Gesundheit : Terroristen: Kalter Hass

Bas Kast,Hartmut Wewetzer

Einen Massenmörder stellen wir uns gern als Ungeheuer vor. Als Frankensteins Monster. Als nicht-menschliches Wesen. Wie sonst können wir uns die brutale Gewalt dieses Menschentypus erklären? Doch in krassem Kontrast zu dieser Vorstellung stehen oft die Beobachtungen von Menschen, die dem vermeintlichen Monster nahe standen, Nachbarn, Bekannte, Vorgesetzte. "Der war ganz unauffällig", heißt es nicht selten. "Was - der soll das gewesen sein? Das kann ich mir gar nicht vorstellen ..."

Mensch oder Monster - wie tickt ein Terrorist, der eine mit Unschuldigen, mit Frauen, Kindern und Alten besetzte Boeing absichtlichin einen Wolkenkratzer steuert? Wie sieht es aus im Innern eines derartigen Selbstmordattentäters? Auch wenn dieser Verbrechertypus den Psychologen Rätsel aufgibt, eines erscheint ihnen ziemlich sicher: Die Terroristen von New York waren nicht geistesgestört.

Mensch oder Monster?

"Die Attentäter hatten auch keine psychische Krankheit", sagt Rudolf Egg, Leiter der Kriminologischen Zentralstelle in Wiesbaden. "Wer so minutiös planen kann, wer ein Flugzeug steuern kann - ich sehe sogar eine Gefahr darin, diese Terroristen in die monströse Ecke zu stellen."

In den Augen der Selbstmordattentäter von Manhattan, sagt Experte Egg, waren wir die Monster: wir waren die Nicht-Gläubigen, die Nicht-Menschen, die man zerstören kann, ja zerstören muss, um damit einer höheren Sache zu dienen. "Wir stellen uns also gewissermaßen auf eine Stufe mit den Terroristen, wenn wir sie nun im Gegenzug als Nicht-Menschen abtun", sagt Egg.

Wenn es sich bei den Terroristen nicht um Monster handelt, wie funktionieren sie dann? Dazu gibt es derzeit nur wenig handfeste Erkenntnisse. Ariel Merari, Pschychologe an der Universität von Tel Aviv in Israel, hat die Biographien von über 50 palästinensischen und libanesischen Bombenattentätern untersucht, die sich und andere bei ihrem Anschlag in die Luft sprengten.

Der Befund: Die Männer waren jung, im Schnitt 22 Jahre alt, allein stehend und strenggläubige Moslems. Die Attentäter hatten oft ihnen nahe stehende Menschen im Straßenkrieg Isreals verloren - einer bestimmten sozio-ökonomischen Gruppe jedoch waren die Männer nicht zuzuordnen.

Ein ähnliches Rätsel geben die Terroristen von New York auf. Die deutlichste Parallele zu den Männern, die Psychologe Merari untersucht hat, ist der strenge Glaube. "Die Selbstmordterroristen glauben fest daran, dass es etwas gibt, das mehr wert ist als ihr eigenes Leben - ein religiöses oder politisches Ziel", sagt Egg.

Allerdings waren die Attentäter von New York älter als die Männer in Meraris Studie. Mohammed Atta, der eine Boeing 757 in den Nordturm des World Trade Centers lenkte, war 33. Die Täter waren nicht alleine, sie hatten Freundinnen und Familien - das alles passt nur schlecht ins Bild von dem jungen Mann, der nichts zu verlieren hat. Das waren keine Männer aus der Unterschicht, wie oft bei den Selbstmordattentätern in Israel, die vom Leben nur wenig erwarten können, es waren Studierte. Atta war Stadtplaner, der an der Technischen Universität Hamburg-Harburg studiert hatte.

Die Psyche der New Yorker Attentäter wirft also weiter Fragen auf. Einen gewissen Einblick in die geistige Welt dieser Terroristen gibt ein Leitfaden für Selbstmordattentäter, der in Attas Reisetasche gefunden wurde (siehe Infokasten). Der Leitfaden ist eine gespenstische Mischung aus Instruktion und religiösem Wortschwall. Der mordende Terrorist wird darin zum Werkzeug eines zürnenden Gottes hochstilisiert.

Völlige Hingabe

Rolf Bayerl, Psychoanalytiker und Chefarzt am Krankenhaus des Maßregelvollzugs in Berlin, erkennt in dem Leitfaden Elemente einer meditativen, auf Autosuggestion beruhenden Technik: ständig wird die Allmacht Gottes beschworen. Sie wird dem Terroristen immer wieder eingebläut. Die völlige Hingabe an ein Ideal, ein Über-Ich, führt gleichsam zur Selbstaufgabe. "Der Terrorist als Individuum existiert nicht mehr", sagt Bayerl. "Er ist eine menschliche Bombe in der Hand Gottes und völlig frei von dem, was man Gewissen nennt."

Dabei ist das Ideal, dem der Terrorist sich verschreibt, letztlich austauschbar. Bayerl sieht gewisse Parallelen zum Linksterrorismus, der nicht das Reich Gottes, sondern eine "ideale Gesellschaft" herbeibomben wollte. In beiden Fällen handelt es sich um nach außen hermetisch abgeriegelte Verschwörergruppen, die gleichzeitig durch ein Netz von Sympathisanten gestützt wurden. Die Terrorgruppe bildet einen "elitären" Orden von Auserwählten. "Fanatisch, aber gehorsam" seien die Terroristen, sagt auch der Kriminologe Egg.

Mit dem Selbstopfer des Attentäters korrespondieren wahnhafte Allmachtsgefühle. Nicht Tod und Zerstörung stehen im Vordergrund, sondern die Phantasie, durch das Feuer hindurch zum ewigen Leben zu gelangen. Der Selbstmordattentäter ist im Kern unverletzlich, er ist Ungläubigen wie "normalen" Gläubigen weit überlegen. Im Tod besiegt der Attentäter einen ganzen Kulturkreis: "Alle westlichen Zivilisationen sind in ihrem Inneren sehr schwach", heißt es in dem Leitfaden des Selbstmord-Terrors.

"Selbstmordattentäter haben Ähnlichkeit mit Amokläufern", sagt der Psychiater Bayerl. "Das sind oft Menschen, die sich zu wenig geliebt vorkommen. Gleichzeitig speichern sie seelische Verletzungen und Kränkungen in ihrem Inneren." Während palästinensische Jugendliche ihre Wut herausschreien und Steine auf israelische Soldaten werfen, beschließt der Terrorist ganz im Stillen, Rache für seine Erniedrigung zu nehmen. Er reagiert sich nicht ab und bleibt nach außen ungerührt und kühl. "Amokläufer sind scheinbar nette Leute von nebenan", sagt Bayerl. Ganz unauffällig eben, wie Mohammed Atta. "Bis die Bombe hochgeht."

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