachsen der beiden Augen nicht auf dieselbe Stelle.

Doch zum Glück fällt das Schielen früh auf: Wenn ein Kind offensichtlich mit dem einen Auge woanders hinguckt als mit dem anderen, gehen die Eltern mit ihm zum Augenarzt – schon aus rein ästhetischen Gründen stört ein stärkerer Silberblick. Für die Behandlung gibt es dann drei Bausteine, die allein oder in Kombination zum Einsatz kommen: Eine Brille zur Korrektur des Brechungsfehlers, eine Augenklappe zum Abdecken des „besseren“ Auges und eine Operation an den äußeren Augenmuskeln. Ein solcher Eingriff ist aber nur nötig, wenn das Kind stark schielt.

In etwa der Hälfte aller Fälle hat es jedoch einen anderen Grund, wenn ein Auge vom Gehirn „abgeschaltet“ wird: Dieses Auge liefert eine deutlich schlechtere Qualität als das andere, etwa wegen einer starken Weitsichtigkeit. So war es bei Michael M. – und so ist es bei ihm zeitlebens geblieben. Denn sein Sehproblem war für die Menschen in seiner Umgebung nicht früh genug erkennbar.

Auch ihm hätte es aber geholfen, wenn sein linkes, „gutes“ Auge nach einem ausgeklügelten Plan zeitweise abgedeckt worden wäre, um das rechte rechtzeitig zu trainieren. Diese Behandlungsidee für die Schwachsichtigkeit, die Mediziner Amblyopie nennen, ist ebenso einfach und alt wie wirkungsvoll. „Bis zum vierten Lebensjahr können wir eine Amblyopie meist perfekt behandeln“, sagt Georg Eckert, Sprecher des Berufsverbandes der Augenärzte (BVA).

Voraussetzung für eine erfolgreiche Therapie ist natürlich, dass die Sehschwäche auch so früh erkannt wird. „Wenn sie erst beim Einschulungstest auffällt, ist es meist schon zu spät“, sagt Augenarzt Eckert. Bei den gesetzlichen Früherkennungsuntersuchungen U1 bis U7, die bis zum dritten Geburtstag beim Kinderarzt stattfinden sollen, werden nach Aussage des BVA heute nur zehn Prozent der Fehlsichtigkeiten und Stellungsfehler an Kinderaugen diagnostiziert.

Der Verband und die Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft, die ab kommenden Donnerstag rund 4500 internationale Experten zum Augenkongress in Berlin empfängt, wünschen sich deshalb seit Jahren eine Routine-Untersuchung beim Augenarzt für alle Kinder zwischen dem 30. und 40. Lebensmonat, also noch vor ihrem vierten Geburtstag. Hatten schon andere Familienmitglieder eine Amblyopie oder haben als Kinder geschielt, sollten die Eltern mit ihren Kleinkindern noch früher kommen.

Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen kommt allerdings in einem aktuellen Bericht zu dem Schluss, dass die wenigen wissenschaftlichen Studien zu diesem Thema „keine belastbaren Aussagen zum Nutzen“ eines solchen Augen-Screenings im Vorschulalter zulassen. Außerdem, so mahnt das Institut, müsse man den möglichen Schaden einer Reihenuntersuchung bedenken: Es könne passieren, dass dabei Kinder auffallen, deren Sehschwäche sich später auch von allein zurückbilden würde, denen also unnötigerweise eine Augenklappe oder eine Brille verordnet werde – mit negativen psychosozialen Auswirkungen wie Hänseleien im Kindergarten. Allenfalls als räumlich und zeitlich begrenztes Programm, das dann gründlich wissenschaftlich ausgewertet werde, könne man einen solchen augenärztlichen Test für alle Kinder einführen.

„Bei zwei- bis dreijährigen Kindern gibt es mit den Methoden, die uns heute zur Verfügung stehen, keine groben Fehleinschätzungen“, kontert der Aachener Augenarzt und Amblyopie-Experte Bernd Bertram. Der Vorsitzende des Augenärzte-Verbandes verweist im Gegenzug auf den Schaden, der im schlimmsten Fall entstehen kann, wenn eine Amblyopie nicht rechtzeitig behandelt wird. „Studien zeigen, dass Menschen mit einer solchen Sehschwäche mit größerer Wahrscheinlichkeit erblinden. Sie haben nur das eine funktionstüchtige Auge, und sie haben damit häufiger Unfälle, wohl auch deshalb, weil ihnen die räumliche Orientierung schwerer fällt.“ Außerdem kommen für die Betroffenen bestimmte Berufe nicht in Frage: Die Ausbildung zum Piloten dürfen sie nicht machen, Grafiker oder Kameramann können sie kaum werden und als Chirurgen haben sie es besonders schwer.

Auch der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte setzt sich für eine frühe Untersuchung aller Kinderaugen ein. Zwar schließt die sehr kurzfristig mit Wirkung vom 1. Juli eingeführte Früherkennungsuntersuchung U7a für die Dreijährigen jetzt eine Lücke, denn zuvor gab es im Alter zwischen zwei und vier Jahren keine allgemeine Vorsorgeuntersuchung beim Kinderarzt. Doch der Sehtest, der in der U7a vorgesehen ist, „entspricht nicht den von Augenärzten und uns erhobenen Forderungen an ein flächendeckendes Sehscreening“, wie Verbandspräsident Wolfram Hartmann betont.

Die Kinderärzte haben nun die Qual der Wahl zwischen verschiedenen einfachen Tests, die sie im Rahmen der neuen Vorsorgeuntersuchung einsetzen können. Eines ist für Ulrich Fegeler, Sprecher der Berliner Kinderärzte, jedoch klar: „Beim leisesten Verdacht auf eine Amblyopie schicken wir die Kinder zum Augenarzt.“ Michael M. war mit seinem zweijährigen Sohn gerade dort. Der Junge trägt schließlich ein erhöhtes erbliches Risiko.

Mehr Informationen im Netz unter:

www.kinderaugen.info

www.augeninfo.de

www.kinderaerzte-im-netz.de

www.iqwig.de/sehscreening-im-vorschulalter-nutzen-und-schaden.765.html

DIENSTAG, 16.9.

Infoabend für werdende Eltern,

mit Kreißsaalbesichtigung.

Krankenhaus Waldfriede,

Argentinische Allee 40, 18 Uhr.

Infoveranstaltung: „Wohngemeinschaften für Menschen mit Demenz“,

Verbraucherzentrale Berlin,

Anmeldung unter 214 85 260 oder per Email unter anmeldung@vz-bln.de,

Hardenbergplatz 2, 10 Uhr.

MITTWOCH, 17.9.

Vortrag: „Therapie bei Frakturen nahe

des Hüftgelenks“
, Vivantes AugusteViktoria-Klinikum, Rubensstraße 125,

Haus 1, Gründersaal, 19 Uhr.

DONNERSTAG, 18.9.

Vortrag: „Adipositas“, Informationen über das Programm „Leichter Leben“, Anmeldung unter 0180 36 22 46 48

Vivantes Humboldt-Klinikum,

Am Nordgraben 2, 16 Uhr.

Vortrag: „Behandlung von Psychosen“,

Inforeihe des Sozialpsychiatrischen Dienstes im Rathaus Spandau,

Anmeldung unter 33 03 33 54, Carl-Schurz-Straße 2–6,

Raum 128a, 18 Uhr.



SAMSTAG, 20.9.

Reha-Tag 2008
, Informationen zur

Rehabilitation in der Orthopädie,

Kardiologie, Neurologie, Onkologie und Pulmonologie, Rehabilitation GmbH,

Rubensstraße 125, 14 bis 18 Uhr.

SONNTAG, 21.9.

Vortrag: „Gesundes Herz – langes Leben“, Charité, Campus Mitte, Luisenstraße 64, Großer Hörsaal, 11 Uhr. Tsp

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